BogenhausenWas der neue 200-Millionen-Euro-Bau der München-Klinik alles kann

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Neues Gebäude, neue Abläufe: Die Ärzte und Pfleger üben den Ernstfall in einem der OP-Säle im Erweiterungsbau der München-Klinik.
Neues Gebäude, neue Abläufe: Die Ärzte und Pfleger üben den Ernstfall in einem der OP-Säle im Erweiterungsbau der München-Klinik. (Foto: Stephan Rumpf)

Die Erweiterung der Klinik in Bogenhausen ist fertiggestellt. Dank neuer OP-Säle, moderner Technik, idealer Raumtemperatur und spezieller Lichtkonzepte sollen Patienten sich hier noch schneller erholen.

Von Nicole Graner

Die Berge, der Olympiaturm, die Stadt – der Blick von oben auf München ist sensationell. Man könnte glauben, man stünde auf der Terrasse einer Penthouse-Wohnung in Bogenhausen. Aber auf dem Boden leuchtet in knallroter Farbe der riesige Buchstabe H: Man steht auf einer Avocado-förmigen Plattform, auf dem etwa 20 Meter hohen Hubschrauberlandeplatz des neuen Erweiterungsbaus der München-Klinik (Mük) Bogenhausen. Von dort können schwer verletzte Patienten direkt mit einem Express-Aufzug schnell nach unten in den OP oder in den Schockraum gebracht werden. Drei- bis viermal pro Woche wird der Hubschrauber auf dem Dach landen.

Gelegentlich laufen Ärzte, Pflegefachkräfte, Planer und Journalisten am Nachmittag bei einem Presserundgang durch den „fünften Finger“ – so heißt der Erweiterungsbau mittlerweile – noch durch Pfützen. Es sind Reste von Löschschaum. Denn am Vormittag gab es eine Löschschaumprobe. Innerhalb von 30 Sekunden müssen die roten Vorrichtungen an den Seiten des Landeplatzes hochfahren und sprühen. Den Pfützen nach zu urteilen, hat das geklappt. Die Fläche des alten Landeplatzes auf dem Boden bleibt bestehen.  „Zur Sicherheit“, sagt der kaufmännische Geschäftsführer der München Klinik, Tim Guderjahn. Im Notfall könnte dort ein weiterer Hubschrauber landen.

Ungewöhnlicher Ort für eine Schlüsselübergabe:  Der neue Hubschrauberlandeplatz  auf dem Dach des Erweiterungsbaus der München Klinik Bogenhausen.
Ungewöhnlicher Ort für eine Schlüsselübergabe:  Der neue Hubschrauberlandeplatz  auf dem Dach des Erweiterungsbaus der München Klinik Bogenhausen. (Foto: Klaus Haag)
Schlichte Fassade und innen sehr hell:  das neue Klinikgebäude neben dem bestehenden Bau mit seinen grünen Fassaden-Elementen.
Schlichte Fassade und innen sehr hell:  das neue Klinikgebäude neben dem bestehenden Bau mit seinen grünen Fassaden-Elementen. (Foto: Stephan Rumpf)

Fünf Jahre nach der Grundsteinlegung ist das sechsgeschossige Gebäude fertig. Im Mai wird es eingeweiht, der Vollbetrieb ist für den Sommer geplant. Fast 200 Millionen Euro hat der Erweiterungsbau gekostet, der von der Stadt München und dem Freistaat Bayern gefördert wurde. 120 Meter lang, 30 Meter breit ist das Gebäude (Ludes Architekten-Ingenieure GmbH), das von außen mit seiner hellen Fassade und den vielen Fenstern schlicht gehalten ist und sich in den gesamten Klinikkomplex gut einfügt. Auf einer Nutzfläche von 13 300 Quadratmetern sind Komfortstationen, Technikzentrale, der zentrale OP-Bereich, operative- und internistische Intensiv- und Überwachungsstationen, eine Station für Knochenmarktransplantationen, die Versorgung von Schwerbrandverletzten, Pathologie und Sterilgutaufbereitung untergebracht.

Modernste Technik in einem von zwei Hybrid-OP-Sälen: die Angiografieanlage kann CT- und 3D-Aufnahmen gleichzeitig machen
Modernste Technik in einem von zwei Hybrid-OP-Sälen: die Angiografieanlage kann CT- und 3D-Aufnahmen gleichzeitig machen (Foto: Klaus Haag)

Es geht mit dem Lift hinunter. Zu den OP-Sälen in den ersten Stock. 17 gibt es. Davon sind zwei Hybrid-OPs. Was so viel heißt, dass dort während der Operation eine Bildgebung wie Computertomografie (CT) möglich ist. In einem wird auch der OP-Roboter Da Vinci stehen. Seine vier Greifarme kann ein Arzt von einer Konsole mit einem Joystick bewegen. Im anderen steht eine Angiografieanlage, die eine CT- und zeitgleich 3D-Aufnahmen etwa von Gefäßen machen kann.

