Süddeutsche Zeitung

Politik in München:Aus der Grünen-WG an die Spitze des KVR

Lesezeit: 3 min

Hanna Sammüller-Gradl soll die Leitung des Kreisverwaltungsreferats übernehmen. Was die künftige oberste Ordnungshüterin der Stadt auszeichnet - und in welcher prominenten Wohngemeinschaft sie einst lebte.

Von Heiner Effern

Personalien in der Verwaltung können nicht nur spannend, sondern geradezu historisch sein und dabei auch noch voll auf das Leben der Münchnerinnen und Münchner durchschlagen. Die Fraktion der Grünen lieferte dafür am Montagmittag den Beleg: Sie wird Hanna Sammüller-Gradl als künftige Chefin des Kreisverwaltungsreferats vorschlagen. Die erste Frau auf diesem zentralen Posten und die erste Grüne.

Öffentliche Sicherheit, plurale Gesellschaft, Sperrstunden-Regelungen: An kaum einer Stelle der Verwaltung kann man das Lebensgefühl der Münchner mehr prägen. Die Grünen sind sich sehr sicher, dafür die richtige Kandidatin zu präsentieren. Sie sei die "Idealbesetzung", schwärmte Fraktionschef Florian Roth, "eine erfahrene und spezialisierte Juristin, die mit dem Verwaltungsrecht wissenschaftlich und praktisch umfassend vertraut ist und auch die Münchner Stadtverwaltung aus der Innensicht hervorragend kennt".

Schon seit der Veröffentlichung des Koalitionsvertrags steht fest, dass die Grünen als stärkste Fraktion im Rathaus München auch mit ihrem Personal verändern wollen. Dort ist festgelegt, welche Referenten die Grünen und die SPD jeweils vorschlagen können, die dann der jeweils andere Partner mitwählt. Die Grünen sicherten sich in den Verhandlungen nicht nur die Referate für Umweltschutz und Verkehr, sondern auch das Kreisverwaltungsreferat.

"Ich kann es noch gar nicht fassen", freut sich die 38-Jährige

Dass die 38 Jahre alte Juristin Sammüller-Gradl mit ihrem Lebenslauf die unumstrittene Favoritin war, konnte man hinter den Kulissen schon länger vernehmen. Nun ist es offiziell, und man hört bei den ersten offiziellen Worten der designierten KVR-Chefin heraus, dass der künftige Job auch bei ihr der absolute Favorit in der Karriereplanung ist. "Ich kann es noch gar nicht fassen. Da würde ein Traum, den ich schon lange habe, in Erfüllung gehen", sagte Sammüller-Gradl.

Sie sei glücklich und stolz, dass die Grünen sie als Kandidatin für die Wahl zu Beginn des kommenden Jahres vorschlagen werden, sagte die Juristin, die derzeit für die Stadt Freising arbeitet. "Entscheiden muss das dann der Stadtrat", betonte sie. Doch Sammüller-Gradl weiß natürlich, dass der entscheidende Schritt für sie bereits erfolgt ist. Nicht zuletzt deshalb, weil sie nicht nur ausgebildete Juristin ist, sondern auch politisch erfahren.

Als Sprecherin der Grünen Jugend in Landsberg am Lech habe sie mit 15 Jahren erstmals erlebt, wie direkt sich die Entscheidungen der Kommunalpolitik und der lokalen Behörden auf das Leben der Menschen auswirken, sagte Sammüller-Gradl. Diese beiden Bereiche haben ihr politisches und berufliches Leben geprägt, im neuen Job könnten sie nun zusammenkommen.

Anders als ihre ehemalige WG-Kollegin wollte sie dann doch nicht in die reine Politik gehen

Nach dem Abitur in Landsberg studierte die designierte KVR-Chefin Jura in München, Paris und Prag und promovierte danach im Umweltstrafrecht. An der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer legte sie zudem ein Ergänzungsstudium nach. Von 2015 bis 2019 arbeitete sie im Münchner Kommunalreferat, bevor sie als Leiterin des Referats für Bürgerdienste und Rechtsangelegenheiten nach Freising wechselte.

Während ihrer Münchner Zeit startete sie schon eine erfolgversprechende Karriere bei den Grünen. Von 2007 bis 2010 war sie Mitglied des Münchner Parteivorstands, zuletzt sogar als Vorsitzende. Sie wohnte damals mit Katharina Schulze zusammen, die beiden galten als die politisch talentierteste WG zumindest der Grünen in München. Schulze machte geradlinig ihren Weg an die Spitze der Landtagsfraktion. Nun soll auch Sammüller-Gradl wieder auf der großen Bühne eine prominente Rolle einnehmen.

Ob sich ein Kreis schließt? Irgendwie schon, sagte Sammüller-Gradl, sie habe zwischendurch mal "eine andere Biegung genommen". Einfach weil sie festgestellt habe, dass ihr im Gegensatz zu Schulze "dieses reine Politiker-Gen" wohl fehle, diese Fähigkeit, auch Anfeindungen oder harte Kontroversen gut wegzustecken. Aber ein politischer Mensch ist sie geblieben, die Münchnerinnen und Münchner könnten das nach der Wahl schnell erleben.

Vieles an der Spitze des KVR sei sehr reizvoll, sagte sie, aber besonders auch, die gesellschaftspolitischen Themen voranzutreiben. Wie sehr ein KVR-Chef die Stimmung in der Stadt prägen kann, das haben insbesondere die beiden früheren CSU-Referenten Peter Gauweiler und Hans-Peter Uhl gezeigt.

Recht viel mehr Gegenentwurf zu deren harten konservativen Linien kann man sich nicht vorstellen als eine Frau, die bei den Münchner Grünen bis zuletzt den Arbeitskreis Feminismus leitete. "Von ihrem Ansatz einer bürgerorientierten Ordnungs- und Sicherheitspolitik, den sie in Freising in vielen Bereichen bereits umsetzen konnte, wird München sehr profitieren. Insbesondere in den Bereichen interkulturelle Öffnung, Bürgernähe, Antirassismus, Frauenförderung und menschenfreundliche Nutzung des öffentlichen Raums wird sie Impulse setzen", sagte Fraktionschef Roth. Es könnten spannende Zeiten anbrechen, für das KVR und die Stadt.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5464868
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.