Münchner KulturMieterhöhungen bedrohen Künstler im Kreativquartier

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Die Künstlerinnen und Künstler, die sich zum Kreativlabor zusammengeschlossen haben, beraten bei einer Mieterversammlung im Kreativquartier an der Dachauer Straße, wie sie sich gegen Mieterhöhungen wehren können.
Die Künstlerinnen und Künstler, die sich zum Kreativlabor zusammengeschlossen haben, beraten bei einer Mieterversammlung im Kreativquartier an der Dachauer Straße, wie sie sich gegen Mieterhöhungen wehren können. (Foto: Johannes Simon)

Kündigungen und steigende Mieten: Bei den Künstlern auf dem Gelände des Kreativquartiers am Leonrodplatz geht die Angst um. Was ist da los?

Von Jürgen Moises

Die Schreckensmeldung, sie lag Ende September in der Post. Und zwar in der von vielen Künstlern, die im Kreativlabor, dem Kerngebiet des Kreativquartiers am Münchner Leonrodplatz, ihre Ateliers, ihre Arbeitsräume, ihre zweite Heimat haben. Manche sind schon seit mehr als 30 Jahren dort. Und viele hatten nicht gedacht, dass es damit plötzlich vorbei sein könnte.

Die Schreckensmeldung kam in Form einer zum Ende des Jahres wirksam werdenden Kündigung. Ausgestellt von den seit 2019 für das Gelände zuständigen Münchner Gewerbehöfen (MGH). Und verbunden mit dem „Angebot zum Abschluss eines neuen Mietvertrags“. Nur: Die Miete würde bei manchen dann das bis zu Dreifache oder noch mehr betragen. Was für viele Betroffene aber nicht leistbar ist.

Die Betroffenen, das dürften mehr als 300, können aber auch 900 Menschen sein. Denn an einem einzelnen Arbeitsraum, da hängt zum Teil ein ganzer Tropf von Leuten. Wie etwa im Leonrodhaus für Kunst und Film, wo zum Beispiel das Dok-Fest-Team untergebracht ist. Im Haus2 und im Atelierhaus arbeiten vorwiegend Bildende Künstler. Und diese drei Häuser sind es, welche die Kündigungen und Mieterhöhungen am stärksten betrifft.

Wie es zu alldem kam? Fragt man die Malerin Sara Rogenhofer, dann geschah es fast wie aus heiterem Himmel. So als wären die „schlimmsten Befürchtungen“ plötzlich „wahr geworden“. Das sagt sie in ihrem Atelier im Atelierhaus, wo sie am Tisch mit dem Filmemacher Till Cöster und den Künstlern Corbinian Böhm und Dieter Villinger sitzt.

Der ebenfalls von den Kündigungen betroffene Filmemacher Till Cöster (re.) spricht bei der Mieterversammlung im Kreativlabor über die aktuelle Situation.
Der ebenfalls von den Kündigungen betroffene Filmemacher Till Cöster (re.) spricht bei der Mieterversammlung im Kreativlabor über die aktuelle Situation. (Foto: Johannes Simon)

Der Grund für das Zusammenkommen sind zwei Brandbriefe, die von Künstlerinnen aus dem Atelier- und Leonrodhaus verschickt wurden. Und die zeigen, wie schockiert man dort über die Kündigungen ist. Da ist vom „drohenden Aus für das Kreativlabor“ die Rede. Davon, dass sich die Stadt „verrannt“ habe, als sie das Gelände den Münchner Gewerbehöfen übertragen hat. Und es wird gefordert, dass die Stadt die Häuser wieder „rückanmietet und die MGH lediglich mit notwendigen Sanierungen beauftragt“. Das sind Aspekte, die man ähnlich auch in Rogenhofers Atelier hört. Es geht um den Verlust von nötigen Freiräumen. Oder auch um einen „großen Geburtsfehler“, der laut Corbinian Böhm die neuen Verträge betrifft.

Gemeint ist, dass etwa auf den Verträgen die Mehrwertsteuer ausgewiesen ist, die Künstler als Kleinunternehmer aber nicht abführen könnten. Dass für die Mieten nun statt der Netto- die Bruttogeschossfläche als Grundlage dient. Und dass die Betriebskosten von früher bis zu fünf Euro pro Quadratmeter steigen. Was summa summarum die deutlichen Preissteigerungen ergibt. Ob das alles so sein muss, ist eine berechtigte Frage. Eine, die auch schon am 1. Oktober, in der letzten Stadtratssitzung gestellt wurde. Dort aber von Vertreterinnen der Grünen, der Linken und der ÖDP. Auch dort kochten die Emotionen hoch. Auch dort wurde eine „Rückanmietung“ gefordert. Und es war von einem Gutachten die Rede, auf dem die neuen Verträge basieren.

Der „Autoeater“ aus Marmor von Julia Venske und Gregor Spänle stand lange am Münchner Stachus, nun auf dem Gelände des Kreativquartiers, wo die beiden ihre Ateliers haben.
Der „Autoeater“ aus Marmor von Julia Venske und Gregor Spänle stand lange am Münchner Stachus, nun auf dem Gelände des Kreativquartiers, wo die beiden ihre Ateliers haben. (Foto: Johannes Simon)

Dieses Gutachten wurde Ende vergangenen Jahres beim städtischen Bewertungsamt in Auftrag gegeben. Nur hat es offenbar im Stadtrat niemand gesehen. Aber die MGH hat es bekommen. Und daraufhin die Kündigungen und die neuen Mietverträge verschickt. Was wie eine Nacht-und-Nebel-Aktion wirkt, hatte laut MGH-Geschäftsführer Rudolf Boneberger aber noch einen weiteren Vorlauf. So erläuterte dieser in der Stadtratsitzung, dass sie „Unter-Wert-Vermietungen nicht machen“ dürften. Genau das hätte die MGH auch „seit einem Jahr auf allen Ebenen“ angesprochen. Im Sinne von: „Das wird kommen! Wir haben ein Problem! Wir müssen da ran!“ Soll heißen: An eine vom Stadtrat und im Idealfall auch von den Betroffenen abgesegnete Lösung, um die Erhöhungen zu kompensieren.

Selbst die MGH rät, die Mietverträge noch nicht zu unterschreiben

Zumindest Ansätze scheint es in die Richtung auch zu geben. Das war wiederum von SPD-Stadtrat Lars Mentrup zu erfahren. Und zwar in Form von „immerhin 855 000 Euro“ im Haushalt, um „diese Mieterhöhungen abzumildern“. Aber auch, um eines der drei Häuser rückzumieten. Sogar beim oft diskutierten Thema „Selbstverwaltung“ durch die Künstler hätte man zuletzt Fortschritte gemacht. Nur, wenn das so ist, es Pläne gibt, vieles lange bekannt war: Warum herrscht dann im Kreativlabor so große Panik, wegen der man dort nun in Krisensitzungen zusammensitzt?

Da ist zumindest bei der Kommunikation wohl irgendetwas ziemlich schiefgelaufen. Auch wurden offenbar wichtige Entscheidungen, wie so oft, leider verschwitzt. Mit der Folge, dass es nun nicht mal mehr drei Monate sind, um die eine, große, längst fällige Lösung zu finden. Dann wäre auch das für den 28. bis 30. November geplante „Protestwochenende“ auf dem Gelände nicht nötig. Und ansonsten rät aktuell sogar die MGH: Die neuen Mietverträge bitte noch nicht unterschreiben!

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