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Kultur in München:Kommt Zeit, kommt Konzert

Rote Kreuze auf vielen Stühlen, um möglichst viel Abstand zu garantieren: Im Sommer 2020 waren so Konzerte im Olympiapark möglich.

(Foto: Catherina Hess)

Ein Auftritt vor Zehntausenden dicht gedrängten Menschen: gerade undenkbar. Eine ganze Branche befindet sich im Winterschlaf. Doch es gibt Hoffnung - und längst nicht alle Pläne für 2021 sind schon verworfen.

Von Michael Zirnstein

Groß, größer, Guns' n Roses? Ein Konzert im Olympiastadion vor 70 000 Fans, dicht an dicht, "Paradise City" grölen, Plastikbecherbier trinken, ungehemmt Rockstars aus Übersee anfeuern: Das mögen sich viele wünschen - vorstellen kann es sich in der aktuellen Lage kaum einer. Und doch steht für das Großereignis in den Ticketportalen noch der Termin am 30. Juni 2021, auf den es vor einem Jahr pandemiebedingt verschoben wurde.

Der Veranstalter Live Nation kann dazu momentan "kein Statement" abgeben. Ob die Band in vier Monaten spielen will, ob solche Massenaufläufe dann wieder erlaubt sind oder das Virus mit noch fieseren Mutationen jedes Live-Vergnügen lahmlegt - alles rund um kulturelle Spektakel ist Spekulation.

Das betrifft alle Veranstalter, die großen wie die kleinen. Berichten sie von ihren Plänen für das Jahr 2021, fallen außer dem Wort "Perspektivlosigkeit" am häufigsten Begriffe wie "Glaskugel" und "Fragezeichen". Das sei "Kaffeesatzleserei", sagt auch Christian Kiesler auf die Frage, wann die ersten Konzerte nach dem gerade bis 7. März verlängerten Lockdown steigen werden. "Meine Vermutung: Vor Ende Mai passiert gar nichts." Dass überhaupt etwas passieren wird in diesem Jahr in der Live-Kultur-Branche, liegt an Unermüdlichen wie ihm, den alle in der Branche und mittlerweile auch im Münchner Kulturreferat als den "Kiesi" kennen.

Trotz der Show-Flaute muss er sich momentan verdreifachen, wie er sagt: Als "Target-Kiesi" bucht er für eben diese Konzert-Agentur Künstler - momentan verschiebe er aber "alles Internationale und Größere nach 2022". Dann gibt es den "Theatron-Kiesi", der auf der Seebühne im Olympiapark jedes Pfingsten selbst ein Open Air veranstaltet, daran klammert er sich auch 2021. Auf dem "VdMK-Kiesi" wiederum ruhen viele Hoffnungen, denn für den Verband der Kulturveranstalter hat er im Auftrag der Stadt vergangenen Sommer einen ganzen Monat lang ein Gratis-Festival im Olympiastadion gestemmt.

An einem solchen Kulturprogramm in der Freiluft-Saison 2021 arbeiten Kiesler, seine damalige Mitorganisatorin Danny Kufner und viele weitere Veranstalter im Team bereits auf Hochtouren, stets in engem Kontakt mit dem Kulturreferat. Dort setzt Anton Biebl auf hohe Flexibilität für 2021.

"300 000 Euro sind eine Kleinigkeit für den Gesamtetat"

Der Kulturreferent sagt, Planungen im Miteinander der städtischen und freien Kultureinrichtungen müssten "verschiedene Alternativen vorsehen" und "corona-fest" sein. Das kann Hybrid-Formate wie gestreamte Live-Vorstellungen erfordern, aber Publikumspräsenz ist das Ziel. Denn, so Biebl: "Wir müssen wieder Vertrauen ineinander aufbauen - zeitweise ist ja der Eindruck entstanden, der Besuch von Kulturorten wäre gefährlich. Dabei haben wir hervorragende Hygienekonzepte und auch evaluiert, dass sie tragen."

Für einen "Sommer in der Stadt 2021" fehlt aber noch der Auftrag des Stadtrates. Solch ein Ersatzprogramm für auftrittshungrige Bürger und Künstler hätte der Kulturausschuss bereits Anfang Februar auf den Weg bringen sollen. Aber das scheiterte am Geld. Unter anderem geht es um 400 000 Euro: übrig gebliebene 100 000 Euro aus dem Vorjahr und 300 000 Euro einer städtischen Gesellschaft, gestiftet zur kulturellen Verwendung. Diese hätte schon einen "Winter in der Stadt" finanzieren sollen, der fiel dann aber aufgrund der strengeren Kontaktbeschränkungen aus.

Laut David Süß, dem kulturpolitischen Sprecher der Grünen im Rathaus, will die Stadtkämmerei mit der Spende nun aber eventuell doch andere Löcher stopfen. "Die Begründung, dass man nicht weiß, ob überhaupt etwas stattfinden kann, ist ein Witz. An der IAA und am Oktoberfest plant man doch auch", sagt Süß, "und 300 000 Euro sind eine Kleinigkeit für den Gesamtetat, aber in der Kultur könnte man damit viel anstoßen."

