Kritik:Das Suchen und Finden der Poesie

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Neugierde und schönste Rätsel: Der Pianist Igor Levit und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks entzücken in der Philharmonie.

Von Egbert Tholl, München

Natürlich, in die Philharmonie dürfen wenigstens knapp über 600 Menschen, was sich nur so halb trostlos anfühlt, aber in einem anderen Saal wären es ja noch weniger. Also Philharmonie, obwohl man sich dieses Konzert in einem intimen Saal wünschte, aber dort wäre es wohl auch mit den Abständen zwischen den Musikerinnen und Musikern schwierig. Diese führen zu keinerlei Koordinationsproblemen, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks spielt prachtvoll fein, zusammen mit dem Dirigenten Edward Gardner und Igor Levit, dem Artist in Residence der zu Ende gehenden Corona-Saison.

Levit wählt Beethovens viertes Klavierkonzert, beginnt ganz zart, lyrisch, eine Haltung, die das Orchester zunächst kongenial übernimmt, um dann mit großer Ruhe, weich und cremig, eine elastische Steigerung zu bauen. Levit beobachtet dies mit großem Interesse, wirkt einerseits in sich gekehrt, andererseits schaut er immer wieder die Mitspielenden an, ist ein Musikant unter vielen. Spielt er selbst, setzt er hin und wieder ungewöhnliche rhetorische Akzente, ist nie großspurig oder auftrumpfend. Vielmehr lotet er konsequent das Leise, das Feine aus, manchmal bis an den Rand des Zerfalls, aber eben nur bis an den Rand. Das erzwingt eine beglückende Aufmerksamkeit, in die hinein er eine absolut hinreichend eigenwillige Solokadenz setzt, in der er das Thema wieder aufnimmt und es interessiert beäugt, bis es sich in glitzernden Sternenstaub auflöst.

Überhaupt hat man das Gefühl, das Suchen und Finden der Poesie, das Vertreiben der Schatten des zweiten Satzes mit den dialogischen Passagen zu Beginn des dritten, diese wundervolle Kommunikation zwischen Levit und dem Orchester könnte bereits im nächsten Konzert zu einem ganz anderen Ergebnis führen. Hier ist nichts besserwisserisch, sondern alles voller Neugierde. Als Zugabe der "Winnsboro Cotton Hill Blues", danach dirigiert Gardner Elgars "Enigma-Variationen" ihrem Titel entsprechend: als Rätsel.

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