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Kulturpolitik:Schwindende Euphorie für Bau des neuen Münchner Konzerthauses

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Konzerte statt Knödel: Auf dem Gelände der einstigen Pfanni-Fabrik am Ostbahnhof soll ein Glashaus für die Musik entstehen.

(Foto: Cukrowicz Nachbaur Architekten (Simulation))

Soll der Bau angesichts der Corona-Krise vorangetrieben werden? Im Landtag werden zu dem Projekt kritische Fragen gestellt und sogar grundsätzliche Zweifel geäußert.

Will die Staatsregierung vom Plan abrücken, ein Konzerthaus im Werksviertel zu errichten? "Für mich steht ein Fragezeichen dahinter, inwieweit ein solches Projekt jetzt darstellbar ist": Als Winfried Bausback, der stellvertretende Vorsitzende der CSU-Fraktion, diesen Satz sagt, stockt einigen im Kunst- und Wissenschaftsausschuss des Landtags der Atem.

Hat da der ehemalige Justizminister gerade öffentlich ausgesprochen, was Teile der Politik und Freunde wie Förderer des Projekts schon seit Monaten befürchten? Seit Ministerpräsident Markus Söder im Januar bei der CSU-Klausur in Kloster Seeon drohende Kostensteigerungen beklagte und den Einsatz von mehr Holz beim Bau ins Spiel brachte, gibt es diese Zweifel. Die Opposition im Landtag beantragte nach Söders Äußerungen einen Bericht des zuständigen Ministeriums. Dieser wurde nun heftig diskutiert.

Wolfgang Heubisch, bis 2013 Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst, glaubt "festzustellen, dass die Euphorie, diesen Saal zu bauen, vonseiten der Staatsregierung abgeflaut sei seit Söders Intervention". Man habe wohl festgestellt, dass der Bauplatz für die Anforderungen zu knapp bemessen sei. Sanne Kurz, kulturpolitische Sprecherin der Grünen, fordert klarere Angaben hinsichtlich der Kostensteigerung, die Söder nicht weiter ausgeführt hat und die vom Kunstministerium vor allem mit einem gestiegenen "Volumen" der Räume im Inneren begründet wird: "Ist es doppelt so viel? Oder dreifach, vierfach?", fragt Kurz. Zudem drängen sie und Volkmar Halbleib (SPD) darauf, die Öffentlichkeit wissen zu lassen, wie genau die Konditionen der Erbpacht aussehen, zu denen der Freistaat das Grundstück von Werksviertel-Besitzer Werner Eckart gepachtet hat. "Läuft der Vertrag zum Beispiel hundert Jahre oder zweihundert Jahre?", fragen sie.

Die Antwort auf diese Frage blieben die zuständigen Beamten aus dem Ministerium noch schuldig. Einige andere beantworteten sie sehr wohl. Der Raumbedarf im Inneren des Konzerthauses sei vor allem aus zwei Gründen gestiegen. Zum einen aufgrund des gewachsenen Bedarfs an Technikräumen - auch weil der Siegerentwurf stärker in die Höhe konzipiert ist und so ein "Hochhaus" gebaut werden müsse mit eigenen, spezifischen Anforderungen. Zum anderen, weil der Akustiker Tateo Nakajima mit "Nachhallkammern" arbeitet. Diese Kammern seien der Grund für die einzigartige Qualität seiner Säle. Diese Kammern werden an den Seitenwänden oder über dem Saal angebracht und brächten im wahrsten Sinne mehr Bauvolumen mit sich.

Dieses und die damit verbundenen Kosten versucht man nun einzusparen, indem nicht drei, sondern nur zwei Konzertsäle unter dem Dach des Hauses geplant werden. Und dies ohne dadurch den wichtigen Platz für den Bedarf der Musikhochschule zu verlieren, die ursprünglich einen eigenen Saal für die Ensembleproben und Aufführungen haben sollte. Möglich macht dies voraussichtlich just Nakajimas Akustikkonzept. Dank dessen eignet sich der große Saal wohl auch für Kammermusik-Konzerte, die eigentlich einen intimen, kleinen Rahmen benötigen.

Das von Söder angestoßene Thema Holzbauweise steht ebenfalls in Bezug zum Gebäudevolumen. Dass bei der Innenarchitektur viel Holz verwendet würde - nicht nur in den Sälen, sondern auch in den Foyers und in anderen Räumen - sei beschlossen, führten die Beamten aus. "Tragende Konstruktionen" sollen dagegen nicht aus Holz werden, da sie mehr Volumen verbrauchen, deshalb teurer sind und bei hohen Konzerthäusern bisher auch noch selten zum Einsatz kamen. Die bisher schon geleisteten Ausgaben für das Konzerthaus beziffert das Ministerium auf sechs Millionen Euro. 1,7 Millionen Euro entfallen auf den Wettbewerb. Geld überwiesen wurde auch schon für Planungen, Gutachten und die Erbpacht. Diese allerdings reduziere sich, so lange auf dem Bauplatz das aufgestellte Riesenrad stehe.

Robert Brannekämper (CSU), der Vorsitzende des Kunst- und Wissenschaftsausschusses und selbst Architekt, bemüht sich am Ende denn auch, die Wogen der Grundsatzdiskussion um den Konzertsaal zu glätten. "Wir sollten doch die Kirche im Dorf lassen und keinen Skandal hineininterpretieren, wo keiner ist", sagte er. In der aktuellen Phase konkrete Kostenzahlen zu benennen, "wäre fahrlässig". Und außerdem stecke man gerade noch mitten in der Corona-Krise und könne nur "auf Sicht fahren". Um auf diesem Weg mehr Klarheit zu erlangen, soll nun der zuletzt weitgehend unsichtbare Beirat des Konzerthauses aus Politikern der verschiedenen Parteien und Experten wiederbelebt werden. Zudem hat das Kunstministerium angekündigt, noch vor der Sommerpause neuerlich Bericht zu erstatten.

© SZ vom 28.05.2020/aner
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