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Soundscaping-Projekt:"Eine Klanglandschaft sagt mehr als 1000 Bilder"

Bernie Krause

Ein Amerikaner im Voralpenland: Krause hat die Stiftung Nantesbuch besucht und dort ein Seminar gegeben über "Soundscapes", die die Natur mit ihren Geräuschen selbst komponiert.

(Foto: Thomas Dashuber)

Als Komponist hat Bernie Krause früher mit Bands wie The Doors gearbeitet. Heute würde er jedes Gewitter einem der alten Songs vorziehen.

Von Stephanie Schwaderer

Bernie Krause kam mit schlechten Augen zur Welt, aber er hat mehr gehört als die meisten Menschen auf diesem Planeten. Das Traurigste, sagt er, sei der Klagegesang eines Bibers gewesen an einem abgelegenen See in Minnesota. Zwei Jagdaufseher hatten ohne jede Notwendigkeit seinen Bau in die Luft gesprengt - mitsamt dem Weibchen und den Jungen. Wenn Krause die Aufnahme abspielt, auf der die Rufe des einsamen Bibers in seinem zerstörten Revier zu hören sind, schimmern bisweilen noch immer Tränen in seinen Augen. "Ich hoffe, nie mehr Zeuge solcher Schreie von einem lebenden Wesen zu werden", sagt er. Darf ein Wissenschaftler so vermenschlichend über Tiere sprechen? "Ich weiß, dass gerade ältere Biologen damit ein Problem haben", sagt der 81-Jährige ruhig. Aber es sei höchste Zeit, dass wir Menschen die Natur nicht länger als etwas von uns Getrenntes betrachteten. "We don't have time."

Krause, 1938 in Detroit geboren, war in seinem ersten Berufsleben Komponist und Musiker, hat den Byrds und Doors den Synthesizer nahegebracht; hat an Soundtracks zu Filmen wie "Apocalypse Now" oder "Rosemary's Baby" mitgewirkt und fünf eigene Alben veröffentlicht. Heute, sagt er, würde er jedes Gewitter einem der alten Songs vorziehen. Mit knapp 40 Jahren ging er noch einmal an die Universität, um Bio-Akustik zu studieren, und promovierte über den Gesang von Schwertwalen in Freiheit und Gefangenschaft.

Nicht nur Krauses Schüler sind aufgefordert, Vogelstimmen, Wasserrauschen & Co einzufangen. Denn gerade sind die schlechten Zeiten dafür besonders gut.

(Foto: Thomas Dashuber)

Er selbst sei viele Jahre ein Gefangener gewesen, erzählt er, ein Sklave seiner Rastlosigkeit. Seit seiner Kindheit habe er an ADHS gelitten. Alle Medikamente und Therapien hätten versagt. Was ihn gerettet habe: sein Rekorder und die Natur. Anfang der Achtzigerjahre dann das Schlüsselerlebnis, das aus ihm einen Pionier der Klangforschung machen sollte. Zuvor hatte Krause bei seinen Aufnahmen das getan, was all seine Kollegen taten. Er hatte aus der Fülle von Naturklängen einzelne Stimmen extrahiert; hatte sehr kleinen Tieren gelauscht - Insektenlarven oder Kaulquappen - und sehr großen.

Im kenianischen Naturschutzgebiet Masai Mara jedoch erwachte mit einem Paukenschlag der Musiker in ihm. "Ich hatte viel aufgenommen an diesem Tag, lag in meinem Schlafsack, das Mikrofon draußen, und plötzlich hörte ich die Struktur des Klangs von allen Lebewesen - ein Arrangement der Laute von Insekten und Hyänen, Fröschen, Vögeln, Elefanten." Mit einem Mal sei ihm klar geworden, dass dies kein Durcheinander war, sondern, im Gegenteil, die Sinfonie eines fein abgestimmten Orchesters. Als er sich später die grafische Darstellung der Aufnahme ansah, durchfuhr ihn erneut ein Glücksgefühl. "Das Spektogramm sah aus wie eine Komposition von Pierre Boulez."

