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Corona-Pandemie:Wenn die Gesunden Arbeit machen

Kinderarztpraxen in Niedersachsen

Wenn ein Kind krank war und danach wieder in die Schule oder Kita will, braucht es ein Attest oder einen negativen Corona-Test. Für Ärzte ist das ein großer Aufwand (Symbolbild).

(Foto: dpa)

War ein Kind krank und will danach wieder in Schule oder Kita, braucht es ein Attest oder einen negativen Corona-Test. Für Münchens Kinderärzte ist das ein großer Aufwand.

Von Ekaterina Kel

Ludwig Schmid muss zurzeit viele E-Mails beantworten. Auch das Telefon klingelt deutlich öfter, seit die neuesten Rahmen-Hygienepläne für Schul- und Kitakinder bekannt sind, wie er erzählt. Schmid ist Kinder- und Jugendarzt in einer Gemeinschaftspraxis im Münchner Süden. Normalerweise kümmert er sich um kranke Kinder. Doch nun muss er auch immer mehr gesunde Kinder versorgen. Die Eltern schreiben und rufen an, fragen nach Attesten. Denn war ihr Kind krank und hat sich erholt, kann es erst dann wieder in die Schule, wenn es 24 Stunden lang symptomfrei ist und ein Attest oder einen negativen Corona-Test vorlegt.

So verlangt es die Staatsregierung. Ob ein Attest ausreicht oder ob getestet werden muss, das sollen die Ärzte nach eigenem Ermessen entscheiden. Ist der Test negativ, können sie bestätigen, dass das Kind zum Zeitpunkt des Abstrichs negativ war. So will man im Idealfall die Ausbreitung des Virus eindämmen. Für den Kinderarzt Schmid ist das aber das Gegenteil von einem Idealfall: "Wir sollen garantieren, dass das Kind frei von Ansteckungsgefahr ist. Da kommt man als Arzt in Schwierigkeiten." Deshalb hat er eine Formulierung für die Atteste gefunden, die er vertreten kann: Er schreibt, dass das Kind am Tag des Praxisbesuchs gesund und "frei von sichtbaren Krankheiten" sei.

Warum diese Vorsicht? Selbst wenn das Kind keine Symptome habe und sich gut fühle und selbst wenn man einen Abstrich mache und ein negatives Ergebnis bekomme, sei das nicht gleichbedeutend mit "zu 100 Prozent frei von Covid-19", erklärt Schmid. Philipp Schoof, Sprecher des Bayerischen Kinder- und Jugendarztverbands für München bringt es auf den Punkt: "Kein Arzt der Welt kann garantieren, dass ein Kind kein Covid-19 hat." Zumal es sich in der Zeit zwischen Abstrich und Testergebnis unbemerkt anstecken könnte, so Schoof. Die aktuelle Regelung nennt er deshalb "Augenwischerei".

Sie belastet zudem die Praxen, Schmid berichtet von einem "deutlich größeren Aufwand". Fast täglich müssten er und seine Kollegen neue Bestimmungen und Vorschriften umsetzen, da gehe viel Zeit drauf. Zugleich müssen die üblichen Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen weitergehen, müssen die wirklich kranken Kinder versorgt werden. "Wir schauen, dass wir die restlichen Dinge auch bewältigen können", sagt Schmid. Karl Kugler, der eine Praxis in Schwabing hat, berichtet: "Wir sind bereits sehr ausgelastet." Und jetzt müssten auch noch Kinder "gesundgeschrieben werden".

Es brauche nur ein paar Tage Regen, dann gehe es wieder los mit den Infekten. Das werde für die Praxen eine "Belastung, die kaum zu bewältigen ist". Schließlich müsse man streng genommen jedes Kind erst untersuchen, bevor man ihm ein Attest ausstellen kann. Kugler warnt: "Das kann sich zu einer mittelschweren Katastrophe auswachsen."

Seit gut zwei Wochen ist die neue Verordnung der Regierung in Kraft, seitdem muss der Kinder- und Jugendarzt Ludwig Schmid viele Telefonate und Mails von Eltern beantworten.

