Krise in der Ukraine:So bereitet sich München auf Kriegsgeflüchtete vor

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Krise in der Ukraine: Ein polnischer Grenzschützer reicht im Bahnhof von Przemyśl in der Nähe des ukrainisch-polnischen Grenzübergangs einem Kind ein Stofftier. Das Mädchen ist zuvor mit dem Zug aus Kiew angekommen. Viele Geflüchtete, die nach Deutschland wollen, reisen über Polen ein.

Ein polnischer Grenzschützer reicht im Bahnhof von Przemyśl in der Nähe des ukrainisch-polnischen Grenzübergangs einem Kind ein Stofftier. Das Mädchen ist zuvor mit dem Zug aus Kiew angekommen. Viele Geflüchtete, die nach Deutschland wollen, reisen über Polen ein.

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Sachspenden sammeln, Unterkünfte bereitstellen, Hilfstransporte organisieren: Wie die Stadtgesellschaft Kriegsflüchtlinge unterstützt.

Von Thomas Anlauf

Die junge Frau blickt ernst, sie hat sich in eine blau-gelbe Fahne der Ukraine gehüllt. Slava Fedoryshyna stammt aus der Ukraine, sie hat sich bei der Caritas München gemeldet, um Geflüchteten, die in diesen Tagen am Hauptbahnhof ankommen, ehrenamtlich zu helfen. "Das ist das Einzige, was ich für mein Land und meine Familie hier machen kann", sagt die 24-jährige Studentin. An diesem Donnerstag steht sie am neu eingerichteten Info-Point der Caritas, der Stadt sowie dem Netzwerk "Willkommen in München" und hält Ausschau nach geflüchteten Menschen aus der Ukraine.

"Heute waren bislang drei Familien und ein paar einzelne Menschen hier", erzählt Johanna Schlehuber von der Caritas am Nachmittag. Am späten Abend ist am Hauptbahnhof aber dann noch etwas los: 352 Menschen kamen Informationen der Süddeutschen Zeitung zufolge mit einem Zug in München an. Der Krisenstab der Stadt habe sogleich darüber beraten, wie und wo man die Menschen nun am besten unterbringen könne.

Vorbereitet war man am Hauptbahnhof schon: Für Frauen und Kinder hat etwa die Caritas im nahegelegenen Obdachlosentreff "D3" an der Dachauer Straße eine Notübernachtung eingerichtet. Noch am Donnerstagabend soll im leer stehenden Restaurant "l'Osteria" direkt im Bahnhofsgebäude ein weiterer Nachtaufenthalt eingerichtet sein.

Die Regierung von Oberbayern registriert in den vergangenen Tagen einen wachsenden Zustrom an Menschen aus der Ukraine, die sich an das Ankunftszentrum in der Maria-Probst-Straße im Münchner Norden wenden. In der vergangenen Woche sind nach Angaben des Regierungssprechers "329 ukrainische Staatsangehörige im Ankunftszentrum vorstellig geworden, die bereits teilweise auf andere Unterkünfte verteilt wurden oder privat Unterkunft gefunden haben".

Am Mittwoch hätten sich allein 152 Menschen aus der Ukraine gemeldet. Sie werden vom Info-Point am Hauptbahnhof dorthin geschickt und können auch kostenlos mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Ankunftszentrum reisen. Die Regierung bat noch am Mittwoch alle Geflüchteten aus der Ukraine, sich dort registrieren zu lassen, auch wenn sie privat untergebracht seien. So könnten die Menschen Hilfsleistungen und womöglich auch Anspruch auf eine Krankenversicherung erhalten.

Geflüchtete aus der Ukraine müssen keinen Asylantrag stellen. Sie können zunächst drei Monate bleiben

Am Donnerstag änderte die Regierung nach SZ-Informationen die Regelung. Angesichts der zahlreichen Geflüchteten, die in den kommenden Tagen in München erwartet werden, soll nun eine vereinfachte Registrierung per Mail erfolgen, ohne extra in den Münchner Norden fahren zu müssen. Menschen aus der Ukraine müssen keinen Asylantrag stellen, sie können zunächst drei Monate hier bleiben. Wer allerdings Asyl beantragen will, muss persönlich im Ankunftszentrum erscheinen.

