Luciano Berio gehört zu jenen Menschen, die auf keinen zwei Fotografien gleich aussehen. Da gibt es den Rebellen mit schwarzer Mähne und offener Knopfleiste. Es gibt den ernsten Tontechniker in Anzug und Krawatte. Und es gibt den reifen, grau melierten Intellektuellen mit immer schmalrandigeren Brillen. Was alle Berio-Versionen verbindet, ist der skeptisch neugierige Blick, mit dem der italienische Komponist seine Gegenwart bedachte. Am Freitag wäre er hundert Jahre alt geworden. Die Münchner Philharmoniker schenken ihm deshalb eine kundige Aufführung seines berühmtesten Werks.
Schon die Uraufführung der „Sinfonia“ 1968 war ein Erfolg. Berio traf einen Nerv, als er im Jahr der Ermordung Martin Luther Kings dem Bürgerrechtler einen musikalischen Grabstein setzte. Ebenso verblüffte und begeisterte seine Verwendung von Worten aus dem Umfeld der Pariser Studentenunruhen. Und das alles war eingebettet in einen klanglichen Bewusstseinsstrom, der die Tradition mit der Gegenwart verband.
Dafür brauchte und braucht es einen angemessen riesigen Orchesterapparat unter präziser Leitung. Mit den Münchner Philharmonikern und Matthias Pintscher, bis vor Kurzem Leiter des „Ensemble intercontemporain“, ist das alles vorhanden.
Und tatsächlich, nach einer kurzen Einspielphase, in der die Philharmoniker sich noch auf das im Titel des Stücks angelegte Zusammenklingen einstellen, gestaltet Pintscher eine flirrende, fesselnde Klang-Choreografie. Neben dem Orchester steht ihm dabei ein achtköpfiges Vokalensemble zur Verfügung. Die österreichische Formation „Cantando Admont“ agiert flexibel und beweist zumal im zweiten Satz, dessen Text allein aus dem Namen von Martin Luther King besteht, homogene Klangschönheit. In die statischen, schimmernden Vokal-Akkorde lässt Pintscher Akzente wie genau dosierte elektrische Schläge sausen – die von Berio geforderten Kontraste setzt er planvoll um, ohne dabei je zu übertreiben.
Zentrum der „Sinfonia“ ist der dritte Satz, ein Beispiel für Zitatmusik und für Berios komplexes Verhältnis zur musikalischen Vergangenheit. Denn die Basis des Satzes ist eine komplette Aufführung des Scherzos aus Gustav Mahlers zweiter Symphonie. Darüber legt Berio andere Kompositions-Zitate etwa von Bach oder Ravel und vor allem eine beziehungsreiche Text-Collage.
Was die Philharmoniker in diesem Satz unter Pintscher leisten, ist ein blitzendes Virtuosenstück: Der Rosenkavalier tanzt La Valse und Mahler sieht zu. Schade nur, dass die stimmlichen Anteile ausgerechnet hier beinahe untergehen. In Berios eigener, stilbildender Aufnahme ist zumindest momentweise der Text mit seinem politischen Potenzial zu erahnen.

Ein besseres Textverständnis hätte vielleicht auch die Konzertgängerin versöhnt, die nach den dringlichen Schlusssätzen der „Sinfonia“ meint: „Ich hab nur gewartet, bis es vorbei war.“ Vielleicht haben manche so gedacht. Applaus für das famose Vokalensemble und das engagiert musizierende Orchester kommt trotzdem ausgiebig.
Weniger Experimentelles hält zudem die zweite Konzerthälfte bereit: Debussys „Images pour orchestre“, für Pintscher eine weite Spielwiese, auf der er sein ungemeines Farbbewusstsein zeigen kann. So schichtet er im ersten Satz sorgfältig die Holzbläserlinien, unterfüttert mit warmem Streicherton und brilliert in der sinnlichen Nachtmusik von „Les parfums de la nuit“. Viel Beifall für einen bedeutungsvollen Konzertabend und eine Feier des vielfarbigen Orchesterklangs.