(Foto: Gino Dambrowski)

Schon im Sommer haben erste Pläne des Ministeriums, wie man mit erkälteten Kindern umgehen soll, bei Eltern und Kinderärzten viel Unmut ausgelöst. Daher rührt auch die jetzige Formulierung, dass Kinder mit "leichten, nicht fortschreitenden" Symptomen wie einem typischen Herbst-Schnupfen weiterhin in Schule oder Kita kommen dürfen.

Mit der nächsten Corona-Welle kam aber auch die nächste Welle von staatlichen Verordnungen: Am 6., 13. und 16. November kamen immer wieder Fassungen heraus, mal für Schulen, mal für Kitas. Verbandssprecher Schoof kritisiert scharf, dass diese Verordnungen im schnellen Wechsel geändert werden. Es sei schier nicht mehr nachvollziehbar, sagt er. Die größten Leidtragenden seien wieder die überforderten Eltern und Kinder. "Wir brauchen jetzt endlich praktikable Lösungen", fordert er.

Der Vorsitzende des Ärztlichen Kreis- und Bezirksverbands München, Christoph Emminger, zeigt sich zurückhaltender: "Grundsätzlich ist diese Vorgabe richtig", sagt er. Man befinde sich nun mal in einer "extremen Ausnahmesituation". Und er habe durchaus die Sorge, dass Kinder ohne Symptome die Krankheit weiterverbreiten könnten. Aus seiner Sicht scheitere die aktuelle Regelung jedoch "an der Realität und an der praktischen Durchführung". Auch Martina von Poblotzki, Kinderärztin in Sendling, sieht durchaus Vorteile in der neuesten Verordnung.

Die Angst vor virenschleudernden Kindern sei unverhältnismäßig

Sie legt sie streng aus: Bei ihr gibt es grundsätzlich nur ein Attest, wenn das Kind negativ getestet wurde. "Ich war zuerst skeptisch. Aber ich habe seit dieser Zeit mehrere positiv getestete Schüler gehabt, die fast keine Symptome hatten." Man müsse die Pandemie ernst nehmen, fordert von Poblotzki. Und wem der normale PCR-Corona-Test zu lange dauert, könne bei ihr kostenpflichtig einen Antigen-Schnelltest machen lassen.

Klar, das gehe schneller. Aber da müssten die Eltern schon mit Kosten von 40 bis 50 Euro rechnen, sagt Schoof. Ist der ganze Aufwand wirklich sinnvoll, wenn ein Kind gerade krank war und wieder gesund ist? Es könnte sich ja auch in der Praxis etwas einfangen oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln auf dem Weg dorthin. Und selbst wenn es sich doch das Coronavirus eingefangen hatte, ist das Kind zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich nicht mehr ansteckend - nach allem, was bis jetzt über das Virus bekannt ist.

"Gefährlich ist der, der noch keine Symptome hat, aber das Virus schon massiv ausscheidet", sagt Schoof. "Und genau den erwischen wir nicht. Das ist eine Schwachstelle." Die Angst vor virenschleudernden Kindern sei ohnehin unverhältnismäßig, sagt Kugler. Die Schulen seien nicht die Infektionstreiber, das belegten aktuelle Daten. Man müsse die Kinder "aus der Schusslinie nehmen". Erst vergangenen Donnerstag sagte Lothar Wieler, der Präsident des Robert-Koch-Instituts, dass Inzidenzen bei Kindern unter zwölf Jahren niedriger seien als in anderen Altersgruppen.

Schoof macht das Problem an anderer Stelle aus: Solange die Eltern den Druck spürten, schnell wieder zur Arbeit gehen zu müssen, werde es weiterhin solche Hürden geben. Das Kind werde manchmal zu früh, "notfalls mit Ibuprofentropfen gedopt", für das Attest zum Arzt geschickt, sagt Schoof - damit es wieder zur Schule kann und die Eltern in die Arbeit. Und die Verantwortung werde letztlich auf den Arzt abgewälzt. Wirklich helfen könne nur, wenn das Kind so lange zu Hause bleibe, bis es wirklich wieder auskuriert ist, sagt Schoof. Aber dafür brauche es wohl mehr Kinderkrankentage.

© SZ vom 23.11.2020/amm/van
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