München Klinikum gibt Patientenakte nicht heraus

Auch eineinhalb Jahre nach dem Tod eines Mannes verweigert das Klinikum Großhadern die Herausgabe der Patientenakte an die Witwe.

(Foto: Robert Haas)
  • Eine Witwe verlangt die Patientenakte ihres verstorbenen Mannes, weil sie befürchtet, dass er durch Behandlungsfehler im Klinikum Großhadern starb.
  • Das Klinikum gibt die Dokumente nicht heraus. Nun fragt die Frau sich: Soll da etwas vertuscht werden?
  • Eine andere Möglichkeit wäre, dass es in einer der größten deutschen Kliniken zu gewaltiger Schlamperei gekommen ist im Umgang mit Patientendaten.
Von Uwe Ritzer

Dass er nicht mehr sehr lange leben würde, war ihm und seiner Frau klar. Aber, sagt sie, nach der Operation sei er wieder optimistisch gewesen, voller Energie und Elan, überzeugt, dass die Amputation seines linken Oberschenkels ihm wenigstens genug Zeit verschafft hat, um nach Hause zurückzukehren und dort irgendwann sterben zu können. "Wir waren guter Dinge", sagt seine Frau. Bis sich sein Zustand plötzlich rapide verschlechterte. Wenige Tage später starb Hannes Bluhm, 71, Unternehmer aus Coburg, auf einer Intensivstation des Universitätsklinikums in München-Großhadern. "Qualvoll", sagt seine Frau.

Das war am späten Nachmittag des 8. Januar 2017. Anderthalb Jahre später sitzt Anke Bluhm (Namen des Ehepaares geändert) in der Kanzlei ihres Rechtsanwaltes, des Coburger Medizinrechtlers Wolfgang Hacker. Auch hinter ihr liegt ein Leidensweg, wenn auch anderer Art. Seit anderthalb Jahren fordert sie von der Klinik vergeblich, was ihr gesetzlich zusteht: die vollständige Patientenakte ihres Mannes.

Sie will herausfinden, woran er letztlich gestorben ist und ob es Fehler in seiner Behandlung gab. Doch die Klinik lässt Anke Bluhm ins Leere laufen, hält sie hin, speist sie mit wenig aussagekräftigen Unterlagen ab, legt fragwürdige, weil vielleicht erst im Nachhinein erstellte Dokumente vor, gibt widersprüchliche Auskünfte oder solche, die sich im Nachhinein als falsch erweisen.

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Längst keimt in der resoluten Frau der Verdacht, "dass da etwas schiefgelaufen ist und nun womöglich vertuscht werden soll". Das ist eine Möglichkeit. Eine andere wäre, dass es in einer der größten deutschen Kliniken zu gewaltiger Schlamperei gekommen ist im Umgang mit Patientendaten. Die Klinik äußerte sich auf eine detaillierte SZ-Anfrage nicht.

Anke Bluhm ist vom Fach. Als examinierte Krankenschwester hat sie früher selbst acht Jahre lang im Klinikum Großhadern gearbeitet. Einen Arbeitgeber, "über den ich nichts Schlechtes sagen kann, im Gegenteil". Sie hat ihren Mann in seinen letzten Tagen begleitet und sie sagt, sie habe den Ärzten und Pflegern immer wieder fachliche Hinweise gegeben oder Bitten geäußert, die aber häufig ignoriert worden seien. Zum Beispiel der Wunsch, einen Nieren- und einen Herzspezialisten hinzuzuziehen, denn ihr Mann war Dialysepatient.

Nach seinem Tod beschloss sie, einen Beschwerdebrief an den Klinik-Vorstand zu schreiben. Dazu wollte die Coburgerin nur noch den medizinischen Abschlussbericht abwarten, wie er üblicherweise nach dem Tod eines Patienten erstellt wird. Als der Bericht ausblieb, rief Anke Bluhm zum ersten Mal in Großhadern an.

Was sich in den folgenden Monaten zutrug, dürfte am Ruf einer Universitätsklinik nagen, die sich selbst zu den "ersten Adressen in Europa" zählt. "Das Klinikum versucht, sich mit abenteuerlichen Argumenten aus der Verantwortung zu reden", sagt Bluhms Rechtsanwalt Wolfgang Hacker. "Dabei ist Frau Bluhms Anspruch so klar im Gesetz festgeschrieben, dass sich daran nichts deuteln lässt." Immer wieder hat er darauf verwiesen und bei der Klinik nachgehakt. Zurück kamen bestenfalls lose Bruchstücke der Patientenakte Bluhm. Die wesentlichen Teile fehlen bis heute.

Die Korrespondenz mit der Klinikverwaltung gipfelte Hacker zufolge in deren Rat, "doch jede der 29 Fachkliniken, elf Institute und sieben Abteilungen des Klinikums einzeln anzuschreiben und um Übersendung der Akte zu bitten". Ein Riesenaufwand, den der Anwalt nicht nur als völlig unüblich, sondern auch nicht konform mit dem Patientenrechtegesetz ablehnte.