„Es ist uns wichtig, so minimalinvasiv wie möglich zu operieren“, sagt Ludwig Seebauer, Chefarzt der Orthopädie. Für den Patienten sei das viel schonender, es gebe auch weniger postoperative Traumata. Für Leo, wie der Roboter in Bogenhausen genannt wird, und die Angiografieanlage wurden extra starke Decken und Böden eingezogen. „Diese Anlagen haben viele Deckenaufhängungen und sind sehr schwer“, erklärt Armin Niklas von der München Klinik Bau Projektgesellschaft. Diese Hybrid-OPs sind mit 60 Quadratmetern daher auch sehr groß.

Hier wird eine Kopf-OP an einer Simulationspuppe vorgenommen, damit im Ernstfall dann alles klappt.
Hier wird eine Kopf-OP an einer Simulationspuppe vorgenommen, damit im Ernstfall dann alles klappt. (Foto: Stephan Rumpf)

Übung auf dem Dach, Übung im OP-Saal fünf. Das sind Tests für den Ernstfall und auch um zu sehen, was in den neuen OP-Sälen fehlt. Steckdosen vielleicht, Abstelltische. Wie die Wege im neuen Gebäude verlaufen, welche Abläufe verbessert werden können. Die medizinische Übungspuppe ist in diesem Fall ein 40-jähriger Mann. Er ist unter einen Sattelschlepper geraten. Die Diagnose: Hirnblutung, Beckenbruch und zunehmend instabil.

Das Team ist groß. Der Raum ist klein. Geräte werden angeschlossen, der Patient umgelagert, OP-Besteck-Tische hin- und hergeschoben. Da Kabel, dort Schläuche. Ärzte und OP-Pflegefachkräfte müssen sich ihren Platz suchen, sich gut miteinander absprechen. Die Zeit rennt. Bei einer starken Hirnblutung zählt jede Minute.

120 Meter ist das neue Gebäude lang, lang sind auch die Gänge im Zentral-OP.
120 Meter ist das neue Gebäude lang, lang sind auch die Gänge im Zentral-OP. (Foto: Stephan Rumpf)

Alles läuft, der Patient wird am Kopf operiert und stabilisiert. „Ich bin erst zum zweiten Mal in den neuen Räumen“, sagt Oberarzt und Anästhesist Matthias Engl. Eine solche Übung sei extrem wichtig. Es fehlen keine Steckdosen, die Geräte funktionieren. Fazit für alle Beteiligten: Der Raum ist klein, aber hell. Wenn etwas für eine OP zusätzlich benötigt wird, ist schnelles Handeln gefragt. Denn die Gänge im gesamten OP-Bereich sind sehr lang. „Aber das wird sich alles einspielen“, glaubt Engl.

Die Planer haben aus den OP-Sälen wirklich helle Räume gemacht. Man blickt durch Fenster nach draußen, an diesem Tag ins Sonnenlicht. „Dass wir jetzt mit Tageslicht arbeiten können, ist ein Privileg“, freut sich Patrick Friederich, Chefarzt der Anästhesiologie.  „Davon wird mein Vitamin-D-Spiegel erheblich profitieren.“ So wie Friederich denken die meisten Mitarbeiter über die hellen Räume.

Das gilt für die zwei Intensivstationen und eine Intermediated-Care-Station mit mehr als  100 High-Care-Betteneinheiten genauso, die im Erdgeschoss und ersten Untergeschoss untergebracht sind. Die Zimmer sind freundlich, alle haben ein Fenster und sind mit einem besonderen Lichtkonzept ausgestaltet, dass sich Tag und Nacht anpasst. „Das hilft unseren Patienten, sich nach einer OP schnell wieder zurechtzufinden, einem Delir, also gefährlichen Verwirrtheitszuständen vorzubeugen“, erklärt Friederich.

Spezielle Systeme schleusen warme Luft auf die Station für Schwerbrandverletzte

Eine Besonderheit hat die Station für Schwerbrandverletzte mit sieben Einzelzimmern. Denn hier spielt vor allem warme, feuchte Luft eine große Rolle, die mit speziellen Systemen eingeschleust wird. „Die Patienten mit schwersten Brandverletzungen verlieren schnell an Körpertemperatur. Wärme ist daher wichtig“, sagt Niclas Broer, Chefarzt der plastischen Chirurgie. Außerdem fördere die warme Raumtemperatur die schnelle Wundheilung. Besonders glücklich ist Broer, dass die Patienten vom Hubschrauber jetzt so schnell versorgt werden könnten.

Ganz oben, unterhalb des Hubschrauberlandeplatzes, ist der Blick fast genauso schön. Da steht man auf dem großzügigen Balkon eines schönen Einzelbettzimmers in der sogenannten „Komfortstation“. Hier können Patienten besondere Unterkunftsleistungen des Krankenhauses in Anspruch nehmen. 64 Betten gibt es. Immer inbegriffen: der Blick auf die Berge.

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