SchulsportWie Ganztagsklassen in Bewegung kommen sollen

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Sport am Nachmittag: In den Ganztagsklassen der Grundschule Lochham wird viel Wert auf Bewegung gelegt.
Sport am Nachmittag: In den Ganztagsklassen der Grundschule Lochham wird viel Wert auf Bewegung gelegt. Catherina Hess

Drei Viertel aller Kinder bewegen sich zu wenig, 40 Prozent treiben offenbar gar keinen Sport mehr. Eine Initiative will das ändern – mit Extra-Sportstunden in Kitas und Grundschulen.

Von Joachim Mölter

Zum Sport gehört, dass man sich manchmal verrenken muss; Finger- und Fußspitzen bei durchgestreckten Beinen zusammenzubringen, ist da noch eine der leichteren Übungen. Susanne Holzmüller und Andreas Krumpholz recken und strecken sich gerade, um zwei weiter auseinander liegende Dinge zusammenzubringen: die nahe und die ferne Zukunft.

Die nahe Zukunft, das ist der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder, der vom Schuljahr 2026/27 an bundesweit gilt. Die ferne Zukunft, das sind die Olympischen Sommerspiele 2040 oder 2044, für die sich die Stadt München bewerben will, mit Unterstützung des Freistaats Bayern. Die Sportler-Generation, die Deutschland bei den möglichen Heimspielen repräsentieren soll, sitzt zum größten Teil gerade noch in Grundschulen oder Kitas.

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Genau das ist das Problem: Sie sitzt. „75 Prozent der Kinder bewegen sich zu wenig“, weiß Krumpholz aus etlichen Studien; seit der Corona-Pandemie treiben 40 Prozent gar keinen Sport mehr. Genau da wollen er und Holzmüller ansetzen mit ihrer im März 2023 gegründeten Organisation „Ganztag in Bewegung“ (GiB), einer gemeinnützigen GmbH. Sie finden, man sollte die zusätzliche Zeit nutzen, die Kinder künftig im Ganztagsunterricht verbringen müssen, um Finger- und Fußspitzen wieder zusammenzubringen. „Wir müssen dafür sorgen, dass sich die Kinder bewegen“, sagt Krumpholz.

Aktuell tun sie das schon in 22 Bildungseinrichtungen, 18 Schulen und vier Kitas, in Stadt und Landkreis München sowie in den Landkreisen Fürstenfeldbruck und Starnberg. Dort kommen rund 600 Kinder nachmittags in den Genuss von jeweils zwei Sportstunden pro Woche. Das Angebot kommt so gut an, dass die aktuellen Partner es für nächstes Schuljahr erneut gebucht haben – und weitere Einrichtungen bereits angefragt haben. Bei GiB rechnen sie damit, im nächsten Schuljahr schon 850 Kinder in Bewegung zu bringen. „Das Modell funktioniert an 22 Schulen“, sagt Krumpholz, „es kann aber auch an 200 funktionieren.“ Damit könnte seine Gesellschaft ganz München und seine 120 Grundschulen abdecken.

„75 Prozent der Kinder bewegen sich zu wenig“: Andreas Krumpholz will das mit seiner Initiative „Ganztag in Bewegung“ ändern.
„75 Prozent der Kinder bewegen sich zu wenig“: Andreas Krumpholz will das mit seiner Initiative „Ganztag in Bewegung“ ändern. Robert Haas

Das Modell von GiB sieht so aus, Kitas und Schulen qualifizierte Trainerinnen oder Trainer für Sportstunden zur Verfügung zu stellen, gegen Bezahlung natürlich. Die Fachkräfte – aktuell sechs, demnächst acht – sind bei GiB angestellt, auf Honorarbasis, aber auch fest; sie erhalten so eine berufliche Perspektive jenseits von Fitnessstudios. Die Gesellschaft finanziert ihren Betrieb aus diversen Quellen: Zuwendungen von Stiftungen und Sponsoren, Elternbeiträge, Schulmittel, Fördergelder für Sozialarbeit. Geschäftsführerin Holzmüller hofft, künftig stärker von zusätzlichen freien Mitteln für die offene Ganztagsbetreuung zu profitieren. Bedarf der Schulen sei jedenfalls da: „Wir könnten zwischen 14 und 16 Uhr zwanzig Trainer einsetzen.“

Die von den Schulen nachgefragten Zeiten am Nachmittag sind der Hauptgrund, warum Kooperationen mit Sportvereinen nur in Ausnahmefällen klappen. „Wie sollen die Ehrenamtlichen regelmäßig tagsüber in Schulen gehen und Sportstunden halten?“, fragt Krumpholz.

„Wir könnten zwischen 14 und 16 Uhr zwanzigTrainer einsetzen“: Susanne Holzmüller organisiert die Sport-Partnerschaft mit Schulen und Kitas.
„Wir könnten zwischen 14 und 16 Uhr zwanzigTrainer einsetzen“: Susanne Holzmüller organisiert die Sport-Partnerschaft mit Schulen und Kitas. Catherina Hess

Die beiden GiB-Geschäftsführer müssen es wissen, sie hatten es zuvor versucht unter dem Dach des TSV Gräfelfing, wo Krumpholz lange die Leichtathletik-Abteilung leitete und Holzmüllers Sohn aktiv war. Aber nachdem sie 2020 die ersten Schulprojekte gestartet hatten, merkten sie schnell, dass ihrem Verein der organisatorische Aufwand und das finanzielle Risiko zu groß waren. „Man braucht andere Strukturen, muss sich professioneller organisieren“, hat Holzmüller gelernt. Also gründeten sie die GiB gGmbH: Mit der könne man eigenständiger arbeiten und verlässliche Partnerschaften bieten.

Das nötige Know-how hat sich Andreas Krumpholz dabei in Berlin geholt, wo der Basketballklub Alba ein bundesweites Projekt namens „Sport vernetzt“ initiiert hat. Die Idee dahinter ist, Kinder disziplinübergreifend für Sport und Bewegung zu begeistern und somit die Basis für einen langfristig gesunden, aktiven Lebensstil zu legen. Auch Krumpholz geht es nicht darum, unter Tausenden von Kindern das eine zu finden, aus dem ein Olympia-Teilnehmer werden könnte. Sondern um die Masse derer, für die Sport eher soziale Teilhabe und lebenslange Freude sein kann. „Dafür wollen wir die Weichen so früh wie möglich stellen, sind deshalb auch schon in Kitas“, sagt er.

Um in München weiter zu expandieren, sind die GiB-Geschäftsführer gerade in Gesprächen; gerade zu Vertretern der Bildungslokale in einkommensschwächeren Stadtteilen habe man ein „extrem gutes Verhältnis“, sagt Krumpholz. Langfristig schwebt ihm vor, alle Ganztagsschulen in sozialen Brennpunkten zu erreichen. Er findet, wenn die Stadt München schon viel Geld für eine Olympia-Bewerbung ausgebe, könne sie auch etwas investieren in die Kinder-Bewegung.

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