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Spurensuche:Mordfall ohne Leichen, riskante Schüsse und ungezählte Millionen

Im Truderinger Wald suchten Hunderte Polizistinnen und Polizisten vergeblich nach zwei vermissten Frauen.

Im Truderinger Wald suchten Hunderte Polizistinnen und Polizisten vergeblich nach zwei vermissten Frauen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Was aus drei Münchner Kriminalfällen geworden ist, die im Jahr 2019 Aufsehen erregt haben.

Ein Mord ohne Leichen

Die Polizei ist sich sicher, dass Roman H. seine Frau und seine Stieftochter getötet hat. Doch die Suche nach den beiden Opfern blieb bis heute erfolglos

Es war eine der größten Suchaktionen, die die Münchner Polizei je unternommen hat: Mehr als 650 Beamte durchkämmten in der Augusthitze tagelang das Dickicht im Truderinger Forst. Ein Hubschrauber kreiste über dem Gelände, Taucher suchten den Grund einer Kiesgrube ab, Leichenspürhunde waren im Einsatz. Hoffnung, die 41 Jahre alte Maria Gertsuski und ihre 16-jährige Tochter Tatiana lebend zu finden, hatten die Ermittler schon damals keine mehr. "Wir gehen davon aus, dass Mutter und Tochter tot sind", hatte Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins schon eine Woche nach deren Verschwinden gesagt. Fast ein halbes Jahr später sind die Leichen der beiden Frauen immer noch unauffindbar.

Es wird also ein aufwendiger Indizienprozess werden, der im kommenden Jahr beginnen soll. Anhand von Spuren und Zeugenaussagen wird die Staatsanwaltschaft versuchen zu beweisen, dass der Ehemann von Maria Gertsuski, der zur Tatzeit 44 Jahre alte Roman H., seine Frau wohl im Streit erschlug und anschließend seine Stieftochter ermordete, um die Tat zu vertuschen. Der Haftbefehl lautet auf Totschlag in Tatmehrheit mit Mord.

Die ursprünglich 20 Frauen und Männer umfassende Ermittlungsgruppe "EG Duo" wurde im Oktober auf sieben Mitarbeiter reduziert. Die Mordkommission werde die Akten wohl in nächster Zeit an die Staatsanwaltschaft übergeben, erklärte ein Polizeisprecher vergangene Woche. Dann hängt es davon ab, ob der Staatsanwalt den Eindruck hat, dass die Indizien, die die Polizisten zusammengetragen haben, für eine Beweisführung reichen. Oder ob noch Fragen offen sind und nachermittelt werden muss.

Zentrale Beweisstücke dürften dabei jene Fußmatte und jener Teppich sein, die die Beamten bei ihrer Durchsuchungsaktion im August abseits eines Waldweges nördlich der Putzbrunner Straße fanden. Die Rechtsmediziner konnten daran Blut von beiden Opfer nachweisen. Zuvor war den Ermittlern aufgefallen, dass der Teppich und die Schmutzfangmatte aus der Wohnung der Familie in der Ottobrunner Straße in Ramersdorf verschwunden waren. Das Waldstück liegt nur etwa zehn Minuten Fahrt mit dem Auto von dem Neubau entfernt, in dem die Familie erst im Jahr zuvor eine Wohnung bezogen hatte. "Der Schluss, dass die beiden tot sind, ist zwingend, so traurig das ist", sagte der Leiter der Münchner Mordkommission, Josef Wimmer, auf einer Pressekonferenz nach der aufwendigen Absuche des Waldstücks.

Zeugen sollen vor Gericht ihren Eindruck von der Familie und dem neuen Mann an Maria Gertsuskis Seite schildern. Gab es Streit? War der Beschuldigte eifersüchtig? Die letzten Monate haben die Ermittler der Mordkommission damit zugebracht, mit Freunden der Familie und Kollegen des Mannes zu sprechen, der in Augsburg in der Logistikbranche tätig war.

Er selbst war es, der am 15. Juli zur Polizei ging und Maria und Tatiana Gertsuski vermisst meldete. Auch Freunde der Familie soll er angerufen haben, um sich nach den beiden zu erkundigen. Nach seiner Darstellung waren sie am Samstag, den 13. Juli, ins Neuperlacher Einkaufszentrum Pep aufgebrochen und von dort nicht mehr zurückgekehrt. Allerdings hat sie dort an diesem Tag niemand gesehen. Die Mobiltelefone der beiden waren ausgeschaltet. Weil die beiden als sehr zuverlässig galten und Maria Gertsuski sich auch nicht mehr bei ihrem Vater meldete, der in Moskau lebt und mit dem sie sonst fast täglich telefonierte, stand bald der Verdacht im Raum, dass sie nicht zu einer spontanen Reise aufgebrochen, sondern Opfer eines Verbrechens geworden waren.

Bei den Vermisstenmeldungen habe es "erhebliche Lücken und Widersprüche" gegeben

Am 17. Juli übernahm die Mordkommission den Fall und die Polizei veröffentlichte Fotos der Vermissten. Zwei Tage später erließ ein Richter Haftbefehl gegen den 44-jährigen Ehemann Roman H. In den Angaben der Vermisstenmeldungen habe es "erhebliche Lücken und Widersprüche" gegeben, erklärte Polizeisprecher da Gloria Martins. Der Verdacht erhärtete sich, nachdem Experten der Spurensicherung die Wohnung und die Autos der Familie untersucht hatten. Seit er als Beschuldigter in der Untersuchungshaft sitzt, schweigt Roman H.

Maria Gertsuski war vor 20 Jahren mit ihrem ersten Mann aus Russland nach München gekommen. Sie hatte in Moskau Französisch studiert und lernte schnell Deutsch. Zuletzt arbeitete sie bei einem Unternehmen für Chemie- und Laborbedarf im Kundendienst. Ihre Tochter kam in München zur Welt. Nachdem die Ehe mit Tatianas Vater vor einigen Jahren auseinanderging, lernte Maria Roman H. kennen, einen Deutschrussen aus Sankt Petersburg, der ebenfalls schon lange in Bayern lebte. Die beiden heirateten und zogen in den Neubau in der Ottobrunner Straße. Dort, so legen es die Ermittlungsergebnisse nahe, die bis heute an die Öffentlichkeit gedrungen sind, fand das Leben der beiden Frauen ein schreckliches Ende.

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