Prozess in München:Zugekokst im Streifenwagen

Lesezeit: 2 min

Noch mehr Stoff, um durchzuhalten - danach fragte Peter L. einen Kollegen während seines Dienstes: Das Amtsgericht verurteilt den Polizisten wegen Drogendelikten nun zu einer Geldstrafe. Kündigen will er von sich aus.

Von Susi Wimmer

Die Tonalität in der Verhandlung vor dem Amtsgericht ist erstaunlich: Da spricht die Verteidigerin von der "Reue" des Angeklagten, der diesbezüglich im Prozess kein einziges Wort verloren hat. Der Richter hält dem Angeklagten zugute, dass er "seit Beginn des Verfahrens sicher leidet". Man wolle auch nicht die belastenden Chats in aller Öffentlichkeit verlesen.

Von allen Seiten wird Verständnis signalisiert für Peter L. Der 30-Jährige ist von Beruf Polizeibeamter - noch. Und er saß zugekokst im Streifenwagen, schrieb an einen Kollegen, dass er noch mehr Stoff benötige, um den Dienst überhaupt durchhalten zu können. Zumindest führt Richter Wilfried Dudek noch an, dass L. mit seinem Verhalten der Münchner Polizei "keinen Gefallen getan hat".

Peter L. ist einer von 37 Polizisten, die in und um München in Verdacht gerieten, zu koksen, zu dealen oder andere Straftaten zu verüben. Ausgehend von einem Drogendealer, der über seine Geschäfte auspackte und sich bei der Staatsanwaltschaft als Kronzeuge zur Verfügung stellte, mussten die Internen Ermittler des Landeskriminalamts das Verhalten ihrer eigenen Kollegen überprüfen. Und das war beileibe nicht immer astrein. Über die sichergestellten Handys von Polizisten weitete sich der Kreis der Verdächtigen immer weiter aus, gegen zwei Beamte wurden bereits Freiheitsstrafen verhängt.

Auch Peter L. flog durch Chats auf, die auf sichergestellten Handys dokumentiert sind. Da geht es um "Cola", die besorgt werden muss für Feiern oder für das Oktoberfest. Um Kokain-Übergaben im Augustiner am Dom, also direkt neben dem Polizeipräsidium, oder auf der Altstadtwache, dort, wo Peter L. zumindest bis Juli 2020 seinen Dienst verrichtete. Jetzt ist L. suspendiert, das Präsidium zahlt ihm noch die Hälfte seines Gehalts. Dafür schickte ihm die Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl über 300 Tagessätze a 75 Euro, summa summarum 22 500 Euro. Dagegen legte der Polizist Einspruch ein, deshalb wurde vor dem Amtsgericht verhandelt.

Im Hinterzimmer des Gerichts wird ein Deal ausgehandelt

Gleich zu Beginn verschwinden die Prozessbeteiligten im Hinterzimmer und handeln einen Deal aus: Wenn L. in drei Fällen die Abgabe, den Besitz und den Erwerb von Kokain einräumt, werde man vier weitere Anklagepunkte einstellen, in denen Peter L. seinen Kollegen Koks überlassen haben soll. Dafür werde im Urteil die Tagessatzhöhe von 230 nicht überschritten.

Wäre da nicht der Bericht des Hauptsachbearbeiters des LKA, man hätte Peter L. für ein Unschuldslamm halten können. So aber berichtet der Kriminaler von den auffälligen Chats. Und dass man eigentlich im Rahmen der Arbeit bei der Soko Nightlife in einer konzertierten Aktion bei allen verdächtigen Kollegen durchsuchen wollte. "Aber wir haben die Durchsuchung bei L. vorgezogen, weil wir annahmen, dass er stark drogenabhängig ist und eventuell auch im Dienst unter Drogen steht." Hinweise darauf hätten sich aus einem Chat mit dem Kollegen D. ergeben, bei dem er während des Dienstes Kokain abgeholt hätte, "um durchzuhalten". Man habe ermittelt und herausgefunden, dass L. an dem Tag zumindest nicht am Steuer des Streifenwagens gesessen habe, sondern auf dem Beifahrersitz.

Peter L. ist mittlerweile nach Passau umgezogen und in der Immobilienbranche tätig. Er werde bei der Polizei kündigen, sagt er, obwohl er "die Polizei gelebt" habe. Das sei für ihn nicht leicht. Das sieht offenbar auch der Richter so und verurteilt ihn zu 200 Tagessätzen zu je 70 Euro, also 14 000 Euro. An diesem Fall werde "die Tragik des Kokain-Konsums deutlich", meint Richter Dudek. Zumindest Staatsanwältin Anais Büttner sprach in ihrem Plädoyer von einer "unglaublichen Dreistigkeit und Überheblichkeit" der Polizisten, und von einem "schamlosen Verhalten".

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