Kritik:Funkelnd

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Carolin Widmann und Santtu-Matias Rouvali bei den Philharmonikern.

Von Harald Eggebrecht, München

Trotz Publikumseinschränkung haben die Anwesenden ein von Klarheit, rhythmischer Akkuratesse und klanglicher Vielfalt bestechendes Konzert erlebt. Santtu-Matias Rouvali, Jahrgang 1985, aus der finnischen Dirigentenschmiede um den großen Jorma Panula, leitete die Münchner Philharmoniker in seiner Zeichengebung so unmissverständlich, dass man sie mühelos "lesen" konnte. So zog der "Steampunk Blizzard", ein Orchesterscherzo des Amerikaners Daniel Nelson, so präzise fauchend und stampfend durch die Isarphilharmonie, dass sich sofort eine geradezu vergnügte Stimmung im sonst leider aus den bekannten Gründen nur schütter besetzten Saal ausbreitete.

Carolin Widmann bot dann Sergei Prokofjews zweites Violinkonzert als widerborstiges, sarkastisches Stück, bei dem die Dialoge mit dem Orchester ebenso wichtig waren wie der raffiniert-virtuose Solopart. Oft verlassen sich Geiger darauf, das Melodiöse hervorzuheben mit sattem Vibrato und typischer Solistenpose. Der langsame Satz Andante assai bietet zweifellos eine der schönsten Geigenmelodielinien des 20. Jahrhunderts, dem viele eben mit naiver Süffigkeit begegnen, so, als habe Prokofjew da ein spätromantisches Stück mit falschen Noten geschrieben.

Indem Carolin Widmann aber mit schlankestem Ton und antreibender Energie das gleichsam Zeichnerische und Linienhafte der Solostimme betonte, und Rouvali kongenial alle Finessen von Prokofjews großartiger Instrumentierung der Orchesterfarben um die Solistin als prima inter pares inszenierte, entstand das Konzert endlich wieder in seiner Vielfalt aus Wehmut, bitterem Witz und musikalischer Widerständigkeit. Tosender Beifall für alle und Carolin Widmann, die sich mit einer Miniatur von George Benjamin bedankte. Auch Carl Nielsens 4. Symphonie, die "Unauslöschliche", verleitete Rouvali nicht zu gefühligem Pathos oder ungefügem Paukenlärmen im Finale. Er blieb bei aller Intensität immer überlegener und überlegter Regisseur der symphonischen Klangabenteuer, die Nielsen lebensbejahend in diesem grandiosen Werk entfaltet.

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