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Polizei in München:"Die Kinder fahren schlechter Rad als früher"

Fahrradsaison

Viele Kinder fahren mit dem Rad zur Schule. Dabei kommt es häufig zu Unfällen, von denen man viele mit ein paar Vorsichtsmaßnahmen verhindern könnte.

(Foto: dpa)
  • Immer wieder sind Schulkinder in schwere Radunfälle verwickelt.
  • Die Polizei führt dies auch auf mangelnde Kenntnisse der Kinder zurück.
  • Doch die Unfälle haben auch andere Ursachen - gegen sie soll nun vorgegangen werden.

Zwei Monate ist es nun her, da starb ein elfjähriger Junge nach einem Verkehrsunfall an der Corneliusstraße. Er war mit dem Rad unterwegs, auf dem Heimweg von der Schule, als ihn ein Lastwagenfahrer übersah. Ein Jahr zuvor starb eine Neunjährige auf dem Schulweg. Auch sie wurde von einem Lkw-Fahrer nicht rechtzeitig bemerkt, der rechts abbiegen wollte. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 122 Kinder auf dem Schulweg verletzt - deutlich mehr als im Jahr zuvor, 2017 waren es noch 86 Schüler.

Im vergangenen Jahr waren besonders häufig Kinder auf dem Fahrrad in Schulwegunfälle verwickelt. Auch wenn der Radverkehr zugenommen hat und es insgesamt mehr Radunfälle gab - bei den Schülern nahm die Zahl noch stärker zu. Warum, das wisse auch die Polizei nicht so genau, gibt Michael Reisch aus der Verkehrsabteilung zu. Klar ist nur, dass statistisch vor allem die Schüler der unteren Klassen der weiterführenden Schulen betroffen sind, also Fünft- bis Achtklässler.

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"Auffällig ist, dass die Schüler die Verkehrswege falsch benutzen", sagt Reisch. Also beispielsweise mit dem Rad auf dem Gehweg oder in falscher Richtung auf dem Radweg fahren. Und noch etwas stellen die Polizisten immer wieder fest: "Die Kinder fahren schlechter Rad als früher." Er besuchte selbst jahrelang Grundschulen für die Verkehrserziehung, nahm den Viertklässlern die Radfahrprüfung ab, sagt Reisch. Seine Kollegen und er müssten zunehmend feststellen: "Die Eltern kümmern sich weniger darum, und auch der Bewegungsmangel ist ein Problem."

Die Zahl der Schulwegunfälle ist gestiegen - kann die Stadt den Eltern trotzdem guten Gewissens raten, ihre Kinder selbständig zur Schule zu schicken? "Ja", sagt Johannes Mayer vom Kreisverwaltungsreferat (KVR), das für die Verkehrssicherheit zuständig ist. "Das richtige Verhalten im Straßenverkehr lernt man nur, wenn man aktiv daran teilnimmt." Auch der Polizist Reisch ist überzeugt: "Es ist nicht grundsätzlich gefährlich." Man müsse sich den konkreten Weg ansehen und es hänge davon ab, wie zuverlässig ein Kind sei. Wichtig sei, dass die Eltern beim Wechsel auf eine weiterführende Schule noch einmal ein Schulwegtraining mit ihren Kindern machen, sagt Reisch. "Das liegt in der Verantwortung der Eltern." Sie müssten den Weg mit ihren Kindern üben, sie auf gefährliche Stellen aufmerksam machen, überlegen, wo ein Umweg angebracht ist. Das Kind mit dem Auto zu fahren, ist weder für Mayer noch für Reisch eine gute Lösung. "Wir lehnen Elterntaxis ab", betont Reisch. Denn wenn Eltern ihre Kinder zur Schule bringen, würden soziale Kontakte und die Verkehrskompetenz vernachlässigt.

Eine Idee, den Schulweg mit dem Rad sicherer zu machen, sind Radverkehrspläne. Bislang gibt es solche Schulwegpläne nur für die Grundschulen. Mitarbeiter des KVR erstellen sie und zeichnen die empfohlenen Laufwege ein. In Zukunft soll es solche Pläne auch für weiterführende Schulen geben - und zwar für diejenigen Schulen, bei denen die Unfallzahlen besonders stark gestiegen sind.

Der Stadtrat verfolgt eine "Vision Zero"

Verkehrssicherheit ist ein großes Thema in einer Stadt, die sich im April 2018 selbst das Ziel gesetzt hat, keine Verkehrstoten oder Schwerverletzten mehr zu haben. "Vision Zero" nennt der Stadtrat dieses Ziel - erreicht ist es noch lange nicht. Könne es auch nicht, heißt es aus dem KVR, die Wirkung des Maßnahmenprogramms sei eine systemverändernde und langfristige.

Zum Beispiel soll der Stadtrat in Kürze acht neue Stellen beschließen, darunter jeweils eine für Schulwegsicherheit und zur Weiterentwicklung von Schulwegplänen. Eine weitere Maßnahme sind die sogenannten Trixie-Spiegel. Sie sollen helfen, schwere Unfälle beim Rechtsabbiegen zu verhindern. Derzeit laufe eine Ausschreibung, erklärt KVR-Sprecher Mayer. Die Stadt sucht einen Gutachter, mit dem sie dann die Standorte für 100 Spiegel bestimmt. Diese sollen "sobald wie möglich" angebracht werden. An der Kreuzung an der Corneliusbrücke, wo im Mai der tödliche Unfall passierte, wird gerade gebaut. Bis September werden hier noch Erdgasleitungen verlegt, das sei lange geplant gewesen, sagt Mayer. Die Unfallkommission hatte nach dem Tod des Jungen mehrere Maßnahmen beschlossen, wie die Kreuzung sicherer werden soll. Einige wurden umgesetzt, weitere sollen folgen, wenn die Baustelle verschwunden ist. Zum Beispiel werden die Wege für Radfahrer rot gefärbt, eine Haltelinie für den Verkehr auf der Corneliusbrücke wurde nach hinten versetzt, Radfahrer sollen so besser sichtbar sein.

Auch die Eltern spielen eine wichtige Rolle bei der Verkehrserziehung. Sie sind es, die mit den Kindern den Schulweg üben sollten. Und sie bringen den Kleinen das Fahrradfahren und das richtige Verhalten im Straßenverkehr bei. Das betont Schulleiterin Susanne Löffler von der Grundschule an der Führichstraße. Zwar werde in der Schule immer wieder über das Thema Sicherheit im Verkehr gesprochen, das könne das Training mit den Eltern aber keinesfalls ersetzen. "Die Schule kann einen Beitrag leisten, aber die Hauptverantwortung liegt bei den Eltern", sagt Löffler.

Das Fahrradfahren zum Beispiel üben sie in der zweiten und dritten Klasse auch mal auf dem Schulhof. Das allein reiche aber nicht aus, damit die Kinder in der vierten Klasse die Fahrradprüfung bestehen. "An einer Schule wie dieser fallen viele Kinder durch die Fahrradprüfung", berichtet die Schulleiterin. Aber natürlich könne keiner die Kinder später daran hindern, trotzdem auf ihr Fahrrad zu steigen und loszuradeln.

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