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Bunte Listen für die Kommunalwahl:Diese Frauen und Männer wollen in den Stadtrat

Sänger und Bezirksausschussvorsitzende, Rathausveteranen und Jungspunde, Prominente und Unbekannte - das Feld der Bewerber für den Stadtrat ist riesig. Eine subjektive Einordnung.

Es gilt, 80 Mandate zu vergeben: Am 15. März 2020 wählen die Münchner für sechs Jahre einen neuen Stadtrat. Der Wahlzettel mit der Kandidatenliste ist quadratmetergroß, es braucht ein wenig Geschicklichkeit, mit dem Monstrum in der Wahlkabine zurechtzukommen. Die Reihenfolge der Parteien orientiert sich am Ergebnis der Landtagswahl, weshalb die CSU an erster Stelle auftaucht und die Grünen auf Rang zwei. Es folgen: Freie Wähler und AfD. Die SPD steht, obwohl sie aktuell zusammen mit der CSU die größte Rathausfraktion stellt, auf Position fünf. Doch was zeichnet die Bewerber aus? Eine subjektive Kategorisierung des bisher bekannten Kandidatenspektrums (einige Parteien sammeln noch Unterschriften).

DIE ZUGPFERDE

Auf einer Liste braucht es Namen, die irgendjemand kennt - in der Kommunalpolitik gehen nur wenige Leute als Prominente durch. Viele Parteien stellen daher ihre Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters nach ganz oben, auch wenn (anders als bei den beiden Bürgermeistern) der OB keineswegs aus der Mitte des Stadtrats kommen muss. Bei der SPD steht Dieter Reiter auf Platz eins, die Delegierten der CSU haben sich für Kristina Frank, die Grünen für Katrin Habenschaden und die FDP für Jörg Hoffmann entschieden. Bürgermeister Manuel Pretzl belegt Platz zwei der CSU-Liste. Vielen Münchnern dürfte auch die frühere Grünen-Landtagsabgeordnete Claudia Stamm ein Begriff sein, die auf Rang zwei der von ihr gegründeten Partei "Mut" steht. Freunde bayerischer Rockmusik kennen möglicherweise Roland Hefter (SPD, Platz 9), Society-Fans die frühere Chefredakteurin der Zeitschrift Bunte Patricia Riekel (FDP, Platz 8), Soul-, Jazz- und Chansonhörer den Sänger Ecco Meineke ("Mut", Platz 28), der als Ecco di Lorenzo bekannt ist. Ebenfalls für "Mut" tritt der Gastronom Michi Kern an (Platz 16).

DIE HOFFNUNGSTRÄGER

Es ist immer schwer vorherzusagen, wessen Bedeutung in den kommenden Jahren anwachsen wird. Absehbar ist, dass etwa die Sozialpolitikerin Anne Hübner (Platz 4) bei der SPD mehr in den Vordergrund tritt (und dies auch aktuell in ihrer neuen Rolle als stellvertretende Fraktionsvorsitzende schon tut), die gleiche Rolle ist für ihren Amtskollegen Christian Vorländer eingeplant (den manche vielleicht als Darsteller aus TV-Gerichts-Soaps kennen; Platz 5). Auch auf Nikolaus Gradl, der von 2002 bis 2014 schon einmal Stadtrat war, setzt seine Partei (Platz 11). Bei der CSU gehören Sebastian Schall (Platz 14) und Dorothea Wiepcke (Platz 15) in diese sehr subjektive Kategorie der nach vorne Drängenden. Zu Hoffnungsträgern der Grünen zählen Judith Greif (Platz 7) und Sebastian Weisenburger (Platz 8), Letzterer war einst Stadtvorsitzender seiner Partei.

