Katholische Kirche in München:"Wir sind keine Heiligen"

Ordensgemeinschaft Missionarinnen Christi, 2021

Schwester Maria Stadler gehört seit 1992 den Missionarinnen Christi an, einer Gemeinschaft von Frauen innerhalb der katholischen Kirche. Die 53-Jährige koordiniert das Freiwillige Ordensjahr der Deutschen Ordensobernkonferenz.

(Foto: Robert Haas)

Wer erfahren möchte, wie sich das Leben in einem katholischen Kloster anfühlt, kann ein Freiwilliges Ordensjahr absolvieren. Seitdem es das Angebot gibt, hat in München gerade mal eine einzige Person teilgenommen. Schwester Maria Stadler erklärt, woran das liegt.

Interview von Sophia Oberhuber

Wer nach dem Schulabschluss orientierungslos die Mathebücher abgibt, kann bei einem Freiwilligen Sozialen Jahr erste Erfahrungen im Berufsleben sammeln, beispielsweise in Kindergärten oder beim Rettungsdienst. Das Angebot ist beliebt, 4262 Teilnehmer gab es 2020 bis 2021 in Bayern - trotz Pandemie. Seit zwei Jahren können sich junge Menschen nach der Schule aber auch in eine ganz andere Richtung orientieren - und für eine gewisse Zeit ins Kloster gehen.

Die katholische Kirche hat das Konzept des Freiwilligen Sozialen Jahres adaptiert und ihr eigenes Angebot geschaffen: Während des Freiwilligen Ordensjahres verbringen 18- bis 75-Jährige drei bis zwölf Monate im Kloster - um dort zusammen mit Mönchen oder Nonnen zu beten, zu arbeiten und zu leben. Dem Orden beitreten müssen die Teilnehmer dafür nicht. Dem katholischen Glauben angehören auch nicht. In Österreich bietet die Kirche das Projekt bereits seit knapp fünf Jahren an, Deutschland zog im Juli 2019 nach.

Schwester Maria Stadler ist Mitglied der Missionarinnen Christi in Sendling-Westpark. Mit 24 Jahren ist die heute 53-Jährige der Gemeinschaft beigetreten. Die typische Tracht der Nonnen trägt sie nicht, aus dem geöffneten Fenster ihres Zimmers hängt ein Fan-Schal des FC Bayern. Stadler koordiniert das Freiwillige Ordensjahr für die Deutsche Ordensobernkonferenz. 340 Erstgespräche hat sie bisher mit Interessenten geführt, um Details zu erklären und die richtige Gemeinschaft für den Aufenthalt im Kloster zu finden.

55 Orden stehen deutschlandweit zur Auswahl, zwölf in Bayern, davon vier Klöster in München. Doch die Teilnehmerzahlen halten sich in Grenzen. Lediglich 33 Mal wurde das Angebot seit dessen Einführung vor zwei Jahren in ganz Deutschland wahrgenommen. In München sieht es noch schlechter aus - und das nicht wegen der Corona-Pandemie.

SZ: Frau Stadler, in München hat in zwei Jahren nur eine Person am Freiwilligen Ordensjahr teilgenommen. Ist das Projekt gescheitert?

Maria Stadler: Nein, angelaufen ist es sehr gut. Am Anfang wurden wir mit Anfragen fast überfahren. Jetzt pendelt es sich ein. Aktuell sind es monatlich zwischen acht und zwölf Anfragen für ganz Deutschland.

Wie erklären Sie sich dann die geringe Teilnehmerzahl?

Die Münchner Orden sind keine Klöster, wie es sich viele vorstellen. Teilweise leben dort nur vier oder fünf Schwestern. Gerade, wenn die Teilnehmer älter sind, wollen sie innerhalb des Hauses mitarbeiten. In München ist das aber schwierig. Wir können hier niemanden anstellen, weil wir im Haus keine Arbeit haben. Das geht nur in größeren Klöstern. Viele arbeiten dort dann direkt in der Altenpflege oder in der Hauswirtschaft, zum Beispiel der Küche. Im Garten kann mitgeholfen werden. Manche Orden haben auch einen eigenen Klosterladen.

