In München sollen mehr als 12 000 zusätzliche Bäume gepflanzt werden, um ein flächendeckendes Netz aus Straßenbäumen entstehen zu lassen. Nicht irgendwo, sondern innerhalb des Mittleren Rings, wo die besonders von Sommerhitze betroffenen Wohngebiete liegen. Dies fordert eine Initiative namens „Baumentscheid“. Ihr erster Schritt auf dieses Ziel hin ist ein Bürgerbegehren. Seit Anfang Mai sammeln Ehrenamtliche Unterschriften von Münchnern. Benötigt werden rund 35 000, um ein Bürgerbegehren bei der Stadt einzureichen.
Initiiert haben den „Baumentscheid“ Joseph Coenen und Stefanie Günther. Sie sind beide 25 Jahre alt und studieren an der TU München, er Urbanistik, sie fokussiert auf Nachhaltigkeit. Nach eigenen Angaben haben sie rund 100 Aktive angeworben, die ihr Anliegen unterstützen.
In den vergangenen Jahren stießen zwei Bürgerbegehren in München zu Klima- und Umweltschutz auf große Resonanz: für den Ausbau des Radwegenetzes und zum Erhalt von Grünflächen. Der Stadtrat hat die jeweiligen Ziele übernommen, die Initiatoren sind aber noch nicht zufrieden mit der Umsetzung durch die Stadt.

München gehört zu den am stärksten versiegelten Städten Deutschlands. Bäume wiederum sind im Kampf gegen die Überhitzung entscheidend: Sie spenden Schatten, kühlen die Umgebung durch Verdunstung und verbessern die Luftqualität. Die Gesamtzahl der Bäume in München sinkt seit Jahren.
Zwar pflanzt die Stadt auf öffentlichen Flächen mehr, als gefällt werden, aber auf Privatgrund ist die Statistik deutlich negativ. Selbst wenn ein gefällter Baum durch einen neuen ersetzt wird, dauert es Jahrzehnte, bis das frisch gepflanzte Gewächs dieselbe Klimawirkung erzielt.
Der „Baumentscheid“ will, dass die Stadt schneller und umfassender in Neupflanzungen investiert als bisher. Ende 2023 beschloss der Stadtrat, 3500 zusätzliche Bäume zu setzen. Die Standorte sind verteilt über die ganze Stadt, also auch in vergleichsweise gut begrünten, äußeren Stadtteilen. In der stark versiegelten Altstadt will das Rathaus rund 150 neue Bäume pflanzen, was mitunter bis zu 100 000 Euro pro Gewächs kosten dürfte; das Schaffen der Baumgruben ist sehr aufwendig.
Die Initiatoren des Baumentscheids begrüßen dieses Baum-Programm zwar, halten es aber nicht für ausreichend. Von den 3500 geplanten neuen Bäumen sollen nur 1500 im bisher asphaltierten Straßenraum wachsen. Es benötige mehr, um die Stadt klimafit zu machen. „Wir sehen uns als Beschleuniger“, sagt Coenen. Bis 2040 sollen alle nötigen Bäume gepflanzt sein.
In Vorbereitung des Baumentscheids, berichten Günther und Coenen, hätten sie mehr als 100 Gespräche mit Fachleuten aus Wissenschaft, Stadtplanung, Verwaltung und Politik geführt. „Es war ein sehr positiver Austausch“, sagt Günther, sie habe viel unterstützendes Interesse wahrgenommen, auch in Rathaus und Verwaltung. Unterstützt werde ihr Vorhaben von einem Bündnis aus Gruppen und Unternehmen, darunter Tollwood und Patagonia, Protect the Planet und Freie Lastenradl.
Man verzichte auf Unterstützung durch Parteien, sagen die Initiatoren, obwohl sie selbst Parteimitglieder sind: Günther gehört den Grünen an, Coenen der CSU. Beide betonen die Gefahren einer überhitzten Stadt für Menschen und auch für die Wirtschaft. Ein Hitzetag bedeute wirtschaftlich einen Millionenverlust. Obendrein seien solche Tage vor allem für ältere Menschen gesundheitlich riskant.
Auf drei einzelne Ziele brechen die Aktiven ihr Vorhaben herunter. Beim geforderten flächendeckenden Netz aus Straßenbäumen beziehen sie sich auf das, was der Stadtrat bereits beschlossen hat: Mindestens 30 Prozent des Straßenraums sollen von Baumkronen überdeckt sein. Dies würde für den Bereich innerhalb des Mittleren Rings bedeuten, dass rund 12 000 Bäume gepflanzt werden müssten, sagt Coenen.
Zudem soll die Stadt besonders belastete Stadtteile als „Hitzequartiere“ ausweisen und dort vorrangig Straßenbäume pflanzen. Dort solle die Stadt die neuen Baumstandorte bis spätestens 2030 festlegen, in den übrigen Gebieten bis 2035. Um Kosten zu sparen, solle die Stadt bei ohnehin anstehenden Arbeiten in den Straßen, sei es für Fernwärme oder Verkehr, gleich das Pflanzen zusätzlicher Bäume planen. Rad- und Fußwege sollen dafür nicht angetastet werden.
Dies bedeutet de facto, dass Platz benötigt wird, den bisher Autos zum Fahren oder Parken nutzen. „Bäume sollen dort gepflanzt werden, wo es möglich und sinnvoll ist“, sagt Günther und verweist auf positive Aspekte, auch für Autobesitzer: „Ein Baum macht aus einem Parkplatz einen Schattenparkplatz.“
Und wie soll eine solch gewaltige Offensive finanziert werden? Die Initiatoren schreiben, dass sie die jährlichen Kosten auf weniger als ein Prozent des jährlichen städtischen Haushalts von derzeit rund zwölf Milliarden Euro schätzen. Das wären bis zu 120 Millionen, pro Jahr etwa acht bis neun Millionen.
Zum Vergleich: Für das bereits gestartete 3500-Bäume-Programm rechnet die Stadt mit rund 51 Millionen Euro. Die Baum-Aktivisten gehen davon aus, dass die Investitionen großteils durch Förderung von EU, Bund und Freistaat finanziert werden könnten. Zudem verweisen sie darauf, dass andere Kosten vermieden oder reduziert würden, die entstünden, wenn sich München weiter aufheize.
Ein Bürgerbegehren ist die erste Stufe im Rahmen von direkter Demokratie. Wenn drei Prozent der Wahlberechtigten unterschreiben, muss die Stadt die Zulässigkeit des Anliegens prüfen. Bejaht sie dies, kommt es zum Bürgerentscheid: Münchner dürfen dann wie bei einer Wahl darüber abstimmen, ob sie das Anliegen befürworten. Eine solche Abstimmung ist obsolet, wenn der Stadtrat die Ziele des Bürgerbegehrens übernimmt.


