Sie haben einen Stadtwald gepflanzt, direkt vor dem Rathaus, und jetzt tanzen davor die Tiere zu „Stayin’ Alive“ von den Bee Gees. Bär, Pinguin, Biene, Känguru. Es ist eine Aktion voller Symbole auf dem Marienplatz, und so mischen sich irgendwann der Lärm von Autos und Motorsägen in den Rhythmus, die Tiere taumeln, gehen zu Boden. Auftritt Münchner Kindl. Die Tiere sind gerettet, bleiben am Leben, wie es der Song will.
Es sind knapp 100 Vereine, Initiativen, Gruppen, Organisationen aus der Klima- und Umweltbewegung, die sich zum Bündnis „Stadt für alle“ zusammengeschlossen haben und nun, nach der Rettung der Menschen in Tierkostümen, der Stadtpolitik ihre Forderungen für mehr Nachhaltigkeit übergeben wollen, kurz vor der Kommunalwahl.
Die grüne Deko hinter ihnen als Mini-Stadtwald zu bezeichnen, wäre übertrieben, es sind einige übergroße Topfpflanzen. Sie sollen auf Paris verweisen, eine der Vorbild-Städte für die Klima-Aktivisten, denn dort haben sie vor dem Rathaus vor Kurzem tatsächliche ein Mini-Wäldchen gepflanzt, so dicht, dass man durchs Unterholz nicht mal durchschauen kann.
Und München? Als Helena Geißler, Sprecherin des Bündnisses, die Forderungen den vor den Topfpflanzen stehenden Politikern vorstellen will, ist sie erst mal nicht zu hören. Das Mikro funktioniert nicht. Und das ist durchaus ein weiteres Symbol an diesem Tag, wenn auch ungewollt: Belange des Klima- und Umweltschutzes bleiben im Kommunalwahlkampf weitgehend ungehört. Keine Partei stellt diese Themen in den Vordergrund oder wirbt mit neuen Ideen, um München auf den Klimawandel vorzubereiten.
Es dauert eine Weile, ehe Geißler über den Lautsprecher zu hören ist: München stehe mit der Wahl vor einer Richtungsentscheidung. Das Bündnis engagiere sich für ein soziales und klimagerechtes München, sagt sie und verweist auf große Bilder neben ihr. Darauf KI-generierte Stadtansichten, wie München werden solle: Alle Dächer haben eine Solaranlage, in der Fußgängerzone stehen viele Bäume, unter ihrem Schatten spielen Kinder, flanieren Erwachsene, vor der Oper blühen Blumen, und dank Gemüsebeeten ist die Stadt eine „essbare“.
Sechs Themenbereiche zur Nachhaltigkeit – vom Wohnen und Bauen über Stadtplanung, Energie, Ernährung und Naturschutz bis zu Mobilität – haben die Klima-Aktivisten bearbeitet und daraus Forderungen destilliert. Zum Beispiel: verkehrsberuhigte Quartiere nach Vorbild von Barcelona, Förderung von Energiegenossenschaften, Umbau der Sonnenstraße zum Boulevard, Vorfahrt fürs Fahrrad. Es seien, sagt Geißler, realisierbare und oft schnell umsetzbare Forderungen, die sie zusammengetragen hätten, zusammen stünden sie für eine Vision, eine „Stadt für alle“. Das sei „kostenlose Politikberatung“, sagt Geißler.
Dann übergibt das Münchner Kindl den Forderungskatalog an die versammelten Politikerinnen und Politiker fast aller Parteien. Nacheinander inszenieren sie an einem Humushaufen einen Spatenstich, der eigentlich ein Schaufelstich ist, aber egal, er soll den Baubeginn für eine nachhaltige Stadt symbolisieren. Es fällt auf, dass von den großen Parteien – Grüne, CSU, SPD – nicht die Oberbürgermeister-Kandidaten gekommen sind. Das kann Termingründe haben, oder ein weiteres ungewolltes Symbol sein: Klimaschutz? So wichtig auch wieder nicht.
Sabine Krieger, Ex-Stadträtin der Grünen, heute Vize-Vorsitzende des Bund Naturschutz in München und Sprecherin des Klimabündnisses „Stadt für alle“, beklagt im Gespräch mit der SZ das weitgehende Desinteresse im Wahlkampf an Klimathemen. Eigentlich habe das Bündnis seine Forderungen bei einer Podiumsdiskussion mit allen OB-Kandidaten übergeben wollen, erzählt sie. Die Veranstaltung aber sei nicht zustande gekommen, weil zu viele der Kandidaten abgesagt hätten. Es sei eine völlig andere Stimmung als vor der vergangenen Kommunalwahl: Damals habe Fridays for Future alle angetrieben, sagt Krieger. Als Fridays-Vertreterin steht Jana Häfner auf dem Marienplatz. Das Desinteresse in der Politik sei der Grund, warum sich im vergangenen Jahr das Bündnis „Stadt für alle“ gegründet habe. „Der Klimawandel und -schutz muss eine Rolle spielen“, fordert Häfner für den Wahlkampf, „denn er betrifft unser aller Leben“.

