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Kindermedizin:"Wir sind ein Defizitgeschäft"

"Früher war ein Defizit in einem klinischen Bereich kein Ausschlusskriterium, um weiterzumachen", sagt Werner Hüttl. Der Arzt hat fast zehn Jahre lang die Kinderpsychosomatik geleitet, bis er 2010 eine eigene Praxis eröffnete. "Heute verlieren Abteilungen ihre Existenzberechtigung, wenn sie nicht kostendeckend arbeiten", klagt Hüttl. Er plädiert dafür, nach anderen Finanzierungsmodellen zu suchen.

Die Arbeit in den Tageskliniken sei therapeutisch sehr wirksam. "Die Kinder und Jugendlichen haben dort eine feste Tagesstruktur und können trotzdem zu Hause schlafen." Doch das erfordert viel Personal. "Unser Abrechnungssystem bildet die spezifischen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen nicht ab", kritisiert Hüttl. "Rein rechnerisch ist es gar nicht möglich, mit den Tageskliniken für Kinder schwarze Zahlen zu schreiben." Und der Mangel an Fachkräften trifft zwar alle medizinischen Bereiche. Am meisten zu spüren bekommen ihn aber die Bereiche, die kaum oder keine Gewinne erzielen. Sie sind die ersten, in denen Ressourcen gekürzt werden.

Dass besonders die Kindermedizin zu den Leidtragenden dieses ökonomischen Drucks gehört, belegt eine aktuelle Studie vom interdisziplinären Forschungszentrum Ceres der Universität Köln, die vergangene Woche im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht wurde. Je größer die Kinderheilkunde an einer Klinik werde, umso mehr Geld verliere man. Das führe zu zunehmender Abhängigkeit, fehlender Gestaltungsfreiheit und einem systematischen Bedeutungsverlust der Kinderheilkunde, schreiben die Wissenschaftler.

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Egal in welche Kinderklinik man schaut, alle verwalten den Mangel. Das erlebt auch Florian Hoffmann täglich. "Bei uns in der Kinderklinik sind derzeit 51 Betten gesperrt", sagt der Oberarzt der Intensivstation der Haunerschen Kinderklinik an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Immer wieder müssen schwerkranke Kinder in Krankenhäuser bis Traunstein oder Garmisch-Partenkirchen verlegt werden. Nicht, weil in München die Expertise fehlen würde. Im Gegenteil. Viele Ärzte zählen hier zu den renommiertesten ihres Faches. Es mangelt schlicht an Personal, um alle Betten zu belegen. "Immer mehr kindermedizinische Abteilungen werden klein- oder kaputtgespart", so Hoffmann. "Wir sind ein Defizitgeschäft. Wenn wir ein gewinnbringendes Fach wären, könnten wir auch mehr Personal fordern." Im Haunerschen steht seit Jahren sogar eine ganze Station leer, weil Krankenpfleger fehlen.

Dabei hat Marion Kiechle (CSU), einstige bayerische Wissenschaftsministerin, im April 2018 versprochen, den Personalmangel anzugehen, nachdem die SZ über die Missstände im Haunerschen berichtet hatte. "Es hat sich seitdem nichts getan", sagt Hoffmann. Vergangenen Winter habe sich die Situation sogar noch verschlechtert. "Alle Kliniken hatten ständig ihre Notaufnahmen abgemeldet." Und der Kinderarzt blickt besorgt auf den nächsten Winter. "Dann werden wir wieder jeden Tag Kinder aus der Stadt wegschicken müssen. Wir steuern auf eine Katastrophe zu." Für die Patienten bedeuten die Transporte in andere Kliniken eine Belastung und ein zusätzliches Risiko. Und sie binden Personal. Nicht nur Rettungssanitäter fahren bis nach Traunstein und zurück, sondern oft muss auch noch ein Arzt das kranke Kind begleiten. Personal, das dringend in den Kliniken gebraucht wird.

© SZ vom 20.09.2019/syn
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