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Segnung von Homosexuellen:"Wir wollen die Gläubigen wachrütteln"

Ehe für alle in Sachsen-Anhalts Kirchen: Segnung ja, Trauung nei

Das Segnungsverbot aus dem Vatikan bezeichnet Renate Spannig von der Initiative Maria 2.0 als Affront. Das sei "sicher nicht im Sinne Jesu", sagt sie.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

An diesem Sonntag können sich homosexuelle Paare in der katholischen Pfarrkirche St. Benedikt segnen lassen - ganz entgegen der offiziellen Linie aus Rom. Renate Spannig von der Initiative Maria 2.0 will mit der Aktion ein Zeichen gegen Ausgrenzung setzen.

Interview von Linus Freymark

Der Umgang mit Betroffenen von sexuellem Missbrauch, dazu das Segnungsverbot gleichgeschlechtlicher Partnerschaften - die katholische Amtskirche sieht sich auf mehreren Ebenen scharfer Kritik ausgesetzt. Die Initiative Maria 2.0 setzt sich für eine fortschrittlichere Kirche ein - unter anderem mit einer ungewöhnlichen Aktion am Sonntag.

SZ: Frau Spannig, gemeinsam mit anderen Initiativen organisieren Sie eine Segnung für homosexuelle Paare - eine Aktion, die, gelinde gesagt, überrascht. Wie kam es dazu?

Renate Spannig: Die Segnung soll eine Veranstaltung für alle liebenden Paare sein. Wir wünschen uns eine positive Sicht der Sexualität als Geschenk Gottes. Wir fordern, dass unsere Kirche eine wertschätzende Haltung und Anerkennung gegenüber selbstbestimmter und achtsamer Sexualität und Partnerschaft zeigt. Da stellt das Segnungsverbot aus dem Vatikan für homosexuelle Menschen einen Affront für uns dar. Dasselbe gilt für den Umgang mit Geschiedenen oder Wiederverheirateten, auch da ist viel Leid entstanden. Ich will so eine Amtskirche nicht mehr, die Menschen diskriminiert und ausgrenzt. Das ist sicher nicht im Sinne Jesu.

Innerhalb der katholischen Kirche dürfte Ihr Vorstoß nicht unbedingt Begeisterung hervorgerufen haben. Wie waren denn die Reaktionen?

Einige von uns, darunter auch ich, haben Hass-Mails von religiösen Fanatikern bekommen. So etwas schüchtert uns aber nicht ein. Wir werden mittlerweile von einer breiten Bevölkerungsschicht wahrgenommen und uns war klar, dass unsere Reformvorschläge nicht überall auf Gegenliebe stoßen werden. Vor allem die Reaktionen der offiziellen Amtsinhaber haben mich enttäuscht. Wir haben beispielsweise mit Kardinal Reinhard Marx gesprochen und ihn um seine Unterstützung für die Segnung am Sonntag gebeten.

Was hat der Kardinal gesagt?

Er meinte, den Segen sollten schon alle Menschen empfangen dürfen, unabhängig davon, wen und wie sie lieben. Gleichzeitig hat er sehr klar durchblicken lassen, dass er gegen die Ehe für alle ist. Das fand ich sehr schade. Er hat uns um Geduld gebeten, aber bei Ungerechtigkeit habe ich keine Geduld.

Renate Spannig, 55, ist Sozialarbeiterin. Nebenbei engagiert sich die gläubige Christin bei Maria 2.0 und fungiert als Sprecherin der Initiative, die sich für mehr Gleichberechtigung in der katholischen Kirche einsetzt.

(Foto: Privat)

Ist die Auffassung des Erzbistums München und Freising denn weit verbreitet unter führenden Klerikern?

Ich würde sagen, das Erzbistum nimmt mit seiner Haltung einen Mittelfeldplatz unter den Bistümern ein. Es gibt fortschrittlichere Bischöfe wie den Würzburger, aber auch deutlich konservativere Bistümer wie Passau und Regensburg. Der dortige Bischof etwa hat sich explizit für den Beschluss aus Rom bedankt, wonach die Kirche nicht befugt sei, gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu segnen.

Eine Haltung, die das Verhältnis der queeren Community zur katholischen Kirche nicht unbedingt verbessert.

Genau. Leider haben wir das auch während der Vorbereitungen für unsere Segnung an diesem Sonntag in St. Benedikt festgestellt. Bisher haben sich erst drei homosexuelle Paare dafür angemeldet. Hinzu kommen einige Interessierte, die sich zwar angemeldet haben, aber ohne ihren Partner oder ihre Partnerin kommen werden, weil diese mit der katholischen Kirche nichts mehr zu tun haben möchten. Man sieht also, dass der Riss, der durch die Diskriminierung und Ausgrenzung seitens der Kirche entstanden ist, auch innerhalb von Partnerschaften verläuft. Ich habe auch Kontakt mit der queeren Gemeinde in München aufgenommen und festgestellt, dass viele in der Öffentlichkeit nicht mehr dazu stehen können, katholisch zu sein.

Für die Segnung muss man sich vorab online anmelden. Geht das denn auch noch kurzfristig?

Natürlich. Aufgrund der Corona-Bedingungen ist der Platz in der Kirche auf 40 Paare beschränkt, die vorherige Anmeldung ist deshalb leider verpflichtend. Ich fände es sehr schön, wenn sich vor allem noch ein paar lesbische oder schwule Paare melden würden, auch wenn der Gottesdienst für alle liebenden Paare gedacht ist.

Glauben Sie denn, dass Sie mit der Segnung tatsächlich einen Beitrag dafür leisten können, dass die katholische Kirche auf die LGBTQI-Community zugeht? Sind die Gräben zwischen beiden Gruppen nicht zu tief?

Durch einen einzelnen Gottesdienst kann man jahrzehnte- beziehungsweise jahrhundertelange Diskriminierung und Verfolgung natürlich nicht vergessen machen. Das gilt nicht nur für Homosexuelle, die Kirche hat auch in anderen Bereichen vieles nachzuholen. Als Beispiele fallen mir da der Umgang mit den Betroffenen von sexuellem Missbrauch oder die Ignoranz gegenüber Frauen ein. Wir wollen die Gläubigen wachrütteln und zeigen, dass es für uns kein "Weiter so" geben wird - trotz oder vielleicht besser wegen unserer Liebe zur Kirche und zu unserem Glauben. Den dürfen wir uns nicht kaputtmachen lassen, nur weil ein paar Kleriker noch immer nicht verstanden haben, dass wir Veränderungen brauchen.

Der Segnungsgottesdienst findet am Sonntag, 9. Mai, um 16.30 Uhr in St. Benedikt (Schrenkstraße 4) statt. Anmeldung im Internet unter www.umfrageonline.com/s/c8924cb

© SZ vom 08.05.2021/lfr
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