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Zweibrückenstraße:Eine Reform ist nicht ohne Schmerzen zu haben

Fahrradweg in München, 2019

Radfahrer auf dem schmalen Fahrradweg in der Zweibrückenstraße. Im Hintergrund das Isartor.

(Foto: Stephan Rumpf)

Selbst wenn es für Autofahrer wehtut - es ist so richtig wie überfällig, dass die Vollversammlung des Stadtrats Radfahrern, Fußgängern und Nahverkehr mehr Platz eingeräumt hat.

Bremsen, ausweichen, klingeln - das ist Alltag für Radfahrer entlang der Zweibrückenstraße. Fußgängern geht es nicht besser, auch sie müssen ständig aufpassen. Die Zweibrückenstraße ist nicht etwa deshalb eine Kampfzone, weil Radfahrer oder Fußgänger rücksichtslos wären, sondern weil es auf diesem kurzen, aber für den Innenstadtverkehr enorm wichtigen Stück zwischen Isar und Isartorplatz viel zu wenig Platz gibt für Menschen, die sich aus eigener Kraft fortbewegen. Fußgänger und Radler sind buchstäblich an den Rand des Straßenraums gedrängt, während Autos auf zwei Spuren je Richtung dahinrollen.

Dieser Zustand ist für eine sich als modern verstehende Großstadt an der Schwelle zum Jahr 2020 untragbar. Deshalb ist es so richtig wie überfällig, dass die Vollversammlung des Stadtrats eine Neuverteilung in der Zweibrückenstraße beschlossen hat: deutlich mehr Raum für Radler und Fußgänger und je eine Spur weniger für Autos. Der Beschluss ist eine Konsequenz aus der Entscheidung, die Ludwigsbrücke künftig für Autos einspurig zu machen, analog wird auch der Brückenzulauf über die Straße Am Gasteig auf der anderen Isarseite zugunsten von Radlern und Fußgängern umorganisiert. Zusammen mit dem Beschluss, die Forderungen aus den Bürgerbegehren "Altstadt-Radlring" und "Radentscheid" (für eine generelle Neuausrichtung der Straßenverkehrsplanung) zu übernehmen, hat der Stadtrat nun tatsächlich große Schritte für einen umwelt- und auch menschenfreundlicheren Verkehr getan.

Zugleich zeigen die Beschlüsse anschaulich, dass eine Reform des Verkehrs in einer wachsenden Großstadt nicht ohne Schmerzen für bestimmte Verkehrsteilnehmer zu haben ist - auch wenn insbesondere die CSU den Menschen gern vorgaukelt, man könne die Interessen auf eine wundersame unideologische Weise austarieren, so dass am Ende - simsalabim - alle komfortabler, schneller, sicherer vorankommen. Das aber ist an vielen Stellen illusorisch, einfach weil der Platz nicht da ist. Dann läuft es auf ein "Entweder-Oder" hinaus: Entweder die Autofahrer behalten den Platz, der ihnen in einem anderen Zeitalter zugestanden wurde. Oder sie müssen einen Teil davon hergeben. Aber selbst wenn sie ihn hergeben müssen, wird die von der CSU unermüdlich angedrohte Verkehrs-Apokalypse nicht eintreten.

Autofahrer werden sich nicht aus Trotz in den Stau stellen, sondern sie werden über kurz oder lang ihre Mobilität verändern - wie sie es in so vielen anderen Städten schon getan haben.

© SZ vom 19.12.2019/syn

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