„Bumm, zack, bumm, ich hau’ den Jäger um!“, röhrt der Hirschkäfer. Dieser etwas präpotente, aber ziemlich mutige kleine Waldgenosse mit klaren Ansagen hat es den Konzertbesuchern in der Isarphilharmonie am Samstagnachmittag besonders angetan. Manche nicken mit dem Kopf, andere grooven, viele lachen. Klar, das Identifikationspotenzial der Kinder ist groß mit dem kleinsten der Waldbewohner, der sich aber aus seiner geringen Größe überhaupt nichts macht, ganz im Gegenteil. Und der Song, den Komponist Gerd Baumann hier in die Musik von Leoš Janáček hineingeflochten hat, klingt mehr nach einem Kinderliederkonzert als nach Symphonieorchester.
Dabei hört man hier durchaus die obere Riege der Klassikwelt. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter seinem Chefdirigenten Simon Rattle, in voller Größe besetzt, inklusive Celesta und Harfe. Es ist ein Familienkonzert, das das Orchester in Kooperation mit dem SZ-Hilfswerk Gute Werke veranstaltet. Auf dem Programm steht Musik aus Leoš Janáčeks „Das Schlaue Füchslein“, eine Oper, entstanden in den frühen 1920er-Jahren, basierend auf der Geschichte einer vom Förster gefangen Füchsin, deren Schicksal sich als Fabel in der Menschenwelt spiegelt.
Einfach ist diese Musik aber nicht. Janáček fühlt in die Moderne hinein, da werden Harmonien gebrochen, das kippt ins Schräge, ins Vereinzelte, das ist kein Papageno zum Mitsummen. Aber Kindern ist so etwas ja oft eher egal als den Erwachsenen, auch weil sie eine gute Portion weniger Grunderwartung und Vorurteil mitbringen. Und dahingehend sind sie eigentlich ein ideales Konzertpublikum.
Die Geschichte, die Autorin Katharina Neuschaefer ganz lose auf der Oper basierend geschrieben hat, holt die Kinder dann ziemlich gut ab. Hier geht es nicht um verborgene Begierden, sondern für die Kinder wird ganz direkt erzählt: Der Jäger kommt in den Wald, begleitet von seinem brutal kläffenden Jagdhund. Sie bringen erst mal ein Dachskind um und bedrohen die Füchse in ihrem Bau. Die Tiere, angeführt von der schlauen und besonnenen Füchsin, beschließen, etwas gegen die Bedrohung zu unternehmen.


„Wir sind keine Opfer“, sagt die Füchsin, später drehen sich die Überlegungen der Waldbewohner dann auch um ganz aktuelle Dilemmata wie etwa Pazifismus versus Selbstverteidigung. Sprecherin Mona Vojacek Koper trägt die Geschichte mitnehmend vor.
Dramatisch wird es, wenn eine Projektion den zähnefletschenden Jägerhund zeigt, der in den Fuchsbau hineindrängt. Sowieso geben diese Zeichnungen von Jörg Mühle gerade so viel Bild, dass es für das junge Publikum nicht zu abstrakt wird, aber gleichzeitig wenig genug, dass die Musik die eigentliche Kraft bleiben kann, die die Erzählung lebendig werden lässt. Und da hat diese Musik auf jeden Fall Potenzial: trippelnde Geigen, dramatische Bratschen und eine Schüsse durch den Saal schickende Snare-Drum.
Ein Grundraunen begleitet das Konzert ebenso wie Gummibärchentüten-Geraschel. „Ich hab’ Durst“ hört man genauso wie laute Zustimmung für den mutigen Hirschkäfer. Ein bisschen ähnelt das Kinderpublikum auch dem erwachsenen Theaterpublikum vor zwei Jahrhunderten. Da ging es nämlich, so heißt es zumindest, auch noch nicht ganz so heilig zu in den Sälen wie heute. Im Parkett herrschte vielmehr gesellschaftlicher Austausch, bis dann eben das Stück so fesselt, das keiner mehr Lust auf den neuesten Klatsch hat. Oder eben der Durst und die Gummibärchen nicht mehr ganz so dringend sind.


Dieser Punkt ist in der Isarphilharmonie an einem herrlich musikmagischen Moment erreicht: Das „Wunder“ kündigt sich an, durch ein Thema der Kontrabässe, sehr schön sind Text und Musik hier abgestimmt. Warm umfassen die Bässe die Worte.
Simon Rattle dirigiert wie immer selig. Und dann taucht in der Geschichte ein weißes Rehkitz auf, umgeben von einem eigenartigen Glanz. Und die Musik beginnt zu glühen, innerlich aus der Mittellage, in die die höheren Streicher das Bassthema nun überführt haben. Dass das weiße Rehkitz sowie dessen Unschuld und Reinheit unbedingt zu schützen ist, wird jetzt ganz klar. Für jeden im Saal. Sogar für den Jagdhund in der Geschichte, der bereit ist, sich zu opfern für das Leben des Kitzes.
Am Ende geht das hier gut aus, wohlwollender Applaus der Kinder, der aber irgendwie ja auch sehr ehrlich ist. Ohne übertriebene Bravo-Rufe – so was machen nur die Erwachsenen. Die Kinder meinen das, was sie tun, ernst. Auch das macht dieses Konzert besonders.