Für die Hilfsorganisationen, Wohlfahrtsverbände und auch die Stadt bleibt die Lage wegen der erleichterten Aufenthaltserlaubnis unübersichtlich. Denn viele Geflüchtete kommen bei Verwandten oder Bekannten unter und werden deshalb zunächst gar nicht erfasst. Andere wollen nur über Nacht in München bleiben und nehmen dafür dankbar das Angebot an, ein paar Stunden in einem beheizten Raum ausruhen zu können, um dann weiter zu reisen. "Die Leute sind meist sehr mitgenommen", sagt Johanna Schlehuber von der Caritas.

Anders als im September und Oktober 2015, als Zehntausende Geflüchtete vor allem über Ungarn und aus Italien nach München kamen, seien die Menschen, die jetzt ankommen, meist "sehr gut organisiert und informiert", sagt Andrea Betz, Vorständin der Diakonie München und Oberbayern. Viele wüssten, dass sie nicht zwingend Asyl beantragen müssen und fragen eher nach, wie dringende Behandlungen etwa bei Krebs von Krankenkassen übernommen würden.

Angesichts der immer dramatischeren Lage in der Ukraine bereitet sich die Stadt München auf weitere Hilfsmaßnahmen vor. In den kommenden Tagen könnte ein städtischer Konvoi in Richtung Kriegsgebiet fahren, um dringend benötigte Mittel in die Münchner Partnerstadt Kiew zu bringen. Dafür ruft die Stadt auch zu Geldspenden auf (Stadtsparkasse München IBAN DE86 7015 0000 0000 2030 00, Verwendungszweck "Solidarität Ukraine").

Krise in der Ukraine: In Schwabing stellt das Kommunalreferat der Ukrainischen Kirche Lagerflächen zur Verfügung.

In Schwabing stellt das Kommunalreferat der Ukrainischen Kirche Lagerflächen zur Verfügung.

(Foto: Florian Peljak)

Am Mittwoch hat das Kommunalreferat der Ukrainischen Kirche München Lager- und Büroräume mit etwa 1000 Quadratmetern Fläche überlassen, um schnellstmöglich eine bessere Lager-, Logistik und Arbeitsmöglichkeit zu gewährleisten", teilt ein Referatssprecher mit. Der Münchner Verein Heimatstern, der voraussichtlich am Samstag in Feldmoching größere Lagerräume für Hilfsgüter beziehen kann, bietet der Ukrainischen Kirche wiederum Hilfe bei der Suche nach Gabelstaplern an.

Die Hilfsbereitschaft der Münchnerinnen und Münchner sei enorm, sagt Tilman Haerdle vom Verein Heimatstern. "Dabei sind sie unglaublich diszipliniert, sie fragen alle, was überhaupt gebraucht wird." Seine Frau Petra sagt, dass die Menschen nicht ihre alten Klamotten abgeben, sondern für viel Geld Hygieneartikel, Windeln, aber auch Winterjacken kaufen und vorbeibringen. Nur drei Minuten nach einem Aufruf in den sozialen Medien, dass Umzugskartons gebraucht würden, kam die Zusage eines großen Internetkonzerns, palettenweise Kartons zu liefern.

Auch Daniel Überall vom Kartoffelkombinat erhält viel Zuspruch und Spenden. Er fährt mit einer kleinen Gruppe am Wochenende mit vier Tonnen Hilfsgütern an die slowakisch-ukrainische Grenze, unter anderem mit Tausenden Tafeln Schokolade und wertvollen Spezialbatterien für Hörgeräte. Unterdessen will der Münchner Stadtrat für die Ankommenden weitere Hilfen anbieten: So soll das IT-Referat kostenlose Wlan-Internetzugänge für Unterkünfte und auch für Hilfsorganisationen bereitstellen.

Die CSU-Fraktion fordert personelle Unterstützung der Stadt für die Ukrainische katholische Gemeinde in München, die seit Tagen Hilfsgüter in der Schönstraße sammelt. Mittlerweile wurde auch eine zentrale Internetseite der Stadt eingerichtet mit Informationen für Helfer und Geflüchtete: https://stadt.muenchen.de/infos/ukraine.html.

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