Die Stimme eines Tieres aus der Natur zu filtern, erscheint ihm seither ebenso absurd wie einer einzelnen Geige in einer Beethoven-Sinfonie Bedeutung beizumessen. Stattdessen hat er sich auf die Suche nach intakten "Soundscapes" gemacht - in Afrika und in der Tundra, in Costa Rica und in den Korallenriffen der Fidschi- Inseln. 5000 Stunden umfasst sein einzigartiges Archiv. Das Erschütternde: "Die Hälfte dieser Habitate existiert bereits nicht mehr." Klimawandel und Raubbau, Umweltverschmutzung und der nahezu omnipräsente menschengemachte Lärm reißen immer schneller immer größere Löcher in die Partituren der Natur.

Im künftigen Museum Biotopia wird eine von Bernie Krauses Klanginstallationen zu erleben sein.

(Foto: Thomas Dashuber)

Wäre die Welt eine andere, wenn wir uns mehr auf unsere Ohren als auf unsere Augen verließen? Krauses Antwort ist ein klares Ja. Ein Bild sage womöglich mehr als 1000 Worte, erklärt er. "Aber eine Klanglandschaft sagt mehr als 1000 Bilder." Dass jeder Mensch noch über eine tiefe innere Resonanzebene für Klänge und Rhythmen verfügt, steht für ihn außer Frage. Krause hat interessante Theorien entwickelt, die Soundscape Ecology und die Akustische-Nischen-Theorie, in denen sich Naturwissenschaft, Philosophie, Religion und Politik bisweilen sehr nahe kommen. Er hat ein bewusstseinserweiterndes Buch geschrieben, das den Leser die eigenen Ohren entdecken lässt. Und er ist auf der rastlosen Suche, wie er seine Botschaft in die Welt bringen kann.

Ein adäquates Medium sieht er in der Kunst. Für Paris schuf er 2014 die Klanginstallation "Das große Orchester der Tiere". Der Zufall wollte es, dass John Gorman, Leiter des Biotopia Museums München, diese Ausstellung sah. Er sei von der Installation fasziniert gewesen, erzählt der Ire, aber auch davon, wie Menschen jeden Alters und verschiedenster Kulturen Seite an Seite lagen und lauschten. "Und wie lange sie dort blieben." Gorman nahm Kontakt zu dem Klangforscher auf. Sein erster Besuch bei Bernie Krause und seiner Frau Katherine in Kalifornien 2018 scheiterte jedoch kurzfristig. Das Haus war gerade abgebrannt. "Der Klimawandel", sagt Krause lakonisch. Mittlerweile haben Krause und Gorman nicht nur Pläne für eine Klanginstallation im Biotopia geschmiedet, sondern auch ein Soundscaping-Projekt mit der Stiftung Nantesbuch im Süden Münchens auf den Weg gebracht. Dort hielt Krause im vergangen Jahr einen Meisterkurs mit Wissenschaftlern und Künstlern ab, der alle Teilnehmer optimistisch stimmte. Ob und in welcher Form Vögel aus Oberbayern in Biotopia zwitschern werden, bleibt abzuwarten. Sicher ist, dass dort ein Biber aus Minnesota eine Stimme bekommen wird. Zwischen Gibbons und Geigen wird er ein einsames Solo singen.

Die Corona-Krise hat unterdessen Biotopia und die Stiftung Nantesbuch zu einem gemeinsamen internationalen Projekt bewogen, dessen Ziel es ist, auf die bedrohte Klanglandschaft aufmerksam zu machen, sein Name: "Dawn Chorus". Übersetzen könnte man das mit "Chor der Dämmerung". Jetzt, im Shutdown, da die Welt etwas weniger Lärmdurchzogen ist als sonst, sind alle eingeladen, dafür selbst Aufnahmen einer morgendlichen Klanglandschaft zu machen und auf der Plattform dawn-chorus.org zu teilen.

Auf der Website www.dawn-chorus.org sind alle wichtigen Details zu dem Projekt zu finden. Uploads sind von 1. bis 22. Mai möglich.

© SZ vom 30.04.2020/syn
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