Nehmen also meist ältere Menschen teil?

Der größte Prozentsatz der Anfragen liegt bei den 60- bis 70-Jährigen. Aber die, die dann tatsächlich teilnehmen, sind vor allem jüngere Leute, also 17- bis 30-Jährige.

Überrascht Sie das?

Ich fand es schon auffällig. Ich denke aber, dass die Nachfrage der Jüngeren wegen Corona gestiegen ist. Ein Auslandsjahr ist nicht möglich. Und da ist das Ordensjahr keine schlechte Alternative. Denn es ist im Grunde wie ein Auslandsaufenthalt. Als Interessent komme ich in eine andere Kultur, die meisten Nonnen und Mönchen sehen anders aus, sprechen eine andere Sprache. Und für uns Ordensmitglieder ist es aber genauso.

Wie meinen Sie das?

Für uns als Gemeinschaft ist es ein Gewinn, wenn jemand von außen reinkommt. Unsere Strukturen weiten sich und werden teilweise aufgebrochen.

Die katholische Kirche hatte in der jüngeren Geschichte mit einigen Skandalen zu kämpfen, die Austrittsraten befinden sich auf einem Allzeithoch. Ist das Ordensjahr ein Projekt, um die Kirche moderner zu machen?

Ich würde nicht sagen, dass die Kirche moderner werden muss. Aber sie muss mit den Menschen sein. Wir werden mit dem Angebot nicht mehr Katholiken oder Getaufte bekommen. Aber es ist ein Weg, der Kirche erlebbar macht. Die Öffnung ist das Ziel. Wenn jemand länger als eine Woche mit uns lebt, dann bekommt derjenige mit, wie wir wirklich sind. Wir sind keine Heiligen. Die Menschen wollen genau das kennenlernen. Sie wollen kennenlernen, wie das alltägliche Leben im Kloster ist.

Strikt?

Es gibt natürlich ganz unterschiedliche Gemeinschaften mit unterschiedlichen Regeln. Manche Orden haben von außen betrachtet mehr Regeln, als wir es hier haben. Zum Beispiel gibt es Orden mit Bereichen, in die außer der Schwestern niemand darf. Wenn ich in diese Gemeinschaft gehe, dann muss ich das auch akzeptieren und darf niemanden mit in mein Zimmer nehmen. Es gibt auch Schweigeorden ohne Telefon und Radio. Entscheide ich mich dafür, akzeptiere ich auch diese Regeln. Deshalb finde ich im Auswahlprozess heraus, welche Erwartungen, Vorstellungen und Bedürfnisse die Teilnehmer haben.

Zum Alltag im Kloster gehört auch das Beten. Wie oft trifft man sich zum Gottesdienst?

Es gibt in jeder Gemeinschaft ein Morgengebet und jeden Tag meist auch einen Gottesdienst. Dann ein Mittags- und ein Abendgebet. Vielleicht betet man noch nachts, bevor es Schlafen geht.

Im Bewerbungsprozess lernen Sie die Interessenten für die Zeit im Kloster kennen. Mussten Sie schon einmal welche ablehnen?

Ja, zum Beispiel aus Gründen eines fehlenden Visums. Es ist auch wichtig, dass zumindest eine psychische Stabilität vorliegt.

Ist das Ordensjahr nicht genau für solche Situationen geschaffen? In Krisen wenden sich schließlich manche Menschen dem Glauben zu.

Das Ordensjahr ist auch dafür da, zu überlegen, wie das Leben weitergehen soll. Es ist aber keine Therapie.

Der katholische Glauben ist keine Voraussetzung für die Bewerbung?

Es ist gewünscht, am Leben im Kloster, am Beten, Arbeiten und Lernen teilzunehmen. Das geht auch, wenn man an keinen Glauben gebunden ist. Manche Teilnehmer haben freikirchliche oder buddhistische Erfahrungen. Wenn ich aber gar nichts mit der Art des Betens anfangen kann und es eine Qual ist, dann macht die Teilnahme keinen Sinn.

© SZ vom 14.07.2021
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