Konzerthaus im Werksviertel:So digital wird der neue "Kulturspeicher"

Konzerthaus im Werksviertel: Die Fassade soll in Teilen eine mit digitalen Bildern bespielbare Oberfläche erhalten, und sichtbar machen, was im Inneren vor sich geht - faktisch und im übertragenen Sinne.

Die Fassade soll in Teilen eine mit digitalen Bildern bespielbare Oberfläche erhalten, und sichtbar machen, was im Inneren vor sich geht - faktisch und im übertragenen Sinne.

LED-Elemente sollen das neue Münchner Konzerthaus strahlen lassen. Hinter dem Fassadenkonzept steckt aber noch mehr.

Von Susanne Hermanski

Es gibt öde Fragen in der Causa Konzerthaus und es gibt aufregende. Wer soll das bezahlen? Diese ist zum Beispiel eher einschichtig zu beantworten: Dieselben Bürger, deren Steuergeld andernfalls für Dinge wie den Ausbau des bereits bestehenden Frankenschnellwegs (660 Millionen) ausgegeben wird. Mehr Musik drin ist im Fragen nach jenen Details, die dazu führen könnten, dass sich die 580 Millionen Euro, welche die Planer aktuell für den Konzerthausbau veranschlagen, auch lohnen werden. Etwa weil das Haus im Werksviertel dadurch - ästhetisch, funktional und gesellschaftlich - eine echte, vielleicht kaum zu bemessende Bereicherung für Bayern darstellen wird.

Welche Details das sind, darüber haben in dieser Woche Kunstminister Bernd Sibler und Vertreter des Bauministeriums den Haushaltsausschuss des Landtags informiert. Am auffälligsten: das neue Konzept für die Fassade. Diese soll in Teilen eine mit digitalen Bildern bespielbare Oberfläche erhalten, und sichtbar machen, was im Inneren vor sich geht - faktisch und im übertragenen Sinne. Denn sie könnte nicht nur Kamerabilder aus dem Bühnenbauch des Gebäudes zeigen, sondern vor allem Lichtkunst.

Diese Weiterentwicklung der Ursprungsidee der Architekten Anton Nachbaur-Sturm und Andreas Cukrowicz ist interessant. Deren Entwurf hatte die Wettbewerbsjury vor allem wegen seiner Transparenz der gläsernen Außenhülle überzeugt. Die sollte ermöglichen, so Cukrowicz, "im Alltag normal zu sein, um in besonderen Momenten die Stadt zu überstrahlen"- also wenn nachts alles darin hell erleuchtet wäre. Der kulturelle "Leuchtturm", den man sich für die Landeshauptstadt wünschte, war aus Sicht der Entscheider damit perfekt. Doch im Zuge der bisherigen Planungen hatte eben jener Glasaufbau klimatechnische Tücken offenbart. Und die Absicht ja, einen "Kulturspeicher" (Anton Nachbaur-Sturm) zu bauen und nicht etwa ein Treibhaus, das man zeitweise hätte massiv kühlen müssen.

Also wählen die Architekten nun einen mehrschichtigen Aufbau der Gebäudehülle. Nach Auskunft des Bauministeriums ist dafür an der Wetterfassade weiterhin "wie im Wettbewerbsentwurf, vor den äußeren tragenden Wänden und Stützen eine elementierte und, wo funktional erforderlich, opake Glasfassade vorgesehen". Sie ermögliche immer noch "hohe Tageslichteinträge" bis tief ins Gebäude und viele "Innen-Außen-Bezüge". Die anderen Fassadenwände tun dies aber offenbar nicht mehr. Um trotzdem "ein homogenes architektonisches Erscheinungsbild" zu erzeugen, planten die Architekten nun, das gesamte Gebäude in ein "gläsernes Kleid" zu hüllen. Zum aktuellen Planungsstand sei dieses Kleid als "hinterlüftete Verschattungskonstruktion aus Glaselementen" konzipiert. In diese können dann die LED-Elemente für die mediale Bespielung der Hülle integriert werden.

Konzerthaus im Werksviertel: Der große Konzertsaal soll vor allem eins sein: modern.

Der große Konzertsaal soll vor allem eins sein: modern.

Dieses neue Fassadenkonzept haben die Architekten zusammen mit dem international tätigen Planungsbüro Knippers Helbig aus Stuttgart erarbeitet - und es fungiert als Aushängeschild eines hoch technisierten Inneren. "Wie wichtig eine gute digitale Ausstattung für ein Konzerthaus der Zukunft ist", das hätten die vergangenen Monate der Pandemie überdeutlich gezeigt, sagte Sibler bei der Präsentation im Landtag. Im Inneren setzt sich diese Digitalisierung also fort. Im kleinen Konzertsaal etwa, der im Gebäude-Querschnitt unter dem großen liegen wird, und der in ovaler Form konzipiert ist. Also ganz ähnlich wie der Pierre-Boulez-Saal in Berlin. Der wurde 2017 in der Barenboim-Said-Akademie eingeweiht und erntete für seine akustischen Qualitäten und die besonderen Möglichkeiten der Interaktion zwischen Musikern und mit dem Publikum stürmische Begeisterung. Der Berliner Saal fasst maximal 682 Zuschauer, der Münchner soll 400 Plätze bieten.

Konzerthaus im Werksviertel: Im kleinen Konzertsaal, der im Gebäude-Querschnitt unter dem großen liegen wird, wird in ovaler Form konzipiert.

Im kleinen Konzertsaal, der im Gebäude-Querschnitt unter dem großen liegen wird, wird in ovaler Form konzipiert.

Doch Bayerns Bauministerium zeigt sich vom Vergleich mit dem Berliner Saal unbeeindruckt. "Veranstaltungsgebäude mit kreisförmiger oder ovaler Anordnung der Publikumsplätze waren bereits im Mittelalter (Globe-Theatre) bekannt", sagt ein Sprecher. Der Münchner Saal sei vor allem modern: Bespielbare Wandflächen verwandelten ihn "im Zusammenspiel von Audio-Systemen und mittels LED-Technologie sowie digital bespielbaren Filterstrukturen in eine 360-Grad-audio-visuelle Umgebung". Klingt kryptisch, aber gut.

© SZ vom 10.07.2021/kafe
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