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München:Kollektiv im Schaufenster

Zwei der spannendsten Kreativräume der Stadt - das Köşk und die Färberei - feiern Jubiläum

Es fängt ja schon mit den Namen an. Die meisten der Münchner Clubs, Galerien oder Zwischennutzungsprojekte würden einen deutschen oder englischen Namen tragen, das höchste der Gefühle sei vielleicht mal ein französischer, sagt Andrea Huber. "Und dann kommen immer die gleichen, weißen Nasen." Huber schmunzelt. Und Julia Ströder, die neben ihr am Tisch sitzt, auch. Sie entschieden sich damals für Köşk, ein türkisches Wort, gerade weil sie auch Migranten ansprechen wollten mit ihrer Zwischennutzung im Westend, und schufen damit einen der spannendsten Kreativräume Münchens.

Nein, den hundertsten Hipsterladen hatten die Mitarbeiterinnen des Kreisjugendrings München-Stadt (KJR) sicher nicht im Sinn, als sie den Schlüssel zur ehemaligen Stadtteilbibliothek an der Schrenkstraße im Westend entgegennahmen. Auch keine Galerie, in der ein distinguierter Kreis die Zukunft des Aquarells bespricht. "Wir wollen das Köşk nicht mit einem Begriff besetzen", sagt Ströder. In den Räumen mit den bodentiefen Fensterscheiben und dem Garten drumherum sollte etwas passieren, was in München eher selten ist: Die Leute sollten sich durchmischen. Es sollte ein Ort werden, an dem sich alte Menschen nicht zu alt fühlen. Die Jugend nicht zu jung. Die Armen nicht zu arm. Und Ausländer nicht fremd. Genau fünf Jahre ist es jetzt her, dass Ströder und Huber die ehemalige Stadtteilbibliothek für die Kunst öffneten, für Konzerte, Ausstellungen, Modenschauen und Theaterperformances, die schon mal 48 Stunden dauern können. Bunt, unkonventionell, schräg und manchmal durchaus willens, die Grenzen des guten Geschmacks zu dehnen. Und weil die Werkstätten der Färberei, eine weitere Kultureinrichtung des KJR in Untergiesing und erklärtes Zuhause der Münchner Graffiti- und Hip-Hop-Szene, in diesem Jahr ihren 20. Geburtstag feiert, findet an diesem Samstag, 14. Dezember, im Köşk eine große Party statt.

Im Westend also der Raum für vogelwilde Kunstaktionen, in Untergiesing beschauliche Ateliers - keine Frage, die beiden KJR-Einrichtungen sind unterschiedlich. Doch hinter Köşk und Färberei steht ein- und dasselbe Team. Vier Leute, die in Sachen Subkultur weitaus mehr in Gang gesetzt haben in der Stadt, als man es einer grundsoliden Organisation wie dem KJR zutraut: Da wäre zum einen Andrea Huber. Die Sozialarbeiterin und Fotografin macht seit vielen Jahren Fotoprojekte mit Jugendlichen und ist über ein solches auch zur Färberei gekommen. Heute ist sie nicht nur deren Leiterin, sondern auch die künstlerische Leiterin des Köşk. Die Bühnen- und Kostümbildnerin Julia Ströder ist die Projektleiterin des Köşk. Auch Antje Henkel-Algrang gehört dazu, die für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Dann gibt es noch Scherief Ukkeh, der die Werkstätten in der Färberei betreut. "Wir sehen uns als Kollektiv", sagt Huber.

Niemand soll sich ausgeschlossen fühlen, und will der Obdachlose mit seinen Plastiktüten ebenfalls Kunst anschauen, ist auch er im Köşk willkommen. Das gilt auch für jene, die sich sonst vielleicht nicht herantrauen würden an die Kunst - junge Migranten zum Beispiel. Im Westend dürfen sie experimentieren, sich ohne Druck ausprobieren, und wenn sich die Ausstellung noch entwickelt, während die Bilder schon hängen, bitte sehr. Gerade in dieser Offenheit liegt eine große Stärke: Wo andere sich mit langatmigen Diskussionen ausbremsen, machen Ströder und Huber einfach.

Sich austauschen, Ideen spinnen, das können die Frauen vom Köşk. Und wie: Sie kooperieren mit Schulen, Flüchtlingsorganisationen und der Akademie der Bildenden Künste. Und überziehen die Stadt dabei mit einem immer dichter werdenden Netz an Kontakten. Lauter Leute, die jemanden kennen, der wiederum jemanden kennt. Zum Beispiel Wolfi Schlick von der Express Brass Band. Den habe sie im Gasteig fotografiert, erzählt Huber. Als er eine Woche später im Köşk vorbeikam, rein zufällig, fragte er, ob sich sein "Community Orchester", ein offenes Orchester für Jung und Alt, dort treffen könne.

Seit drei Jahren richtet das Köşk in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat "Kunst und Inklusion - das Köşkival" aus, ein Festival mit dem Motto "Behinderung ist Rebellion"; aber auch ein Chor und eine Fotogruppe treffen sich dort regelmäßig. Im ersten Jahr des Bestehens hielten die Frauen noch "Teesalons" ab, bei denen Ideen für das Köşk gesammelt wurden. Solche Treffen braucht es heute nicht mehr, die Leute kommen von ganz alleine. Erlaubt ist, was gefällt. "Das einzig Wichtige ist, dass es einen künstlerischen Anspruch hat", sagt Huber. Von politischen Parteien, die sich mit einer Veranstaltung im Köşk einen kreativen, jungen Anstrich geben möchten, wollten sie sich nicht vereinnahmen lassen. Wer einen guten Vorschlag macht, der bekommt den Schlüssel zum Köşk - ein Vertrauensvorschuss.

Doch während die Zwischennutzung im Westend die Münchner mit Veranstaltungen noch und nöcher verblüfft, muss man aufpassen, dass man an der Färberei nicht vorbeiläuft, so unauffällig ist der Eingang an der Claude-Lorrain-Straße. In Zukunft, sagen die Frauen, wollten sie das Köşk und die Färberei enger zusammenbringen, etwa mit einem gemeinsamen Internetauftritt. Seit März 2018 gibt es dort neben den Werkstätten für Graffiti und Siebdruck auch eine für Holz, in diesem Sommer kam eine Keramikwerkstatt hinzu. Da ist es nur konsequent, in Untergiesing entstandene Kunstwerke künftig verstärkt an der Schrenkstraße zu zeigen. Zumindest, so lange die frühere Stadtteilbibliothek dort noch steht. Das Gebäude soll abgerissen werden, der KJR will dort eine neue Geschäftsstelle errichten. Noch bis Ende 2020 wird es das Köşk geben. Danach soll es an einem anderen Ort in der Stadt weitergehen. Vielleicht wieder in einem Haus mit viel Glas und einem Garten drumherum. Ins Deutsche übersetzt heißt Köşk nämlich Glashaus. Oder Gartenhaus.