Man könne schon im April kleinere Veranstaltungen anschieben, in dieser Zeit plane sonst niemand etwas, weil das Ausfallrisiko zu hoch sei. Die Stadt müsse die Plätze und die Infrastruktur bereitstellen, "sonst kommt keiner aus dem Winterschlaf". Organisierte Veranstaltungen unter Hygienebedingungen seien aber "unabdingbar für den sozialen Frieden", könnten wildes Treiben von Brennpunkten wie dem Gärtnerplatz umlenken und Tagestouristen in die Stadt locken.

Julia Schönfeld-Knor vom Regierungspartner SPD sieht das genauso. Auf den guten Erfahrungen und "tollen Momente" aus dem Vorjahr könne man aufbauen, dazu mehr in die Stadtteile gehen, den öffentlichen Raum in den Fokus rücken und noch "mehr Platz für Ungewöhnlicheres" bieten. Letztlich sei ihr als Kulturpolitikerin egal, aus welchem Topf das Geld komme, aber dass etwas kommen muss, dafür gebe es eine "breite Mehrheit im Stadtrat".

Ist das vorstellbar? Elton John in der Olympiahalle? Im Oktober?

Auf einen Anstoß aus dem Rathaus wollen die Veranstalter nicht warten. "Wir entwickeln auf eigene Faust Pläne, wie ein Sommer in der Stadt funktionieren kann, wie man die Politik einbindet und Geld akquiriert", sagt Kiesler. Konsens sei, die "ganze Bandbreite der Stadt abzubilden", diesmal verstärkt "Jugendkultur, Klubs, Tanz oder Shakespeare-Theater".

Es seien alle dabei, die etwa 100 Verbandsmitglieder ebenso wie Subkulturvertreter, vom Schwabinger Klub Heppel & Ettlich bis zum Olympiapark. Bei dieser städtischen GmbH heißt es, man könne sich durchaus vorstellen, wieder den Platz unter dem Stadiondach zur Verfügung zu stellen - wenn das mit möglichen kommerziellen Veranstaltungen im Park nicht kollidiere, man müsse wirtschaftlich denken. Auch einige Veranstalter wollen nicht mehr alles gratis anbieten, sondern wünschen sich in dem Rahmen die Möglichkeit, für einiges Eintritt zu verlangen. So könnten eventuell auch größere, zumindest nationale Stars nach München kommen, und es könnte etwas hängen bleiben.

Die meisten Veranstalter aber haben das Jahr, von dem viele nach dem trügerischen Sommer '20 annahmen, es würde schon wieder normal laufen, abgeschrieben. Erst im Herbst wird der Kulturkalender voller, auch erste Konzerte in der Olympiahalle wie Elton John am 2. Oktober erscheinen dann wieder machbar - und sei es mit Schnelltests oder Impfnachweis, wie vom Branchenriesen DEAG vorgeschlagen.

Andreas Schessl von München Musik glaubt, dass man erst 2022 wieder vor vollen Häusern spielen könne, für den Sommer hat er nur ein paar Freiluft-Klassikkonzerte angesetzt. Bei Tollwood plant man zwar ein Sommer-Festival, Größe und Form sei aber unklar, ebenso, ob es große Shows in der Zeltarena geben könne.

Sibler schwebt ein "bayernweites Format vor"

Die Olympiapark GmbH hat ihren eigenen "Sommernachtstraum" mit Feuerwerk für 30 000 Besucher noch nicht aufgegeben, braucht aber bald ein Signal von der Staatsregierung, um loslegen zu können. "Er habe Großes in der Pipeline, aber erst für 2022", sagt Propeller-Music-Chef Frank Bergmeyer. Damit vorher schon mehr gehe, fordert er - außer den versprochenen Ausfallgarantien vom Bund - eine verbindliche Exit-Strategie zur Orientierung von der Staatsregierung.

Die würde Kulturstaatsminister Bernd Sibler gerne geben, er könne es aber nicht, solange die Pandemielage unklar sei. "Wir sind aber vorbereitet", sagt er und verweist darauf, dass unter seinem Vorsitz die Kulturministerkonferenz bereits Ende 2020 Öffnungsstrategien für die Kunst- und Kulturszene erarbeitet habe.

Nach diesem Stufenplan sollen etwa Museen und Bibliotheken "spätestens mit der Eröffnung des Einzelhandels einen Basisbetrieb" anbieten, die Bühnen sollen spätestens dann aufsperren, wenn dies auch die Restaurants dürfen. Dann könnte der Kulturfrühling, beziehungsweise -sommer starten, den Ministerpräsident Markus Söder bereits angekündigt hat und zu dem im Kulturministerium derzeit "konzeptionelle Überlegungen" angestellt werden.

Sibler schwebt ein "bayernweites Format vor, das nach Corona eine breite Partizipationsmöglichkeit für Veranstalter, Künstler und Kulturinstitutionen eröffnet und einem großen Publikum die Vielfalt der bayerischen Kulturlandschaft zugänglich macht". Bei welchen Werten und unter welchen Hygienebedingungen, das steht noch in den Sternen.

© SZ vom 13.02.2021/infu, van
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