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Typisch deutsch:Wie Vitamin B das Leben erleichtert

Wartende in der Fahrerlaubnisbehörde in München, 2019

In einer Behörde in Deutschland wird nicht mit Scheinen nachgeholfen.

(Foto: Robert Haas)

Unser Autor hat in seiner Heimat Syrien gelernt, dass viele Dinge mit Scheinen zu regeln sind. Damit kommt er hier nicht weiter. Hier braucht es schon etwas anderes.

Als ich vor knapp fünf Jahren Asyl in Deutschland beantragte, saß ich vor einer Beamtin und konnte kein Wort Deutsch. Das Handy mit dem Übersetzungsprogramm war meine einzige Hilfe. Die Beamtin gab mir einen Stapel Papiere und sagte nur zu mir: "Bitte ausfüllen!"

Im Folgenden besuchte ich sie drei weitere Male in ihrem Büro, um die Papiere stempeln zu lassen, weil ich jedes Mal neue Papiere zum Ausfüllen bekam. Bei mir zu Hause in Kirchseeon stapelten sich damals die Papiere, unter dem Bett, auf dem Esstisch, auf dem Regal - überall waren Dokumente.

In meinem ganzen Leben in Syrien besaß ich ganze drei Papiere: mein Abiturzeugnis, meinen Universitätsausweis und den Mietvertrag meiner Wohnung. Nun saß ich völlig verloren zwischen Papierbergen.

Es war die Zeit, als ich eines meiner ersten deutschen Worte kennen lernte: Vitamin B: In Syrien respektiert ein Beamter den Bürger nur, wenn er Bestechungsgeld bezahlt, die monetäre Variante von Vitamin B also, Vitamin G. Zurück bei der Beamtin deutete ich also an, dass ich bereit wäre, Geld zu bezahlen, indem ich meine Hand in die Tasche steckte und wieder herauszog. Auf Syrisch sagen wir: al-darahim mithlu al-barahim - Geld ist wie Schmiere oder Salbe. Aber sie nahm das kaum wahr und sagte nur: "Sie können für diesen Ausweis nicht bezahlen." Mein Plan hat versagt.

Beim nächsten Behördengang hatte ich es mit einem Mann zu tun: Ich wollte nur etwas bei ihm im Büro unterschreiben, doch er stellte sich quer. Dafür müsse ich vorab einen Termin vereinbaren, so die Ansage. Es musste also Plan B her: Sprache! Wenn in Syrien ein Mann mit alewitischem Dialekt von Baschar al-Assad spricht, dann haben die Beamten Angst und machen, was ihnen befohlen wird. Den bayerischen Beamten wollte ich nun aber nicht einschüchtern, sondern seine Sympathie gewinnen. Deswegen sagte ich zu ihm mit schiefem Dialekt: "Bittsche, I mecht gern untaschrei'm!" Nur so viel: Der Plan ging gründlich in die Hose.

Typisch deutsch

Ihre Flucht hat drei Journalisten nach München geführt. In der wöchentlichen Kolumne "Typisch deutsch" schreiben sie, welche Eigenarten der neuen Heimat sie mittlerweile übernommen haben. Alle Kolumnen der Serie "Typisch deutsch" finden Sie hier.

In Syrien wäre es mein Plan C gewesen, mit irgendeinem Soldaten oder Verwaltungschef zu dem Beamten zu gehen, um sozusagen durch höhere Macht mein Ziel zu erreichen, aber hier in Bayern kannte ich niemanden. Es blieb mir nur noch die eine Möglichkeit: Vitamin B. Vertrauen aufbauen zu Einheimischen.

Eine Arbeit zu finden, war wahrlich ein sehr schweres Unterfangen, denn ich konnte meine Fähigkeiten nicht zeigen und mangels sprachlicher Gewandtheit auch nur unzulänglich beschreiben. Wer dich nicht kennt, denkt dann leicht, dass du dumm bist. Vitamin B spielt dann eine große Rolle. Fast jeder Mensch hat Momente im Leben, wo man jemanden braucht, der einem den Rücken stärkt.

Bei mir war es eine Frau aus dem Asyl-Helferkreis. Sie lud mich eines Tages zu einem Vorstellungsgespräch an eine Schule ein, wo ein Mittagsbetreuer gesucht wurde, der unter anderem auch für Sportübungen offen ist. Meine Vermittlerin war bei dem Gespräch dabei und lobte mich überschwänglich. Durch sie bekam ich diesen Job.

In meinem persönlichen Wörterbuch ist das Wort Bestechung mittlerweile gestrichen. Ich schreibe E-Mails, Briefe, telefoniere oder spreche Leute an. So wurschtelt man sich immer irgendwie durch - und spart einen Haufen Geld.

© SZ vom 17.01.2020/vewo
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