Süddeutsche Zeitung

Razzia wegen Missbrauchs und Kinderpornografie: "Wir probieren, sie alle zu bekommen"

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Bei einer großen Razzia in München und dem Umland stellen Ermittler Mobiltelefone, Laptops und Computer sicher. Gleich mehrere Staatsanwaltschaften werfen insgesamt 16 Verdächtigen zum Teil schwerste Straftaten vor.

Von Martin Bernstein

"Wir probieren, sie alle zu bekommen." Erst im Juli hatte die Leiterin des neu geschaffenen Kommissariats zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt gegen Kinder den vielen Tätern gedroht, die es auch im Bereich des Polizeipräsidiums München gibt. Für 16 weitere Verdächtige ist diese Drohung am Montag Realität geworden: Polizistinnen und Polizisten durchsuchten deren Wohnungen. Einer der Männer, 19 Jahre alt, soll eine 13-Jährige vergewaltigt haben. Ein anderer, 64 Jahre alt, brüstete sich in einem Chat damit, seine Tochter missbraucht zu haben, als diese neun Jahre alt war. 14 weitere Männer sollen Kinderpornografie besessen und teilweise auch verbreitet haben.

Im Kampf gegen Kinder- und Jugendpornografie durchsuchten am Montag nun rund 60 Einsatzkräfte der Münchner Polizei auf richterliche Anordnung 16 Wohnungen und Häuser in der Stadt und im Landkreis München. Die Durchsuchungen fanden in den Münchner Stadtteilen Allach, Bogenhausen, Hadern, Laim, Neuaubing, Neuperlach, Obergiesing und Sendling sowie in Garching bei München, Kirchheim bei München, Krailling, Neubiberg, Taufkirchen und Unterhaching statt.

Festnahmen gab es nicht. Die Ermittlerinnen und Ermittler stellten aber mehr als 150 elektronische Speichermedien und Smartphones sowie persönliche Computersysteme sicher und werden diese digitalforensisch nach inkriminierten Dateien auswerten. Sehr wahrscheinlich ist es, dass sie dabei - etwa in Chatverläufen - auf weitere Fälle und Tatverdächtige stoßen werden. Die Ermittlungen des zuständigen Kommissariats 17 (Sexualisierte Gewalt gegen Kinder, Kinder- und Jugendpornografie) unter Sachleitung der Staatsanwaltschaften München I, München II sowie des bei der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg errichteten Zentrums zur Bekämpfung von Kinderpornografie und sexuellem Missbrauch im Internet (ZKI) dauern an.

Viele Hinweise kommen aus den USA

Die Informationskette, die zu der Razzia geführt hat, reicht in den meisten Fällen von den Vereinigten Staaten bis nach München. Am Anfang steht die Meldung eines Plattformbetreibers - also etwa von Facebook oder Instagram - über einen verdächtigen Account, auf dem kinderpornografisches Material entdeckt wurde, an das staatlich geförderte gemeinnützige US-amerikanische National Center for Missing & Exploited Children (NCMEC). Dieses informiert das Bundeskriminalamt (BKA) über deutsche Accounts. Das bayerische Landeskriminalamt (BLKA) informiert dann die Ermittler vom K17 über Tatverdächtige, die in Stadt oder Landkreis München lokalisiert werden können.

Bereits 2020 hatte das Polizeipräsidium eine Ermittlungsgruppe zur Bewältigung der vielen Fälle gegründet, im April dieses Jahres dann das neue Kommissariat geschaffen. Um 20 Prozent sind die Fallzahlen im Bereich der Verbreitung pornografischer Schriften allein im vergangenen Jahr angestiegen. Mehr als zwei Drittel der Taten, nämlich 303, waren Fälle von Kinderpornografie. Die Tatverdächtigen - fast immer sind es Männer - sind Schüler oder Ingenieure, im Teenager- oder im Rentenalter. Ihre Opfer bleiben in vielen Fällen unbekannt, weil sie auf den Fotos oder Videos nicht identifiziert werden können.

Nicht so im Fall der 13-Jährigen, die in Obergiesing mehrmals zum Geschlechtsverkehr gezwungen worden war: Sie vertraute sich laut Polizei einer Freundin und ihren Eltern an. Die erstatteten Anzeige und am Montag durchsuchten Fahnder die Wohnung des 19 Jahre alten Tatverdächtigen.

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