Deutschem Rap eilt wie Hip-Hop im Allgemeinen das Vorurteil voraus, sich in erster Linie mit materialistischen Werten zu befassen. Teure Autos, Goldkettchen, Markenklamotten – glaubt man so manchem Kritiker, rennen Rapperinnen und Rapper quer um den Globus lediglich Statussymbolen hinterher. Ja, natürlich gibt es Vertreter der Zunft, denen beim Griff zum Mikro nichts Besseres einfällt. Aber es gibt auch andere. So wie Curse.
Bei Michael Kurth, mittlerweile 47 Jahre alt, spielt all das kaum eine Rolle, was der Künstler selbst mal in einem SZ-Interview damit begründet hat, dass er anders als viele seiner Kollegen nicht in der Bronx oder dem Offenbacher Mathildenviertel aufgewachsen ist. Curse’ Erklärung für die Fixierung auf Karren und Klunker im Game: Wer weiß, wie es ist, nichts zu haben und niemand zu sein, will all das hinter sich lassen.
„Die Menschen strebten danach, aus der Anonymität und dem Nicht-gesehen-Werden auszubrechen. Sie wollten zeigen, dass sie was wert sind“, sagt er über die ersten Generationen von New Yorker Rappern. Wobei sich diese Beobachtung fast kongruent auf einen Großteil der deutschen Szene übertragen lässt.
Curse, der aus Minden in Nordrhein-Westfalen stammt, musste sich als Jugendlicher hingegen nie mit existenziellen Problemen herumschlagen. „Mir hat es nie an etwas Grundlegendem gefehlt“, hat er der SZ erzählt. Und vielleicht ist das ja einer der Gründe, weswegen sich Curse in seinen Texten eben nicht mit Statuts auseinandersetzt. Sondern mit den Folgen der auf Perfektionismus getrimmten Gesellschaft, in der jeder heller strahlen will als der andere. Eine Gesellschaft, die letztlich anstatt von Individuen lauter gefühllose Marionetten mit beeindruckenden Lebensläufen produziert.
Leute wie Curse, die dabei nicht mitmachen wollen oder können, haben es da schwer, wie er in „Bei mir“ berichtet.„Wenn ich still und alleine bin // hör’ ich sie lachen auf den Dachterrassen // weil es immer was zu feiern gibt // aber bei mir leider nicht“, heißt es da. Das klingt zum Heulen – und gleichzeitig ist diese konstruktive Kritik am Zeitgeist unglaublich entspannend. Es kann nun mal nicht jeder ein Highperformer sein. Und das ist okay, ja vielleicht sogar gut.
Das Leben hat schließlich noch viel mehr zu bieten als unter der Woche zu arbeiten, nur um am Wochenende mit einem gemieteten Lamborghini die Leopoldstraße runterzubrettern. Zumindest hat Curse, der sich von seinen ersten Lohnzetteln als Rapper auch gerne mal einen teuren Mietwagen gegönnt hat, das für sich festgestellt. „Ich war dumm, aber noch halbwegs bodenständig“, hat er im Nachhinein der SZ konstatiert. Heute ist er neben der Bühne als systemischer Coach unterwegs – kein Wunder bei Zeilen wie „Hab keine Angst vor dem, was du bist“.
Musikalisch präsentiert sich Curse auf seinem jüngsten Album ähnlich melancholisch-minimalistisch, wie es der Titel „Unzerstörbarer Sommer“ und Feature-Gäste wie Moses Pelham erwarten lassen. Curse verzichtet auf ballernde Beats und donnernde Drums und legt den Fokus lieber auf seine Texte. Das ist mutig – aber funktioniert, wenn man etwas mitzuteilen hat.
Umso erfreulicher ist es, dass Curse auf seiner Jubiläumstour „25 Jahre Feuerwasser“ im Backstage Halt macht. Es ist tatsächlich schon ein Vierteljahrhundert her, dass Curse auf „Ich lebe für Hip-Hop“ von DJ Tomekk mitrappte und damit in den Charts landete. Manch einer seiner Rapper-Kollegen, die heutzutage über die Vorzüge schneller Sportwagen und glitzernder Klunkerketten berichten, konnte da wahrscheinlich gerade das Wort „Auto“ sagen.

