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Anti-Rassismus-Demonstration in München:"Zu viele Leute, zu wenig Einsatzkräfte"

Demonstration gegen Rassismus · München

200 Personen waren angemeldet, mit maximal 3000 hatte die Polizei gerechnet, 25 000 kamen: die Silent-Protest-Demonstration auf dem Königsplatz in München.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Behörden und Polizei wurden davon überrascht, dass 25 000 Menschen zur Kundgebung gegen Polizeigewalt kamen. Selbst die Veranstalter sagen: "Das waren viel zu viel."

Von Linus Freymark, Anna Hoben und Kassian Stroh

Die Demonstration ist beeindruckend, gerade weil sie so still daherkommt. Zigtausende Menschen auf dem Königsplatz - und für acht Minuten und 46 Sekunden knien sie nun alle nieder und schweigen. Genauso lange hatte ein amerikanischer Polizist in Minneapolis Ende Mai sein Knie in den Nacken von George Floyd gepresst, dieser wurde bewusstlos und starb.

Weil sie gegen den rassistischen Hintergrund dieser Tat protestieren wollen, sind in ganz Deutschland am Samstag Tausende Menschen auf die Straße gegangen. Nirgendwo waren es so viele wie in München. Von 25 000 Teilnehmern spricht die Polizei, die Veranstalter gar von 30 000. Und so zufrieden sie damit sind, ein bisschen zwiespältig finden selbst sie es. "Das waren viel zu viel", räumt Johnny Parks ein, nach eigenem Bekunden Teil des losen Zusammenschlusses der Organisatoren.

Denn auch für Demonstrationen gelten in diesen Tagen strikte Vorgaben, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. Doch ein Mindestabstand von 1,50 Metern war selbst auf dem großen Königsplatz nicht mehr einzuhalten. Gerade mal 200 Teilnehmer waren angekündigt worden. Dass es mehr werden würden, war der Polizei wie den Organisatoren schon vorher klar. Aber sie rechneten mit 2000, vielleicht 3000, nicht mit dem Zehnfachen dessen. Die Demo noch absagen oder abbrechen wollten sie aber nicht. "Dass so viele auf die Straße gehen, dass uns zugehört wird, das gab es vorher nicht", sagt Parks. "Das ist ein ungeheuer wichtiger Moment für uns."

Man habe dann im Vorhinein noch "haufenweise" Masken eingekauft, um sie verteilen zu können - und in der Tat tragen am Samstag die meisten Teilnehmer Schutzmasken. Doch das Kernproblem bleibt: Es ist zu eng. Insbesondere vor der Bühne, auch wenn die Redner und die Polizei immer wieder mit Durchsagen dazu auffordern, die Abstände einzuhalten. Wirkung zeigt das nicht, unter den Menschen sind die Corona-Regeln kaum ein Thema. Nur weiter hinten auf dem Königs- und dem Karolinenplatz bleibt mehr Abstand zwischen den Demonstranten.

Nach jenen acht Minuten und 46 Sekunden erheben sich die Demonstranten, und aus dem stillen Protest wird ein lauter. "Black lives matter", skandieren sie. Oder "No justice, no peace". Auf den Schildern, die sie in die Höhe recken, liest man Sprüche wie: "Rassismus tötet". Auf der Bühne steht das schwarze Topmodel Papis Loveday und berichtet von seinen persönlichen Erfahrungen mit Rassismus. "Ich habe in den USA, in Frankreich, Italien und Deutschland gelebt", ruft er. "Und überall habe ich Hass erlebt." Die Vorstellung einiger Menschen, nur wegen ihrer Hautfarbe mehr wert zu sein als andere, sei das größte Missverständnis der Menschheit. "Das muss aufhören", fordert Papis Loveday.

"Dass man dafür überhaupt auf die Straße gehen muss, ist eigentlich schon traurig", sagt die Studentin Antonia Margart. Sie ist mit ein paar Freundinnen auf den Königsplatz gekommen. Floyds Tod ist für sie ungeheuerlich. "Aber man hört davon ja immer wieder", sagt sie, "zumindest in den USA kommt es ja häufiger vor." Auch Fabian Sofsky haben die Ereignisse aufgewühlt. Ihn habe Floyds Tod schockiert, sagt er. Aber auch die Geschehnisse danach: erst die Erklärung der Polizei von Minneapolis, es habe sich um Notwehr gehandelt, dann die Aussagen von US-Präsident Donald Trump.

