bedeckt München 20°

Maxvorstadt:So anders wie alle anderen

Parade des Köşkivals: Menschen mit Einschränkungen zeigen, wie offen sie mit ihrer Behinderung umgehen

Es ist kurz vor 18 Uhr. Ein Kombi hält an der Luisenstraße/Ecke Sophienstraße, am Karl-Stützel-Platz. Direkt beim roten "O". Zwei Personen in gelben T-Shirts steigen aus: Die eine holt einen Rollstuhl aus dem Kofferraum, in den sich die andere setzt. Sie rollt los, während ihr die andere folgt - die Hände voller Schilder. Die Rollstuhlfahrerin fährt über die Straße. Kommt nicht den Bürgersteig hinauf, er ist zu hoch. Schnell kommt jemand zu Hilfe und schiebt den Rollstuhl über den Bordstein, ihre Begleitung hat ja schließlich die Hände voll. Eine gefährliche Situation. An manchen Straßenübergängen kommen Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer auf der einen Seite zwar gut hinunter, auf der anderen aber nur schwerlich wieder hinauf - und stehen dann auf der Straße, statt auf dem Bürgersteig. Auch abgesenkte Bordsteinkanten sind nicht immer barrierefrei, selbst neugebaute Querungsstellen, werden den Anforderungen von Personen mit Einschränkungen manchmal nicht gerecht.

Es kommen noch mehr Menschen in gelben T-Shirts mit Schildern am Karl-Stützel-Platz an. Auf den Schildern stehen Sachen wie "redet mit uns, wir beißen nicht!", auf den Shirts steht "Abart - Performance, Theater, Tanz". Das ist ein Verein, dessen Ziel es ist, Menschen mit unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen mit Hilfe der Kunst zu verbinden und sie so sichtbar zu machen. Deshalb sind sie hier, denn es startet die Parade des Köşkival, das Festival für inklusive Kunst und Kultur in München. Unter dem Motto "Behinderung ist Rebellion" findet vom 29. Juni bis zum 29. September ein buntes Programm mit Workshops, Ausstellungen, Kurzfilmprojekten statt. Das Festival wird vom Köşk, einem Projekt für junge Kunst des Kreisjugendrings München-Stadt, ausgetragen. Auf der Website des Projekts lässt Organisator Maximilian Dorner alias Käptn Wheelchair verlauten: "Behinderung ist Rebellion - Wir sehen unverschämt gut aus. Wir rebellieren gegen das Mittelmaß. Wir sind anders, wir rollen, wir sprechen anders, wir fühlen anders, wir denken anders. Und trotzdem sind wir nur so anders wie alle anderen auch. Rebelliert mit!"

Straßenzug oder Modenschau: Sich zeigen stärkt das Selbstbewusstsein.

(Foto: Stephan Rumpf)

Dorner will keine politischen Forderungen an die Parade knüpfen, sträubt sich gegen den Begriff Demonstration. Bereits zum dritten Mal findet das Köşkival statt, er möchte, dass es irgendwann ein großes Sommerfest für alle wird. "Wenn wir durch die Straßen ziehen, fängt jeder an zu lächeln", erzählt er. "Das ist viel wert". Der Leitgedanke sei, Formate zu schaffen, bei denen die Menschen zusammenkommen. Die Parade wird wie in den Jahren zuvor von der Express Brass Band begleitet, eine Gruppe unermüdlicher Blasinstrumentalisten, die die ganze Strecke vom Karl-Stützel-Platz am Hauptbahnhof, die Schwanthalerstraße vorbei an der Theresienwiese bis zum Köşk für musikalische Begleitung sorgen und immer wieder für besonders engagierte Einlagen an Ecken pausieren und lautstark aufspielen. Die Stimmung ist so ausgelassen - befeuert von den Passanten an den Straßen, an den Fenstern und auf den Balkonen, die dem Spektakel freudig mit ihren Blicken folgen - dass sich ein junger Mann mit Downsyndrom beherzt das Shirt vom Leib reißt. Er tanzt überschwänglich zu den Liedern der Blaskapelle, dirigiert das Orchester, ist omnipräsent und bester Laune.

Das ist Dennis Fell-Hernandez. Er ist 28 Jahre alt und seit fünf Jahren Schauspieler, derzeit im Ensemble der Freien Bühne München (FBM). Er hat schon Hamlet gespielt und Woyzeck, aktuell laufen die Proben zu einer Inszenierung von Alban Bergs Oper "Lulu". Egal, mit wem man über das Köşkival spricht, sein Name fällt immer als erster. Dennis Fell-Hernandez sei eine "echte Rampensau", eine Energiequelle, sind sich alle einig. Natürlich nimmt er auch an der Modenschau teil, die sich der Parade anschließt. In den Räumen der Färberei, die das Köşk nutzt, wurde eigens ein blauer, barrierefreier Teppich ausgerollt, mit indirekter Beleuchtung und Lametta an den Decken. Die rund 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben je genau sieben Minuten Zeit, auf dem Laufsteg zu performen. Die Idee folgt dem Anspruch der Sichtbarkeit: "Man zeigt sich, richtet sich auf, wird beklatscht", erklärt Max Dorner.

Dennis Fell-Hernandez (links) liebt die Parade.

(Foto: Andrea Huber)

Dennis Fell-Hernandez hat sich für ein Outfit mit floralem Print, gelber Leggins und grünem Kopfschmuck entschieden. Auf dem Laufsteg wirft er Luftküsse ins Publikum und posiert nach allen Seiten. "Auf dem Catwalk habe ich mich als schöne Dschungellady verkleidet, das war supercool", sagt er am nächsten Tag über seine Kostümwahl. Bis etwa 23 Uhr habe er noch im Köşk gefeiert, am Freitag stand er um 10 Uhr schon wieder im Proberaum des "Kult 9" im Stadtteilzentrum Neuhausen, sieben Stunden probt das Ensemble täglich für "Lulu". Das Stück feiert am 11. Oktober Premiere in der Blackbox des Gasteig, bis dahin warten noch viele Stunden des Trainings. Für Dennis Fell-Hernandez ist das Routine, er stand schon vor der Kamera für Filmproduktionen. Nach einem Praktikum im Rambazamba-Theater in Berlin wurde ihm Talent bescheinigt, daraufhin nahm er zwei Jahre lang an einer Art Vorausbildung beim International Munich Art Lab teil, um im Anschluss volle drei Jahre bei der FBM eine Schauspielausbildung zu absolvieren. Vorher hatte er mal gekellnert, das war aber nichts für ihn. Sein Talent hat er auf der Bühne. Beim Spielen, Singen, Tanzen. Besonders Bauchtanz zählt zu seinen Hobbys, das zeigt er auch auf der Parade des Köşkival und bei der Modenschau. Wer ihm auf dem Laufsteg am besten gefallen hat, außer ihm selbst? "Alle Leute!", sagt er. Nächstes Jahr ist Dennis Fell-Hernandez bestimmt wieder dabei - und zeigt sich.