O, Klassik-Publikum, du unbekanntes Wesen? Was möchtest du hören, wen möchtest du sehen? Bist du traditionsbewusst oder offen für Neues? Alt, jung, geldig oder mit knappem Budget? Stirbst du aus oder erneuerst du dich stetig? Plattenfirmen, Veranstalter, Kulturmanager, sie alle sind Zukunftsforscher und Nebelstocherer in schwierigen Zeiten. Krise? Wenn, dann auf hohem Niveau. Das Münchner Konzertprogramm jedenfalls scheint üppig wie selten in den kommenden Wochen. Wie ein Gourmet-Supermarkt, Delikatessen in Premium-Qualität in jeder Auslage. Schon mal Decision Fatigue oder Choice Overload gehört? Von Entscheidungsüberlastung, wenn die Auswahl einen überwältigt?
Etwa im Segment Klavier: Igor Levit spielt wieder mit den Münchner Philharmonikern, diesmal unter Antonello Manacorda. Am 25., 26. und 27. Februar setzt er in der Isarphilharmonie mit Beethovens Zweiter Symphonie und Brahms zweitem Klavierkonzert den Ton für den nächsten Monat, denn auch Kolleginnen und Kollegen, die ihm noch folgen werden, haben diese beiden Komponisten erwartbar im Programm. Gute Gelegenheiten also zum Hörvergleich.

Was läuft im Pop in München:Eros Ramazzotti ist zurück auf der großen Bühne
Die spannendsten Konzerte in München: Eros Ramazzotti, Jason Derulo und Machine Gun Kelly spielen in der Olympiahalle. Indierock-Fans freuen sich auf „The Kooks“ und „Die Nerven“, Hip-Hopper auf Shindy und Yung Hurn.
Pianistin Olga Scheps, die in der Isarphilharmonie am 24. Februar zusammen mit den Münchner Symphonikern auftritt, gilt als Klavierpoetin, die schon die romantische Seele im Techno-High-Speed von H.P. Baxxter und seiner Band Scooter entdeckte. Nun hat sie ein besonderes Lockmittel im Gepäck: „One World“, das erste Klavierkonzert, das der Geiger David Garrett komponiert hat.

Im März dann wird es so richtig eng im Klavierregal. Reichlich Beethoven gibt’s am 1. März auch von Kit Armstrong, der mit Le Concert Olympique im Prinzregententheater Station macht. Werbewirksam hier: Der 33-jährige Amerikaner spielt nicht nur hoch virtuos Klavier und Orgel, er ist auch ein Mathe- und Sprachen-Ass und KI-Nerd. Womit kann da sein Kollege, der Exil-Russe Evgeny Kissin, punkten, der am 2. März in der Isarphilharmonie konzertiert? Gewiss mit seinem ausdrucksstarken Spiel und dem Programm: Beethoven, Klaviersonate Nr. 7 D-Dur op. 10/III, Chopins Mazurka Nr. 27 e-Moll, Robert Schumanns Kreisleriana und Liszts Ungarische Rhapsody. Womöglich auch mit seiner klaren Haltung zum russischen Angriffskrieg und seiner Unterstützung für die Ukraine.
Wer jetzt glaubt, schon satt zu sein, im März wird klaviermusikalisch noch einiges und ganz Unterschiedliches mehr aufgetischt. Bei den Münchner Philharmonikern unter Lahav Shani ist am 11. und 12. März (Isarphilharmonie) Rudolph Buchbinder zu Gast, den man unlängst auf dem Wiener Opernball in einer der Logen sitzen sah. Auch er serviert Beethovens Zweite.
Mal ganz ohne Ludwig van kommt das Konzert von Khatia Buniatishvili mit dem Orchestre de la Suisse Romande am 16. März in der Isarphilharmonie aus. Die gebürtige Georgierin mit der starken Persönlichkeit hält sich ihre Programme gerne lange offen und mag dabei keine Pausen, weil sie die Energie und Spannung aus der Dramaturgie nehmen. Doch wie Levit geht sie bei ihrem Auftritt mit dem Genfer Traditionsorchester unter seinem Chefdirigenten Jonathan Nott mit Brahms’ zweitem Klavierkonzert über die Langstrecke von 50 Minuten.

Noch ein legendäres Orchester, noch ein Weltstar am Piano und noch mal – für Gourmets zum direkten Vergleich – das Brahms’sche Klavierkonzert: Eine „geradezu übersinnliche Beziehung zum Werk“ bescheinigt der Veranstalter Daniil Trifonov. Ein gutes Verkaufsargument, zumal der gebürtige Russe am 18. März in der Isarphilharmonie vom Klangkörper mit dem bandwurmlangen Titel, dem Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia Roma unter Daniel Harding, begleitet wird.

Daniel Harding, Jonathan Nott, Lahav Shani, Franz-Welser Möst, Simon Rattle, Alain Altinoglu, Antonello Manacorda – auch die Namen der Star-Dirigenten füllen in der Auslage im März wieder Regalmeter. Von den Stargeigern wie Vilde Frang, Frank Peter Zimmermann oder Ragnhild Hemsing gar nicht zu sprechen. Choice Overload für das Münchner Klassik-Publikum also auch hier. Um dem mentalen Stress zu entfliehen, kann es sich ja – als Übersprungshandlung – am 13. März in die Olympiahalle begeben, zum niederländischen „Walzerkönig“ André Rieu.

