Es zischt leise, wenn der Kronkorken aufspringt – und dann beginnt er, der Spaziergang mit Flasche in der Hand. Das „Wegbier“ gehört längst zur deutschen Stadtkultur: Man trinkt es beim Bummeln, vor dem Stadion, nach dem Club, beim Heimweg durch die Altstadt. In München ist es meist Augustiner, manchmal Tegernseer. Früher musste man dafür bis zum nächsten Supermarkt laufen, wenn der noch offen hatte. Heute steuert man einen der neuen Innenstadtkioske an. Drei davon haben in den vergangenen Monaten eröffnet – mit unterschiedlichen Konzepten, aber einer gemeinsamen Idee: einen unkomplizierten Ort zu schaffen in einer Innenstadt, die sich viele kaum noch leisten können. Das Bier für die Straße kostet hier zwischen 2,50 und drei Euro.
Gleich gegenüber vom Alten Peter, am Rindermarkt, hat Ali Olgun seinen Laden eröffnet. „Eni Café & Shop“ klingt zunächst nach Espresso und Benzingeruch – und tatsächlich hat Olgun viele Jahre Tankstellen in München betrieben, bevor er sich mit einer Mischung aus Café und Kiosk in die Altstadt wagte. Der italienische Ölkonzern Eni, für den Olgun arbeitet, hat in München eine Reihe von Tankstellen, etwa am Innsbrucker Ring. Doch nun zog es Olgun in die Innenstadt, er zog in die Räume von Vee’s Kaffeerösterei ein und eröffnete dort den ersten Eni-Kiosk Deutschlands: halb Café, halb Tankstellenshop, nur eben ohne Autos.
Hinten im Laden glänzt eine riesige Espressomaschine, Lavazza läuft duftend in eine Tasse. Dazu kommen Kühlschränke voller Getränke, ein Backshop, Süßwaren, Tabak. „Wir sind eine Tankstelle ohne Zapfsäulen“, sagt Olgun und lacht. Für ihn ist das Konzept eine Art Zukunftsversicherung – Eni versucht, sich vom klassischen Ölgeschäft unabhängiger zu machen, und testet neue Formate. Die Lage, sagt Olgun, sei perfekt: zwischen Rathaus, Rindermarkt und Heiliggeistkirche. Was bei keinem Sortiment fehlen darf, steht direkt hinter der Eingangstür: Augustiner, griffbereit, gut gekühlt.
Wenige Minuten weiter, an der Westenriederstraße, betreibt Yusif Sito einen Kiosk – seinen zweiten, der erste steht in Feldmoching. Jetzt verkauft er Bier, Wein und Zigaretten direkt am Viktualienmarkt. Warum? „Geld verdienen, was sonst?“, sagt er und grinst. Der Standort ist tatsächlich ideal: Bei sonnigem Wetter drängen sich Tausende über den Markt, der Platz vor seinem Laden ist am Wochenende so voll, dass Autos kaum mehr durchkommen. Gegenüber liegt die Weinhandlung Max & Moritz, vor der bei Sonnenschein dicke Trauben von Menschen stehen – mit einem Glas Wein in der Hand.

Bei Sito’s stapelt sich das Bier sichtbar hinter dem Schaufenster, daneben die Kühlschränke. „Samstag war die Hölle los“, erzählt Sito über den ersten warmen Frühlingstag. Den Laden hat er über Ebay gefunden – der chinesische Supermarkt Mai Ling, der zuvor in den Räumen war, suchte eine Nachfolge. Sito griff zu. Postkarten, Chips, Kaugummis gehören auch zum Sortiment, Zeitungen erst einmal nicht. „Die meisten wollen Bier – Bier und Zigaretten“, sagt er. Wein verkauft er ebenfalls, mitsamt der Becher. Im Fenster wirbt ein Plakat für „Bumms Schorle“ mit Riesling.
Exklusiver Sneakerstore inklusive Kiosk
Eine Straße weiter, an der Frauenstraße, verfolgt Mohammed Berut ein ganz anderes Konzept. Sein Laden „Hype World“ war ursprünglich ein Sneakerstore, spezialisiert auf exklusive Modelle und limitierte Editionen, die in Kooperationen großer Marken mit Popstars und Rappern wie Travis Scott oder Kanye West entstehen. Berut machte sein Hobby zum Geschäft – und war zeitweise Teil eines Booms, der jedoch schnell wieder abflaute. „Ich bin der Letzte in München“, sagt er.
Weil die Kundschaft zwar loyal war, aber nicht täglich kam und Designer-Schuhe für 450 Euro kaufte, wandelte er das Konzept um. Platz war genug, die Lage im Gärtnerplatzviertel ohnehin vielversprechend. Also kamen Kühlschränke, Tabak und Lotto hinzu. Heute teilen sich Sneaker und Kiosk den Umsatz: Im Winter läuft der Schuhverkauf besser, im Sommer Bier und Energydrinks.

Kioske in München:Wo man nach 20 Uhr noch ein Bier bekommt
Hartnäckig hält sich der Mythos, in München habe nach 20 Uhr nichts mehr offen. Tatsächlich gibt es aber längst zahlreiche Kioske, die deutlich später schließen – einer davon hat sogar 24 Stunden geöffnet.
Berut beobachtet den Kiosk-Boom genau. „Viele machen auf, weil es wenig Startkapital braucht“, sagt er. Was ihn stört: dass einige mit besonders billigem Bier Kundschaft locken. „Das bringt am Ende niemandem etwas“, meint er – weder den Läden noch der Stimmung im Viertel.
Die neuen Kioske sind nicht die Einzigen, die rund um den Viktualienmarkt Alkohol verkaufen: Auch Stehausschänke, Metzger und Imbisse haben Bier im Angebot. Das Geschäft mit dem Wegbier ist für viele zu lukrativ, um darauf zu verzichten. Doch das sorgt regelmäßig für Ärger. Samstags versperren dichte Gruppen von Feiernden die Zugänge, Marktleute kommen kaum noch zu ihren Tonnenhäuschen, Anwohner beschweren sich über Lärm und Müll. Immer wieder gab es Diskussionen über Alkoholverbote, Platzregeln und zusätzliche Sicherheitskräfte für den Markt.
Für Olgun, Sito und Berut ist das ein Spannungsfeld: Das Bier bringt Umsatz, aber auch eine Atmosphäre, die nicht alle im Viertel begrüßen. Die Kioske boomen, weil ein Getränk auf die Hand für viele ein kleines Stück Freiheit geworden ist – schnell, unkompliziert, billig. Das macht es so populär bei Stadtbewohnern und Touristen. Und so bleibt das Wegbier, was es immer war: ein kleines Vergnügen, das manchmal große Debatten auslöst.