DIE AKTIVISTEN

Die Zahl der "außerparlamentarischen" Aktivitäten war nicht klein im München der vergangenen Jahre. Und diverse Galionsfiguren der Initiativen tauchen nun auch auf den Stadtratslisten auf. Thomas Lechner etwa, der nicht nur Rang vier auf der Liste der Linken belegt, sondern auch als OB-Kandidat antritt, war maßgeblich an der Organisation der Kundgebungen "Ausgehetzt" und "Ausspekuliert" beteiligt. Andreas Schuster (SPD, Platz 13) war eines der Gesichter des Radl-Bürgerentscheids, den der Stadtrat schließlich übernommen hat. Für das Pro-Toleranz- und Anti-Rassismus-Bündnis "München ist bunt", das zahlreiche Demos mitorganisiert hat, steht dessen Vorsitzende Micky Wenngatz (SPD, Platz 10). Ingeborg Michelfeit (Freie Wähler, Platz 7) hat sich jahrelang in Haidhausen gegen den Bau des zweiten S-Bahn-Tunnels engagiert, Carolina Pougin (CSU, Platz 35), opponierte an vorderster Front gegen die Trambahn durch den Englischen Garten. Dem Kampf gegen Kaffee-Einwegbecher hat sich Julia Post (Grüne, Platz 5) verschrieben, die vor einigen Jahren ein entsprechendes Projekt ins Leben gerufen hat. Freunden des Autoverkehrs dürfte Michael Haberland ein Begriff sein. Der PS-Aktivist ist Präsident des Vereins "Mobil in Deutschland" (ehemals "Mobil in München") und steht bei der CSU auf Listenplatz 26.

DIE UNBEKANNTEN

Natürlich gibt es auf einer riesigen Stadtratsliste jede Menge Kandidaten, deren Namen nur Eingeweihten bekannt ist. Manchmal stehen sie sogar in erster Reihe - wie Hans-Peter Mehling (Freie Wähler, Platz 1), der auch OB-Kandidat seiner Partei ist. Bei den Linken tritt der Gewerkschaftssekretär Stefan Jagel als Spitzenkandidat für den Stadtrat an, "Mut" hat sich für Stephanie Dilba als OB-Kandidatin und Listenführerin entschieden. Beide waren durchaus schon in der Öffentlichkeit aktiv, Jagel als Sprecher des Volksbegehrens Pflegenotstand und Dilba bei den "Löwen gegen rechts".

DIE STADTTEILFÜRSTEN

Es ist ein klassischer Karrierepfad in der Kommunalpolitik: erst in den Bezirksausschuss, dann dorthin, wo wirklich die Entscheidungen fallen - ins Rathaus am Marienplatz. Immerhin fünf Bezirksausschussvorsitzende treten 2020 für den Münchner Stadtrat an: Markus Lutz aus Sendling (SPD, Platz 19) ist darunter, Sibylle Stöhr von der Schwanthalerhöhe (Grüne, Platz 15) und Christian Krimpmann aus der Maxvorstadt (CSU, allerdings auf dem nahezu aussichtslosen Platz 78). Anna Hanusch aus Neuhausen-Nymphenburg (Grüne, Platz 3) und Angelika Pilz-Strasser aus Bogenhausen (Grüne, Platz 11) sind bereits in der aktuellen Amtsperiode Stadträte und treten erneut an.

DIE WECHSLER

Parteiwechsel sind in Mode gekommen im Münchner Rathaus, und so sind diverse Kommunalpolitiker den Wählern mit völlig anderen Hüten bekannt. Alexander Reissl (CSU, Platz 12) war noch vor wenigen Monaten Fraktionsvorsitzender der SPD, Marian Offman (SPD, Platz 23) agierte als Sozialsprecher der CSU. Beide wechselten aus heftigem Unmut über die eigene Partei die politische Seite. Ebenfalls Christsozialer war kürzlich noch Johann Sauerer (ÖDP, Platz 5). Rita Braaz (Linke, Platz 5) trat 2014 noch für die Rosa Liste an (wie übrigens auch ihr Listenkollege Thomas Lechner).

