Sascha Gröhl lacht, bevor er zu seiner Dankesrede ansetzt. Der Regisseur wurde für seine Doku-Serie „Herbstresidenz“ ausgezeichnet, in der eine Gruppe junger Menschen mit Behinderung als Auszubildende in einem Pflegeheim eingestellt wird. „Ich bin eigentlich evangelisch und bekomme den katholischen Medienpreis. Und gleich hält ein Jude eine Laudatio“, sagt Gröhl. „Es gab Zeiten, da wäre das eine Schlagzeile gewesen.“
Auch heute ist die interreligiöse Harmonie nicht unbedingt selbstverständlich. Publizist Michel Friedman – der Jude, der die Laudatio auf den Hauptpreisträger Volker Heise halten soll – wurde kürzlich nach Klütz in Mecklenburg-Vorpommern eingeladen, um im dortigen Literaturhaus aus seinem Buch „Mensch! – Liebeserklärung eines verzweifelten Demokraten“ zu lesen. Dann aber wurde er wieder ausgeladen, wohl aus Sorge vor antisemitischen Protesten von rechtsextremer Seite. Friedman kam trotzdem nach Klütz, zu einer von der Autorenvereinigung PEN organisierten Protestveranstaltung.
Auch nach München ist er gekommen. Die Geschehnisse beschäftigen ihn aber nicht mehr allzu sehr, wie er vor der Preisverleihung im Künstlerhaus am Stachus sagt. „Klütz haben wir abgearbeitet.“ Für ihn sei wichtig, „dass die Vertreter der Religionen zeigen, dass es ein Miteinander ist“. Auch deshalb habe er zugesagt: Er wolle ein Zeichen für dieses Miteinander setzen.
Zudem verbindet Friedman eine lange Freundschaft mit Reinhard Kardinal Marx, Vorsitzender der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, die den Preis verleiht. „Wenn er mich ruft, bin ich gerne da.“ Ein Jude auf einer katholischen Veranstaltung, das sei noch vor ein paar Jahren nicht selbstverständlich gewesen, sagt Friedman und blickt zu Marx, der sich eben auf einen freien Stuhl neben ihn gesetzt hat. Der nickt zustimmend und stößt sein Sektglas an das seines Gastes.

Zu der Verleihung eingeladen worden zu sein, stimme ihn hoffnungsvoll, so Friedman. Eine solche Veranstaltung zeige das Miteinander, das ihm so wichtig ist. Mit dem Preis werde Journalismus ausgezeichnet, der Hoffnung mache, sagt Kardinal Marx. Die Beiträge seien aber auch kritisch, zeigten Missstände auf und öffneten Augen.
So wie der Hauptpreis: In seinem ARD-Dokumentarfilm „Masterplan – Das Potsdamer Treffen und seine Folgen“ rekonstruiert Regisseur Volker Heise die Recherchen des Investigativteams vom Recherchenetzwerk Correctiv, die Anfang 2024 eine Konferenz aufdeckten, an der unter anderen Rechtsextremisten und AfD-Funktionäre beteiligt waren. Nachdem durch den Bericht die dort besprochenen Fantasien von einer massenhaften Zwangsausweisung von Menschen mit Migrationshintergrund bekannt geworden waren, demonstrierten bundesweit Hunderttausende.
„Können wir uns garantieren, dass in fünf bis zehn Jahren unser Land noch demokratisch ist?“, fragt Friedman in seiner Laudatio. Lange herrscht Stille im Saal. Wenn man Heises Film sehe, komme man um diese Frage nicht herum. Die Correctiv-Recherche sei „großartiger Journalismus, mutig, frei und unbequem“. Sie habe geschichtliche Parallelen zu den 1930er-Jahren vor Augen geführt. Die Protestbewegung, die daraus entstand, verdiene großen Respekt. „Aber dann“, so Friedman, „war es wieder vorbei.“
Michel Friedman ist sichtlich bewegt von der zunehmend demokratiefeindlichen Stimmung im Land
Mit seinem Film halte Heise die Geschehnisse im Gedächtnis – weit über seine Zeit hinaus. Wer ihn gesehen habe, könne nicht behaupten, nichts gewusst zu haben von den Entwicklungen, die die Demokratie bedrohten. „Es wird nicht mehr möglich sein, seine Hände in Unschuld zu waschen“, sagt Friedman.
Heise zeige in seiner Dokumentation die Selbstverständlichkeit, mit der rechtsextremes Gedankengut in der Gesellschaft angekommen sei. „Immer mehr Menschen wählen eine Partei des Hasses“, so Friedman mit Blick auf die AfD. „Wir müssen Widerspruch üben. Sonst kriegen wir Muskelkater vom Demonstrieren und können es nur ein Mal im Jahr tun.“ Ebenso, wie die Feinde der Demokratie für ihren Hass werben, müssten ihre Verteidiger für die Freiheit und das Miteinander einstehen: „mit leuchtenden Augen“.
Man sieht Friedman an, wie sehr ihn die Entwicklungen bewegen. Immer deutlicher werden seine Worte, seine Stimme wird drängender. Am Ende ist er so berührt, dass er versehentlich den Preis mit von der Bühne nimmt. Preisträger Volker Heise sieht es mit Humor, zumal Friedmans Forderungen auch seine sind. Die Recherche für den Film habe zwar Wut und Verzweiflung in ihm ausgelöst. Doch seine Eltern hätten ihm zwei weitere Werte eingeprägt: Nächstenliebe und Vergebung.

