Kulturszene MünchenNoch mehr Kürzungen – diesmal vom Bund

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Arbeiten wie  „WUW - Wind und Wand“ des außergewöhnlichen Duos Zinada sind für junges Publikum gedacht. Die Förderung vom Bund gibt es dafür nicht mehr.
Arbeiten wie  „WUW - Wind und Wand“ des außergewöhnlichen Duos Zinada sind für junges Publikum gedacht. Die Förderung vom Bund gibt es dafür nicht mehr. (Foto: Christina Gerg)

Es fließt generell wenig Geld aus Berlin in die Münchner Kultur. Jetzt fallen Fördergelder weg – mit unmittelbaren Auswirkungen auf die freie Szene, aber auch mobile Aufführungen für Kindergärten und Schulen sind betroffen.

Von Sabine Leucht

Der Frust ist groß, der Unglaube auch. „Alle dachten, es geht irgendwie weiter“, sagt Judith Huber vom Münchner Pathos Theater. Als im November die Bundesmittel für die Kultur beschlossen wurden, kamen die Anliegen der freien Tanz- und Theaterszene in den Nachtragshaushalt. Was beweist, dass die einschlägigen Akteure und Verbände die Parlamentarier von ihrer Sache überzeugen konnten. Zumindest ein bisschen, denn gereicht hat es nicht.

Trotz eines Rekord-Etats von 2,57 Milliarden Euro gab es eine Nullrunde für den Tanz und viele Tiefschläge für die freien darstellenden Künste insgesamt. Ohnehin fließt traditionell schon wenig Geld vom Bund in die Münchner Kulturszene. Auch das Land Bayern hält sich extrem zurück. Jetzt wird es noch weniger.

Ein Projekt wie „Explore Dance“, für das Städte, Länder und Bund seit 2018 gemeinsam Verantwortung übernehmen, ist ein seltener Glücksfall. Das gilt nicht nur für das Finanzierungsmodell, sondern auch für die entstandene Kunst. Das länderübergreifende Netzwerk, das bislang 35 Performances für junges Publikum ermöglicht hat – darunter die erste eigene Arbeit der Münchner Förderpreisträgerin Tanz, Sahra Huby, und das außergewöhnliche Duo Zinada –, hat unter anderem 2019 den Theaterpreis „Der Faust“ und 2024 den renommierten Förderpreis für herausragende Entwicklung des Deutschen Tanzpreises gewonnen. Dass sich der Bund trotzdem aus der Förderung des Projektes zurückzieht, ist ein fatales Signal. Denn es zeigt, dass noch nicht einmal Erfolg zählt. Und das bei einem Kulturstaatsminister wie Wolfram Weimer, der derart auf Exzellenz pocht.

Simone Schulte-Aladag hat als Leiterin von Fokus Tanz München das „Explore Dance“-Netzwerk mit aufgebaut, das inzwischen bis Hamburg, Potsdam, Dresden, Frankfurt und Stralsund reicht: „Reichweite, Relevanz und Nachfrage sind permanent gewachsen, die Enttäuschung ist umso gewaltiger“, sagt Schulte-Aladag – und fragt sich: „Liegt es vielleicht auch am Wording?“ Begriffe wie „kulturelle Teilhabe“ sind beim CDU-Minister Weimer weniger angesagt als bei seiner Vorgängerin Claudia Roth. Das, was sich hinter dem Begriff versteckt, müsste doch aber alle brennend interessieren, weil es maximal demokratierelevant ist: „Explore Dance“ erreicht mit künstlerisch wertvollen, aber niedrigschwelligen Produktionen Kinder aller Herkünfte und Gesellschaftsschichten.

Die Aufführungen kann es in jedem Kindergarten geben

Vor allem die mobilen Pop-up-Formate können theoretisch in jeder Kindergarten- oder Schulturnhalle gastieren. So fand erst im November die Neuproduktion „Was geht, Erdling?“ in Straubing vor 140 Erst- bis Viertklässlern statt, Auftritte bei kleineren kulturschwachen Gemeinden sind in Planung. Diese kleinformatigen Stücke sind nicht nur extrem mobil, sondern auch vergleichsweise günstig. Selten wird mit so wenig Geld – 2024 kamen vom Bund 300 000 für damals vier Netzwerkpartner – so eine immense Hebelwirkung erreicht. Laut Schulte-Aladag schlagen deshalb auch die beteiligten Kommunalverwaltungen weiterhin beim Bund Alarm. Schon deshalb, weil sie die entstandenen Finanzierungslücken kaum alleine werden schließen können.

Münchens Kulturreferent Marek Wiechers bedauert den Wegfall der Bundesmittel für das Projekt „Explore Dance“. „Diese Entscheidung bedeutet eine strukturelle Schwächung dieses wichtigen Projekts und stellt das bislang Erreichte deutlich infrage“, schreibt er in einer Stellungnahme. „Das Kulturreferat der Landeshauptstadt München wird sich weiterhin dafür einsetzen, die Förderung von ,Explore Dance‘ aufrechtzuerhalten. Das ist in diesen herausfordernden Zeiten das Gebot der Stunde.“

Die Finanzierungslücken betreffen auch die Münchner freie Szene-Spielstätten Schwere Reiter, Pathos und HochX, die in den vergangenen Jahren als Mitglieder des Netzwerks Freier Theater (NFT) von Flausen+, FestivalFriends oder Freischwimmen stark vom Programm „Verbindungen fördern“ des Bundesverbands Freie Darstellende Künste (BFDK) profitiert haben. Das wurde nun nach fünf Jahren eingestellt. Was für Ute Gröbel aus dem Leitungsteam des HochX zu einer „politisch vielleicht sogar gewollten Re-Provinzialisierung des freien Theaterschaffens in München“ führt.

Jetzt wird alles „platt betoniert“

Pathos wie HochX konnten sich über dieses Programm mit anderen kleinen und mittleren Häusern und Festivals austauschen und Dinge ermöglichen, die sonst in dieser Stadt nicht möglich sind:  Künstler für Gastspiele und Residenzen einladen und Münchner Künstlerinnen wie die Tänzerin Quindell Orton oder die Pianistin Masako Ohta in andere Städte schicken. Damit ist jetzt erst mal wieder Schluss. Ebenso wie mit der direkten Unterstützung von Künstlerinnen und Künstlern, deren Entwicklungsstand man genau kennt. Dafür muss man sich jetzt wieder an den zentralistischer operierenden Fonds Darstellende Künste wenden, der allerdings auch „immer weniger zu verteilen hat“, wie Gröbel als dessen Kuratoriumsmitglied weiß.

„Wir haben diesen Garten fünf Jahre lang gepflegt“, sagt Judith Huber. „Jetzt wird er wieder platt betoniert, und es darf nichts mehr wachsen, außer vielleicht das ein oder andere besonders resiliente Pflänzchen.“  Welche das sein werden, ist schwer zu sagen. Die gemeinsame Gastspielreihe „Split and Merge“ von HochX und Pathos ist ganz sicher Vergangenheit. Bei „Explore Dance“ steht das Gastspielprogramm bis August. Ausschreibungen für neue Stücke wird es voraussichtlich nicht geben. Sollten sich auch die klammen Kommunen zurückziehen, wird das System über kurz oder lang zusammenbrechen.

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