Neue KlangkunstSo klingt das Erbe von sieben Generationen

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„Span of Being“ ist ein Klangkunststück für fünf  Instrumente und improvisierendes Klavier. Hier vor einem Video welkender Blumen.
„Span of Being“ ist ein Klangkunststück für fünf  Instrumente und improvisierendes Klavier. Hier vor einem Video welkender Blumen. (Foto: Neue Klangkunst)

Die Reihe „Tonality Theater“ im Pavillon 333 will dem Publikum die Scheu vor Klangkunst nehmen. Was erstaunlich gut gelingt.

Kritik von Paul Schäufele

Dieser Titel ist ein Versprechen: „Tonality Theater“. Die Veranstaltungsreihe im Pavillon 333 im Kunstareal verspricht offenes Experimentieren mit Klängen, aber auch Show. Und das Versprechen wird gehalten. Der zweite von fünf Teilen, den die „Neue Klangkunst“ – die gemeinnützige Gesellschaft um Stefan Winter und Mariko Takahashi – präsentiert, verbindet faszinierende Musik mit einer poetischen Video-Installation.

Denn hier geht es um Beziehungen. Zwischen Raum und Ton, zwischen dem inspiriert aufspielenden Ensemble und dem Publikum, zwischen Gegenwart und Vergangenheit. „Span of Being“, wie dieser Teil der Reihe heißt, greift eine Idee der nordamerikanischen indigenen Six Nations auf. Jeder Mensch trage in sich das Erbe von sieben Generationen und müsse deshalb die Auswirkungen seines Tuns für die folgenden sieben Generationen bedenken. Wie macht man daraus Ton-Theater?

Federleichtes Klavierspiel: Der amerikanische Pianist Uri Caine, hier bei einem Konzert in Dachau 2022, ist berühmt für seine unorthodoxen Klassikadaptionen.
Federleichtes Klavierspiel: Der amerikanische Pianist Uri Caine, hier bei einem Konzert in Dachau 2022, ist berühmt für seine unorthodoxen Klassikadaptionen. (Foto: Toni Heigl)

Vermutlich braucht es dazu einen Kopf wie den von Uri Caine, kein Unbekannter für die Neue Klangkunst. Bei Stefan Winters Label hat Caine vor mehr als dreißig Jahren sein erstes Album „Sphere Music“ veröffentlicht. Seine Genre-Grenzen verwischende Kunst übt er nun im Pavillon, vor Winters und Takahashis Video welkender Blumen.

Immer wieder knüpft Caine darin an Vergangenes an, an Melodie-Modelle des Barock. Dann Atonales, Akkordballungen, schimmernder Jazz. Und immer wieder durchpulst die Stücke ein Siebenertakt, Hinweis auf das Generationenprinzip. Neben Caines federleichtem Klavierspiel bestimmt das vielschichtige Klangbild die eigenwillige Instrumentierung, in der auch eine Bass-Blockflöte und ein Akkordeon auftauchen. Ebenso die Vokalartistin Anna Linardou mit ihrem Zischen, Röcheln, Gurgeln und die im Raum verteilten Lautsprecher, aus denen die von James Weeks zusammengestellten Stimmen des Exaudi Vocal Ensembles klingen.

Der Pavillon im Schatten der Pinakothek der Moderne ist dafür der richtige Ort. Halb transparent, ein Haus, das quasi von selbst Denkräume öffnet, im Herzen der Stadt. Denn was Stefan Winter immer wieder betont: Das Tonality Theater soll, durch die Lage und freien Eintritt, Leuten die Kontaktscheu vor neuer Klangkunst nehmen. Also – wer an einem der zahlreichen Performance- oder Installations-Tage des Tonality Theaters daran vorbeischlendert, ist gut beraten, sich den Kubus von innen anzuschauen. Was genau einen erwartet, ist offen, langweilig wird es nicht.

Der nächste Part beginnt am Donnerstag, 25. Dezember, mit einem Werk von Christian Mason. Bis dahin, vom 9. bis 14. Dezember (je 15 bis 19 Uhr), kann „Span of Being“ noch in einer Sound-Installation nachgelauscht werden. Weitere Infos unter www.neueklangkunst.com.

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