Wohnungsbau:Pläne für einen "Schandfleck Münchens"

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Wohnungsbau: Die meisten Wellblechhütten und Container des illegalen Gewerbegebiets (hier ein Bild aus dem Jahr 2013) sind inzwischen abgeräumt worden.

Die meisten Wellblechhütten und Container des illegalen Gewerbegebiets (hier ein Bild aus dem Jahr 2013) sind inzwischen abgeräumt worden.

(Foto: Angelika Bardehle)

Auf einer ehemaligen Kiesgrube im Osten der Stadt soll ein neues Quartier mit Wohnungen und Gewerbebetrieben entstehen. Vorher allerdings müssen die Altlasten im Boden beseitigt werden - und das könnte teuer werden.

Von Sebastian Krass und Ulrike Steinbacher

Im Osten von Kirchtrudering ist die Stadt eigentlich zu Ende - rechts ein Maisfeld, das die Bahngleise Richtung Haar und die Wasserburger Landstraße verdeckt, links ein Maisfeld, hinter dem die Messestadt Riem zu erahnen ist. Aber dann führt der schnurgerade Rappenweg doch noch zu einer Ansiedlung: Auf einer verfüllten Kiesgrube erstreckt sich "ein Schandfleck Münchens und eine ökologische Zeitbombe", wie OB Dieter Reiter gerade im Planungsausschuss des Stadtrats gesagt hat.

Das soll sich ändern. Die meisten Wellblechhütten und Container dieses illegalen Gewerbegebiets voller kleiner Kfz-Betriebe sind inzwischen abgeräumt, viele Flächen planiert, Bauzäune errichtet. Ein neues Quartier mit Wohnungen und Gewerbe soll dort entstehen. Konkrete Zahlen zu Flächen, Höhe, Dichte und Struktur stehen zwar nicht in dem Beschluss, mit dem der Planungsausschuss jetzt den ersten Schritt zu einer rechtlichen Grundlage für das Projekt getan hat. In jedem Fall aber sollen so viele Menschen am Rappenweg wohnen und arbeiten, dass die Stadt einen Tram-Korridor prüft und gemeinsam mit dem bayerischen Verkehrsministerium einen neuen S-Bahn-Halt an der Schwablhofstraße untersuchen lässt.

Eckdaten zu dem Projekt will das Planungsreferat erst benennen, wenn klar ist, wie die Altlasten saniert und eine belastbare Verkehrsanbindung sichergestellt werden können. Aber Zahlen kursieren natürlich trotzdem. Das Mobilitätsreferat etwa griff 2021 für seine Machbarkeitsuntersuchung auf eine Vorstudie der Grundstückseigentümer aus dem Jahr 2018 zurück. Darin ist - laut Mobilitätsreferat als "Maximalvariante" - von 3400 Wohnungen die Rede. Zusammen mit den geplanten 1500 Einheiten an der Heltauer Straße und den 2500 im fünften Bauabschnitt der Messestadt Riem ergäbe dies für Trudering eine beachtliche Zahl neuer Wohnungen in einem Radius von drei Kilometern.

Hauptproblem am Rappenweg ist die 18 Hektar große ehemalige Kiesgrube, die von den Fünfzigerjahren an bis in eine Tiefe von 19,5 Metern mit Kies, aber auch Asche, Schlacke, Bauschutt und Kunststoffresten verfüllt wurde. In den Sechzigerjahren siedelten sich darauf die Gewerbe-Schwarzbauten an - ohne Kanal und vernünftige Straßen. Zunächst wollte die Stadt sie plattmachen, später dann eine Sanierung erreichen, die zumindest einfachen Standards genügte. Diese Idee gab die Verwaltung 2016 schließlich auf, "weil die beteiligte Eigentümerschaft keine Mitwirkungsbereitschaft zeigte", sprich für Altlastenbeseitigung kein Geld ausgeben wollte.

Dann suchte die Stadt einen neuen Ansatz, die CSU brachte Wohnungsbau ins Gespräch, Bauträger begannen, sich für das Areal zu interessieren. Ein Drittel davon - insgesamt sind es 24,5 Hektar - übernahm die Bayerische Hausbau. Auch die Büschl-Gruppe und die Immobilien-Gruppe Ten Brinke kauften sich ein. Dass sich die Projektentwicklung seit Jahren hinzieht, erweist sich für die Investoren jetzt als Vorteil: Das Planungsgebiet ist neben den Projekten Dreilingsweg und Heltauer Straße einer der drei "Übergangsfälle" die noch nicht unter die verschärften Sozialvorgaben für private Wohnbauprojekte fallen. Für sie gilt noch, dass nur 50 und nicht 60 Prozent preisregulierte Mietwohnungen entstehen müssen, die 40 Jahre gebunden sind.

Völlig neu geplant wird die Straßenanbindung. Eigentlich wollte die Verwaltung den Rappenweg - eine Sackgasse - nach Haar-Gronsdorf verlängern, um eine zweite Zufahrt zu dem Gebiet zusätzlich zur Schwablhofstraße zu schaffen. Damit hätte sich zugleich eine neue Verbindung zum S-Bahnhof Gronsdorf ergeben, wo der Stadt Grundstücke gehören, die sie teilweise ebenfalls für den Wohnungsbau nutzen will. Doch der Durchstich scheitert seit Jahrzehnten an einer Grundstückseigentümerin am Rappenweg, die nicht verkaufen will, und nun gibt die Verwaltung die Verknüpfung mit dem Gronsdorfer Projekt erst einmal auf. Als zusätzliche Erschließung wird jetzt die Mauerseglerstraße Richtung Wasserburger Landstraße geprüft - inklusive einer neuen Unterführung unter den Bahngleisen.

Die Stadträte wollen den Durchstich nach Gronsdorf dennoch weiterverfolgen. Im Planungsausschuss fand ein Ergänzungsantrag von SPD/Volt und Grünen/Rosa Liste eine Mehrheit, zusätzlich auch die Rappenweg-Variante offenzuhalten, die Grundstücksverhandlungen mit der verkaufsunwilligen Eigentümerin fortzuführen, aber auch deren Enteignung zu prüfen. Untersucht werden soll außerdem eine eigene Fußgänger- und Radfahrerunterführung an der Schwablhofstraße.

Breiten Raum nahm in der Debatte das Thema Altlasten ein. Ob sie aus dem Boden geholt oder - falls das Grundwasser nicht gefährdet ist - zugedeckt werden, sollen Gutachten klären. "Der Eigentümer haftet für das, was in seinem Grund und Boden ist", erklärte Stadtbaurätin Elisabeth Merk. Doch wenn die Stadt sich auf das Projekt einlasse, sagte Alexander Reissl (CSU), dann müsse man den Eigentümern auch "behilflich sein, mit dem Maß der Nutzung das Ganze zu finanzieren". Was das konkret heißt, formulierte Brigitte Wolf (Die Linke): Derzeit sei zwar von vier- bis fünfgeschossigen Gebäuden die Rede, aber wenn man "weiß, was die Altlastensanierung kosten wird, kann ich mir schwer vorstellen, dass es dabei bleiben kann".

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