„Himmlische Zeiten“ in der Komödie im Bayerischen HofEine Revue über Altersarmut und Alzheimer – geht das?

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Sangesfreudige Quadriga: Ursula Berlinghof, Bianca Karsten, Patricia Hodell und Bianca Spiegel begegnen sich zunächst eher unwillig in einer Privatklinik.
Sangesfreudige Quadriga: Ursula Berlinghof, Bianca Karsten, Patricia Hodell und Bianca Spiegel begegnen sich zunächst eher unwillig in einer Privatklinik. (Foto: Komödie im Bayerischen Hof)

Wie das gelingen kann, zeigen vier tolle Schauspielerinnen in der Komödie im Bayerischen Hof. Die Premiere von „Himmlische Zeiten“ wird zum Abschluss einer erfolgreichen Trilogie über Frauenschicksale.

Kritik von Barbara Hordych

Als ob die Themen Demenz, Altersarmut und Einsamkeit nicht schon genügend emotionalen Sprengstoff bieten würden, war es in der Endprobenphase von „Himmlische Zeiten – Altwerden ist nichts für Feiglinge“ noch eine Umdrehung mehr, die für Wirbel sorgte: Wegen Erkrankungen musste die Vier-Frauen-Revue um- und nachbesetzt werden. Nur Bianca Karsten, in der Rolle der Karrierefrau schon seit 2020 dabei, behielt ihren Part – und das trotz gebrochenen Zehs. „Es ist unglaublich, wie sie trotzdem über die Bühne fegt“, schwärmt René Heinersdorff bei der Begrüßung des Premierenpublikums in der Komödie im Bayerischen Hof.

Dort ist das Stück von Tilmann von Blomberg, Carsten Gerlitz und Katja Wolff (die auch Regie führt) der Abschluss einer erfolgreichen Trilogie. Sie begleitet vier Frauen über die Stürme der Wechseljahre („Heiße Zeiten“), Ehe und Scheidung („Höchste Zeit“) nun in die Endkurve ihres Lebens. Sie sind nicht wirklich enge Freundinnen, kennen einander aber seit ihres Kurses „Bauch, Beine, Po“ und laufen sich seitdem immer wieder über den Weg.

Schauplatz der aktuellen Revue ist eine Privatklinik. Karstens „Karrierefrau“ befindet sich wegen einer ästhetisch-chirurgischen Generalüberholung hier, erhält Besuch von der „Hausfrau“ (Ursula Berlinghof), die die im Rollstuhl sitzende „Vornehme“ (Patricia Hodell) kurzerhand aus der Notaufnahme mitbringt. Letztere hat einen Golfball gegen den Kopf bekommen und leidet an Gedächtnisschwund – aber nicht nur deswegen, wie sich noch herausstellen wird. Bianca Spiegel ist mit Mitte vierzig „Die Junge“ und hochschwanger mit dem zweiten Kind. Weswegen sie eigentlich auf die Entbindungsstation gehört, vor der sie allerdings Reißaus genommen hat.

Von ihrer Anwesenheit sind die drei anderen eher genervt als begeistert. Überhaupt gehen die vier eher schroff als zärtlich miteinander um, insbesondere Hodell als vornehme Frau Hagedorn sorgt mit ihren sarkastischen Äußerungen, dank Demenz befreit von lästigen Umgangsformen, für etliche Lacher: Wie das Plakat beim Metzger sehe Karsten mit den Markierungen im Gesicht vor ihrer Schönheits-OP aus. Schnell wird klar: Alle vier sind mit ihren eigenen Gefühlen derart beschäftigt, dass kaum Platz bleibt für Empathie den anderen gegenüber.

Freilich ändert sich das im Laufe der Aufführung, in der sich jede den Raum nimmt, ihre eigene Perspektive aufs Leben erzählen und zu besingen. Die forsche Bianca Karsten konkurriert etwa mit einer jüngeren Kollegin um einen Vorstandsposten und muss ihre Eignung vor einer Männerriege beweisen – das geht nur mit gestrafften Lidern und ebensolchen Brüsten, ist sie überzeugt. Bianca Spiegel lässt zur Melodie von „Y.M.C.A.“, umgetextet zu „Mein Mann wird alt“ ihrer Wut über ihren Midlife-Crisis-geschüttelten Mann freien Lauf, der mit der 19-jährigen Babysitterin des ersten Kindes eine Affäre hat.

Am Berührendsten wird es bei Ursula Berlinghof, die zur Melodie von „Wonderful World“ zwar gefühlvoll zurückblickt auf ein mit Familienarbeit prall gefülltes Leben – gleichwohl aber einem Alter in Armut entgegensieht. Geld hat Patricia Hodell dagegen zuhauf, aber nach der Scheidung schaut niemand mehr als „Frau Konsul“ zu ihr auf, jetzt steht sie mit einer abwesenden und abweisenden Tochter einsam da mit ihrer Demenz-Diagnose. Zur Melodie von „Another Day in Paradise“ besingt sie den eigenen langsamen Verfall und gesteht sich und den anderen ihre Hilfsbedürftigkeit ein.

Diesen melancholisch-traurigen Momenten zum Trotz schafft die Revue das Kunststück, eine Komödie zu sein. Bei der die vier Ladys am Ende sogar den Sprung in ein neues Abenteuer wagen: hinein in das Zusammensein mit Gleichgesinnten – bei dem nicht nur der vierstimmige Gesang harmonisch gelingt.

Himmlische Zeiten, bis 10. August, Komödie im Bayerischen Hof

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