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Fehlender Schwimmunterricht:"Die Gefahr, dass diese Kinder ertrinken, ist natürlich deutlich gestiegen"

Schwimmunterricht

Schon vor Corona waren laut einer Umfrage rund 60 Prozent der Kinder in Deutschland nach der Grundschule nicht sicher im Wasser.

(Foto: Sina Schuldt/dpa)

Wegen der Pandemie können Sportvereine und die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft über viele Monate hinweg keine Schwimmkurse anbieten. Die Schulen allein werden es kaum schaffen, die verlorene Zeit aufzuholen.

Von Julian Limmer

Gerlinde Maute will zurück an den Beckenrand, wieder Kinder trainieren, sie schwimmen und kraulen sehen. "Ich würde mit ihnen sogar in einen See hüpfen", sagt die 57- jährige Schwimmtrainerin des Münchner "Männer-Schwimm-Vereins". Doch noch muss sie warten, noch kann kein Training stattfinden.

Die Freibäder in München haben zwar seit dem 21. Mai wieder für Gäste geöffnet, doch Vereine können dort bislang keine Wasserflächen für ihre Mitglieder mieten. Vorwiegend trainieren sie in den Becken von Schulschwimmbädern - doch dort sind Trainings bislang nur für Wettkampf- und Kadersport erlaubt. Es seien ihrem Verein zwar Trainingszeiten versprochen worden, sagt Maute, doch bisher dürfen nur Kurse für Anfänger stattfinden. Beim Münchner Schwimmverein seien das sehr wenige, sagt Maute. Alle anderen Mitglieder muss sie vorerst weiter vertrösten - seit mehr als einem Jahr schon. Im vergangenen Oktober liefen die Trainings zwar für kurze Zeit wieder an, doch schon einen Monat später, am 2. November, wurden sie wegen steigender Inzidenzzahlen erneut unterbrochen - bis heute.

Maute, die auch für die Geschäftsstelle des Vereins zuständig ist, stellt die Pandemie vor große Planungsschwierigkeiten: Wie viele Trainer werden künftig noch zur Verfügung stehen? Wie sollen Trainings ohne Körperkontakt aussehen? Und wie viele Teilnehmer dürfen überhaupt noch bei all den Hygiene- und Abstandsregeln dabei sein? Fragen, auf die Maute noch keine Antwort weiß.

Den Frust der Mitglieder über die Ungewissheit bekomme sie laufend zu spüren. Viele kündigten, manche zahlten keine Beiträge mehr, drohten mit Rechtsanwälten oder forderten ihre Beiträge zurück. Seit Beginn der Krise hätte der Männer-Schwimm-Verein rund 300 der über 1100 Mitglieder verloren. Das zusätzliche Problem: Es kommen derzeit auch keine Neumitglieder nach. Eine Situation, von der mehrere der 36 Schwimmvereine in München auf Nachfrage berichten. Darunter leidet vor allem die Nachwuchsarbeit.

"Es wird ein bis zwei Jahre dauern, bis in den Vereinen wieder das Leistungsniveau aus der Zeit vor Corona erreicht sein wird", schätzt Michael Hahn, der an der Technische Universität München für den Fachbereich Schwimmen zuständig ist. Doch nicht nur die Vereinsarbeit sei betroffen: "Der Großteil eines ganzen Jahrgangs von Kindern kommt jetzt an die Grundschulen, ohne richtig schwimmen zu können. Die Lehrer können das erst mal gar nicht kompensieren", befürchtet Hahn.

Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), die selbst Schwimmkurse für Kinder anbietet, schätzt, dass allein in Bayern aufgrund der Corona-Pandemie mehr als 100 000 Kinder keine Schwimmkurse besuchen konnten. Bereits vor der Corona-Krise stellte die DLRG in einer Umfrage im Jahr 2017 fest, dass rund 60 Prozent der befragten Kinder in Deutschland nach der Grundschule nicht sicher im Wasser waren - das heißt, dass sie die Anforderung für ein Bronze-Schwimmabzeichen nicht erfüllten. Diese Defizite hätten sich nun während der Pandemie noch verstärkt, so die DLRG.

Ein Risiko, vor dem auch Nils Neumann von der DLRG München-Mitte warnt: "Die Gefahr, dass diese Kinder ertrinken, ist natürlich deutlich gestiegen", sagt Neumann. Allein in Bayern ertrinken jährlich rund 90 Menschen. Neumann appelliert nun an die Eltern, dass sie vor allem an Baggerseen oder ihm Urlaub besonders aufpassen, wenn ihre Kinder ins Wasser gehen.

Dieses Defizit lasse sich nicht einfach beheben, sagt Neumann. Die Stadt München erlaubt zwar seit dem 17. Mai wieder bei einer stabilen Inzidenz unter 100 Schwimmkurse in Schulschwimmhallen - doch auch wenn die Kurse langsam wieder anlaufen, rechnet Neumann mit einem erheblichen Rückstau: "Wir werden in eine Situation kommen, wo ganz viele Kinder schwimmen lernen möchten, wir aber gleichzeitig nur auf einem ganz niedrigen Niveau starten können." Hygiene- und Abstandsregeln erschwerten eine Rückkehr zu den Kurskapazitäten wie vor der Krise. Allein bei ihm meldeten sich rund sechs bis sieben Eltern pro Woche, die ihre Kinder anmelden möchten. Er müsse die Ambitionen vorerst dämpfen, sagt er, weil der DLRG München-Mitte momentan noch keine geeigneten Becken zur Verfügung stehen. Schwimmkurse in Freibädern oder Seen hält Neumann nur für bedingt geeignet, um kleinen Kindern das Schwimmen beizubringen - das Wasser sei einfach zu kalt.

Die FDP Bayernpartei Stadtratsfraktion in München hat daher einen Antrag gestellt, dass das Referat für Bildung und Sport ein Konzept erarbeiten solle, wie der ausgefallene Schwimmunterricht für die Grundschulkinder nachgeholt werden könne. So sollen etwa Intensivkurse für Kinder angeboten werden, die bisher noch gar nicht schwimmen können. Normaler Sportunterricht solle dann auch teilweise in Schwimmunterricht umgewandelt werden. Über den Antrag soll am 16. Juni abgestimmt werden.

Gerlinde Maute vom Männer-Schwimm-Verein muss vorerst weiter warten. Sie hofft nun, bei weiter sinkenden Inzidenz-Werten zumindest mit kleinen Gruppen bald wieder im Freibad trainieren zu dürfen. Alle Eltern müssten dann ihre Kinder vorab selbständig online bei den Bädern anmelden, doch Maute nähme das in Kauf, sagt sie. "Ich will die Kinder nach so langer Zeit einfach wieder schwimmen sehen."

© SZ vom 01.06.2021/syn, van
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