Was haben Hamburg und das kleine Leer in Niedersachsen gemeinsam? Beide sind als Reedereistandort bekannt. Ansonsten lassen sich die stolze Hansestadt und das Städtchen in Ostfriesland kaum miteinander vergleichen. Wobei, so ganz stimmt das nicht. Denn beide können von sich behaupten, unter ihren Einwohnern mindestens eine Rapcrew zu haben, die deutschlandweit für Moshpits und volle Hallen sorgt. Hamburg kann unter anderem mit der 187 Straßenbande aufwarten. Und Leer? Hat die 102 Boyz.
Bei den acht Jungs geht es vor allem um eines: den Exzess. Der beschäftigt und fasziniert die Menschheit bekanntlich seit Jahrtausenden, Generationen von Philosophen haben sich daran abgemüht, die menschliche Lust an Selbstzerstörung und Ausbruch zu erklären. Bei den 102 Boyz wird all das norddeutsch-nüchtern auf „Schietwetter & Korn“ heruntergebrochen. „Wir sind Wenigschläfer, Flaschenkinder / voller als ’n Klassenzimmer“, lässt einen Chapo 102 darin wissen. Ein Leben voller Drinks, Partys und Zigarettenrauch, dazu die Kulisse aus Elbe, Nordsee und norddeutschem Flachland – die 102 Boyz sind nicht die ersten, die mit dieser Mischung groß rauskommen.
Damit das klappt, braucht es aber nicht nur Texte über Lokalkitsch und Getränke mit hoher Drehzahl. Es braucht – neben einer ausreichend dosierten Portion Selbstironie – vor allem die richtigen Typen. Die sieben 102 Boyz scheinen genau das zu sein, eilt ihnen doch der Ruf voraus, bei ihren Liveshows genau das zu halten, was sie in ihren Texten versprechen: Abriss. Seit einem ersten Auftritt auf dem „Splash“ 2017 ist die 2012 gegründete Gruppe fester Bestandteil deutscher Festivalsommer: Auf dem Frauenfeld und dem Southside haben sie gespielt, in diesem Sommer ist unter anderem ein Heimspiel auf dem „Deichbrand“ geplant. Davor aber touren die 102 Boyz in diesem Winter mit ihrem neuen Album „Asozial Allstars 5“ durch die Republik und machen nach dem Auftakt in Chemnitz Halt in der Muffathalle.
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Musikalisch kommt auf die Besucher ein weites Spektrum zu. Manche Songs wie „Bier“, jene Kollaboration mit den Berlinern BHZ, die den Ostfriesen zum endgültigen Durchbruch verhalf, erinnern mit den harten Beats an den Aggro-Berlin-Style. Andere Tracks, allen voran die Soloprojekte von Chapo 102, dem vielleicht bekanntesten Gesicht der 102 Boyz, sind minimalistisch-melodischer. Für diese Mischung aus Rap, Electro und Trap gibt es regelmäßig Streamingzahlen im Millionenbereich. „Missed Calls“, „Schön, dass du da warst“ oder „Mein Tee wird langsam kalt“ haben auf Spotify jeweils mehr als zehn Millionen Klicks.
Ob das reicht, damit Leer bald vielleicht nicht mehr nur als Reedereistandort, sondern auch als Hip-Hop-Hochburg bekannt ist? Im Deutschrap gibt es die Redensart, seine Stadt „auf die Karte“ zu bringen. Für Hamburg hat das einst Gzuz von der 187 Straßenbande vollkommen zurecht für sich in Anspruch genommen. Für das kleine Bietigheim-Bissingen in Baden-Württemberg haben diesen Job Bausa, Rin oder Shindy übernommen. Wenn die 102 Boyz so weitermachen, bringen sie vielleicht auch eines Tages Leer so richtig auf die Karte. Fragt sich nur, wie viel Schietwetter bis dahin über Ostfriesland zieht. Und wie viel Korn bis dahin durch die Kehlen der 102 Boyz rinnt.

