Typisch deutsch:Grillen, bis der Nachbar klingelt

Unsere Autorin ist es aus ihrer Heimat gewohnt, eigene Regeln zu bestimmen. In München musste sie sich umgewöhnen. Und sie lernte Aufseher kennen

Von Lillian Ikulumet, München

Vergangene Woche war wieder so ein Moment: Grillen mit meiner Tochter und Freunden an der Isar. Kaum hatten wir es uns gemütlich gemacht, im Begriff unseren Grill anzuzünden, kam eine Frau auf uns zu und beschwerte sich. Hier dürfe man nicht grillen. Wir ignorierten den Hinweis gekonnt und fuhren fort. Alles war bereit. Meine kleine Taliah war aufgeregt bei dem Gedanken, die Flammen brennen zu sehen. Sie half tatkräftig mit. Doch bevor wir uns versahen, kamen zwei Aufseher in gelben Blazern und hielten uns auf. Der Nachmittag war ruiniert und Taliah war wütend, weil sie kein Feuer sah.

Das Leben in München wirft Fragen auf, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie sich stellen würden: Wird mein Nachbar mich verklagen, wenn ich heute den Rasen mähe? Oder morgen nach 22 Uhr mit Freunden auf meinem Balkon sitze? Ist meine Musik zu laut? Kann ich das Auto vor der Wohnung waschen?

Die Regeln dieser Stadt sorgen dafür, dass das Leben der Deutschen von Ordnung und Effizienz geprägt ist. Die Frage ist: Geht es nicht auch mal um das Thema Spaß? Nur eines von vielen Fragezeichen, denen sich stellen muss, wenn er in dieser Stadt einigermaßen unbehelligt zurecht kommen möchte.

Autowaschen auf der Straße vor der eigenen Wohnung ist so ein Thema. Wo ich aufwuchs, gehört es dazu - wenngleich nicht jedem ein Auto vergönnt ist, wo sich das waschen lohnt. In München schickt sich ein Luxus-SUV, dafür aber nicht die Säuberung daheim. Wer es einmal gewagt hat, wird es nie wieder tun. Denn die Nachbarn belassen es nicht bei vielsagenden Blicken, viele sagen auch unschöne Sachen. Als hätte man ihnen ihren eigenen SUV geteert und gefedert.

Ich kenne nicht wenige Zuwanderer aus Ländern, in denen, wer etwas besitzt oder mietet, seine eigenen Regeln dafür bestimmt. Wenn man in Uganda mit Balkon wohnt, wird darauf gegrillt, bis der Rost durchglüht, natürlich mit Holzkohle, da kann es rauchen, so viel es will. Widerworte gibt es nicht. Und wenn doch einer an der Tür klingelt, wird das überhört. Wer über die rote Ampel läuft, wird von keinem Polizisten der Welt belangt. Wird er jedoch angefahren, muss er die Folgen alleine tragen. So haben Regeln und Freiheiten immer mehrere Seiten.

Einer Sache kann man sich jedenfalls gewiss sein: Wer die Antworten hinter den Fragezeichen dieser Stadt ignoriert, wird die Hausverwaltungen, Ordnungsämter und all die anderen Münchner Aufseher kennen lernen. Sei es an der Isar - oder auf dem Balkon.

Lillian Ikulumet

Wenn man in Uganda mit Balkon wohnt, wird darauf gegrillt, bis der Rost durchglüht. In München musste sich Lillian Ikulumet umstellen.

(Foto: Bernd Schifferdecker)
© SZ
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