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BR-Symphonieorchester:Liebesgrüße von Sir Simon

Simon Rattle, 2016

Dirigent Simon Rattle 2016 bei Proben des BR Symphonieorchesters im Herkulessaal.

(Foto: Stephan Rumpf)

Dirigent Simon Rattle, künftig Chef der BR-Symphoniker, vergleicht diese mit einem "englischen Garten". Dann erklärt er, warum er mit dem London Symphony Orchestra Schluss macht.

Von Reinhard J. Brembeck

Vor dem Gesetz und vor Zoom sind alle gleich. Und so muss man im Gewirr der kleinen Bildschirmbildchen schon ein bisschen suchen, bis man Simon Rattle entdeckt. Vermutlich ist seine Kamera so schlecht wie die aller Teilnehmer, weshalb der weltberühmte Dirigent rote Flecken im Gesicht hat. Er sitzt daheim in Berlin vor einem weißen Regal, in dessen Fächern man Partituren vermuten möchte. Wo aber ist der Taktstock? Die anderen Teilnehmer: der Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR) Uli Wilhelm, Vertreter von Chor und Symphonieorchester des BR und jede Menge Journalisten. Am Montag hatte der BR verkündet, dass Rattle ab Sommer 2023 Chefdirigent der BR-Symphoniker sein soll, als Nachfolger des vor einem Jahr gestorbenen Mariss Jansons.

Rattle wurde schon lange als Nachfolger gehandelt, er und das Weltspitzenorchester verstehen sich wunderbar. Für den Ende des Monats scheidenden Intendanten Wilhelm ist das der größte Triumph seiner Amtszeit. Alles beim BR strahlt deshalb nur eines aus: Glück, Glück, Glück und nochmals Glück.

Und Rattle? Der gibt sich bescheiden wie immer. Er hat die Einwände seines Berliner Fischhändlers gegen die bayerische Sprache in den Wind geschlagen, um beim weltweit "humansten" (Rattle) Orchester anzuheuern. Rattle spricht nach 20 Jahren in Deutschland immer noch ein vorzügliches Englisch. Der Mann ist ein treuer Typ, jeweils fast 20 Jahre war er erst Chef bei den Birmingham-Sinfonikern, dann bei den Berliner Philharmonikern. Daran schloss ein fünfjähriges Intermezzo beim London Symphony Orchestra (LSO) an, das 2023 endet. Danach wird der Mann aus Liverpool mit 68 Jahren in München seinen vielleicht letzten Dauerjob antreten. Seine Pläne? Das seien so viele, dass er Wochen für eine Antwort bauchen würde. Zweimal nennt Rattle Robert Schumann. Das ist der Romantiker, bei dem er sich am wohlsten fühlt, bei dem er am überzeugendsten agiert.

Rattle lobt die Flexibilität seines zukünftigen Ensembles, dessen Offenheit und Klangfarbenspektrum. Diese Truppe sei wie ein "englischer Garten", den man zweimal die Woche jäten müsse, bewässern, pflegen. Er habe das Gefühl, dass Rafael Kubelík noch immer im BR-Klang anwesend sei. Obwohl es keinen Musiker mehr gibt, der unter dem legendären BR-Chefdirigenten zwischen 1961 und 1979 noch gespielt hat.

Dem Brexit gewinnt Rattle nicht viel ab, glaubt aber, dass der kein Ende, sondern ein Anfang ist. In London wollte er einen neuen Konzertsaal für sein LSO. Das wird wohl nichts. Rattle zeigt dafür Verständnis, dass seine besonders von der Seuche gebeutelte Heimat jetzt vielleicht andere Sorgen hat. Aber weder Brexit noch die Konzertsaalpleite noch die prekäre Situation der Künste in Britannien sind der Grund dafür, dass er mit London Schluss macht. Das LSO bräuchte jemanden, der seine ganze Kraft und Zeit für dessen Belange einsetzen würde. Das aber kann er von Berlin aus und in seinem Alter nicht. Er will dem LSO aber auf Lebenszeit bis zu sechs Wochen jährlich schenken. Mittlerweile hat Rattle die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Auf die britische aber würde er nie und nimmer verzichten.

Und der neue Münchner Konzertsaal? Der sei keine Bedingung für seinen Vertrag hier gewesen. "A home helps", sagt er lakonisch zur noch heimatlosen Lage der BR-Symphoniker, wohl wissend, dass der Neubau noch endlose Gespräche nach sich ziehen wird. Intendant Wilhelm ist überzeugt, dass der Saal kommen wird. Dessen zukünftige Bedeutung vergleicht er, das ist ein kühnes Bild, mit dem des Centre Pompidou in Paris. Wilhelm sichert zu, dass zumindest 2021 die beiden Orchester und der Chor des BR nicht aufgelöst werden, dass sie keine Etateinbußen hinnehmen müssen. Denn die klassische Musik sei seit 70 Jahren das Aushängeschild des BR, der in der Symbiose mit der Klassik ein "Gesamtkunstwerk" sei. Wilhelm liebt in seiner Triumphstunde die großen Worte. Bayern sei groß wegen seiner Pflege von Wissenschaft und Kunst. Das würde auch seine Nachfolgerin so sehen.

Wolf Wondratschek schreibt in der München-Hommage "Kleinhesseloher See": "Hier gingen große Dirigenten und hatten endlich die Hände in den Hosentaschen." So weit ist Rattle noch nicht. Er hat zwar wie alle seine Kollegen derzeit wenig zu dirigieren, aber die Hände in den Hosentaschen - nein! Rattle kocht gern und viel, der Meister nennt den Meisterkoch Yotam Ottolenghi als eine Inspirationsquelle, und ansonsten müssen drei Kinder im Berliner Homeoffice nicht nur gefüttert, sondern auch bespaßt werden. Und schon ist eine ausnahmsweise unterhaltsame Zoomstunde vorbei.

© SZ vom 16.01.2021/sim
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