Ein rein amerikanisches Problem sei Rassismus jedoch nicht: "Das gibt es definitiv auch bei uns." Fast alle seiner schwarzen Freunde hätten bereits Erfahrungen mit Diskriminierung aufgrund ihrer Hautfarbe gemacht, berichtet der Demonstrant Bamadou Kongira. Auch er selbst sei deswegen schon beleidigt worden. "Lange konnte man dagegen aber nichts machen", sagt er. Ihm mache Mut, dass nun so viele Menschen auf dem Königsplatz demonstrieren.

So sehr viele. Die Behörden wehren sich gegen den Vorwurf, untätig geblieben oder gar überfordert gewesen zu sein. Man habe die Versammlung unter Berücksichtigung der "Gefahrenprognose" der Polizei genehmigt, sagt am Sonntag ein Sprecher des städtischen Kreisverwaltungsreferats. Zuständig vor Ort sei dann diese. Von der Polizei wiederum heißt es, da man von bis zu 3000 Teilnehmern und einer friedlichen Demo ausgegangen sei, habe man nicht mehr als 600 Beamte eingesetzt. Die Polizei habe sich die örtliche Struktur zum Vorteil gemacht, sagt eine Sprecherin, mit Absperrgittern und wenigen Durchgangsstellen hätten viele Menschen am Betreten des abgesperrten Bereichs gehindert werden können - so zumindest der Plan. An den Sperrstellen informierten die Polizisten etwa über Lautsprecherdurchsagen, als die maximale Teilnehmerzahl erreicht war. Wäre es bei einigen Tausend Demonstranten geblieben, so die Sprecherin, "wären wir mit dieser Taktik gut hingekommen".

Doch es kam anders: Immer mehr Menschen strömten zu den Durchgangsstellen. Umkehren ging nicht, weil so viele Demonstranten nachkamen. So habe man die Sperren öffnen müssen, sagt die Sprecherin und räumt ein: "Es waren zu viele Leute und zu wenig Einsatzkräfte." Auf dem Areal sei es dann bei der Masse an Menschen zum Teil "faktisch nicht möglich" gewesen, den Abstand einzuhalten - auch wenn, um mehr Platz zu schaffen, der Karolinenplatz für den Verkehr gesperrt und für die Demo freigegeben wurde. Etwas anders klingt freilich, was eine der Demo-Organisatorinnen, Cristina Saglam, auf Facebook schreibt: Demnach habe die Polizei sie explizit gefragt, ob man nicht auch die restlichen Leute noch hineinlassen solle.

Rückendeckung bekommt die Münchner Polizei von ihrem obersten Vorgesetzten: Am Einsatzkonzept bei Demos müsse man nichts ändern, sagt der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Und auch wenn er mahnt, künftig müssten "die Sicherheitsabstände noch besser eingehalten werden", lobt er, dass die Demonstranten zumeist einen Mund-Nase-Schutz getragen hätten. Anders als bei den Kundgebungen gegen die Anti-Corona-Maßnahmen: "Hier verhalten sich die Teilnehmer oft bewusst provokant, indem sie keine Maske tragen und die Sicherheitsabstände absichtlich nicht einhalten."

Ein in München heikler Punkt. Denn tatsächlich sind die Organisatoren der Münchner Corona-Demos sauer, dass ihnen von der Stadt seit Wochen nur jeweils 1000 Teilnehmer auf der großen Theresienwiese genehmigt werden. Dagegen haben sie Verfassungsbeschwerde eingelegt. Einer von ihnen, Claus Meisel, klagt, hier werde mit zweierlei Maß gemessen. Aus politischen Gründen werde man klein gehalten, am Samstag etwa habe die Polizei penibel darauf geachtet, dass nur die genehmigten 200 Menschen an der Corona-Demo vor dem Luisengymnasium teilnähmen. Während man wenige Meter weiter auf dem Königsplatz "die Augen zumacht und sie gewähren lässt".

Meisel sieht dahinter eine bewusste Linie: "Die politische Voreinstellung in der Genehmigungspraxis ist indiskutabel und entbehrt jeder Rechtsgrundlage." Aber auch von Wohlmeinenden wird Kritik laut: Die Demonstranten hätten die Gesundheit vieler Menschen gefährdet, kritisiert etwa der Urbanauten-Aktivist Benjamin David. Auch wenn es für ein gutes Anliegen gewesen sei.

© SZ vom 08.06.2020/imei
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