DIE FÜLLKANDIDATEN

Natürlich ist es gemein, Stadtratskandidaten den echten Willen auf ein Mandat abzusprechen. Aber es ist doch eher unwahrscheinlich, dass es den früheren Bürgermeister und jetzigen Landtagsabgeordneten Hep Monatzeder (Grüne, Platz 66) oder seine Parlamentskollegin, die frühere Stadtrats-Fraktionsvorsitzende Gülseren Demirel (Grüne, Platz 71) ins Rathaus zurückzieht. Beide sind nach der Landtagswahl 2018 freiwillig aus dem Stadtrat ausgeschieden, um sich der Landespolitik zu widmen. Auch der stellvertretenden Grünen-Bundesvorsitzenden Jamila Schäfer (Platz 75), dem Bundestagsabgeordneten Stephan Pilsinger (CSU, Platz 58) oder dem 2015 in den Ruhestand gegangenen Münchner Umweltreferenten Joachim Lorenz (Grüne, Platz 50) muss man nicht zwingend allzu große Ambitionen auf ein Stadtratsmandat unterstellen. Der bisherige FDP-Spitzenmann Michael Mattar ist zwar noch auf Platz 11 seiner Parteiliste vertreten, sieht sich selbst aber eher als Auslaufmodell. Dass der einstige Häufelkönig Monatzeder sicherheitshalber auf dem schlechten Listenplatz 66 kandidiert, macht übrigens einen Listen-Scherz aus dem Wahlkampf 2014 obsolet. Damals kandidierte Löwen-Fan Monatzeder auf Rang 18, sein Kumpel Christian Waggershauser (Muffathalle) demonstrativ auf Rang 60. Zumindest Waggershauser hat sich auch diesmal seinen "Stammplatz" mit der Nummer 60 gesichert.

DIE NACHWUCHSKRÄFTE

Es gehört zum guten Ton, bei einer Kommunalwahl auch die Jugendorganisationen der Parteien zu bedenken - und so ein breiteres Altersspektrum und (hoffentlich) frischen Wind in die neugotische Burg am Marienplatz zu bringen. Michael Daniel, Vorsitzender der Jungen Union München, tritt deshalb auf Platz 22 der CSU-Liste an. Sein sozialdemokratisches Pendant, Juso-Chef Christian Köning, hat den komfortablen Platz 7 auf der SPD-Liste, seine frühere Stellvertreterin Lena Odell folgt auf Rang 8. Für die Grüne Jugend kandidieren Clara Nitsche (Platz 9) und Pascal Dintner (Platz 28). Jennifer Kaiser, stellvertretende Vorsitzende der Julis, steht auf dem fünften Platz der FDP-Liste.

DIE ETABLIERTEN

Es dauert einige Zeit, sich im Politikbetrieb des Rathauses zu orientieren - und wer wirklich effektiv arbeiten will, sollte auch ein paar Mitarbeiter der Verwaltung kennen. Jede Fraktion braucht daher erfahrene Kräfte, die schon am ersten Tag der neuen Amtsperiode wissen, wo es langgeht. Der OB-Kandidat der ÖDP, Tobias Ruff, gehört dazu (Platz 1), die beiden Bayernpartei-Politiker Richard Progl und Johann Altmann (Plätze 1 und 2) oder Gabriele Neff sowie Thomas Ranft von der FDP (Plätze 2 und 7). Für die Grünen tritt der langjährige Fraktionsvorsitzende Florian Roth wieder an (Platz 2). Trotz nicht allzu fortgeschrittenen Alters zählt auch der grüne Stadtvorsitzende Dominik Krause (Platz 4) zu den Etablierten, ebenso wie der Verkehrsexperte Paul Bickelbacher (Grüne, Platz 6). Auf der CSU-Liste treten die Vize-Fraktionschefs Evelyne Menges (Platz 3) und Hans Theiss (Platz 4) wieder an. Die Bildungsexpertin Beatrix Burkhardt (ebenfalls CSU) belegt Platz 5. Der Fraktionsvorstand der SPD, bestehend aus Verena Dietl und Christian Müller (Plätze 2 und 3), ist zwar noch nicht allzu lange im Amt, dafür aber schon eine Weile im Stadtrat und soll nach Willen der Partei seine Arbeit längerfristig fortsetzen. Auch Münchens DGB-Chefin Simone Burger, die seit 2014 im Stadtrat tätig ist, kandidiert ein weiteres Mal für die SPD (Platz 6).

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