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Katholische Kirche:Marx' vielleicht letzte Chance

Marx feiert Gottesdienst mit Altarweihe

Zwei Tage nach seinem Rücktrittsangebot feiert der Münchner Erzbischof Marx einen Gottesdienst mit Altarweihe.

(Foto: dpa)

Reinhard Marx muss jetzt, da der Papst seinen Rücktritt abgelehnt hat, seiner Verantwortung gerecht werden. Er sollte sich endlich die Zeit nehmen, den Opfern von geistlichem Missbrauch zuzuhören.

Kommentar von Bernd Kastner

Von Versagen ist viel die Rede, wenn es um die katholische Kirche geht, selbst der Münchner Kardinal spricht davon, als er erklärte, warum er zurücktreten wolle. Davon, persönlich Verantwortung zu übernehmen, auch für institutionelles Versagen der Kirche im Missbrauchsskandal. Jetzt, da ihn der Papst nicht gehen lässt, muss Reinhard Marx seiner Verantwortung gerecht werden, nicht durch Amtsverzicht, sondern durch Amtshandeln. Wenn Marx jetzt Betroffene ernster nehmen will, dann darf er sich nicht ausschließlich auf Opfer sexualisierter Gewalt fokussieren. Er muss auch jene Art von Missbrauch aufklären und bekämpfen, den es in der katholischen Kirche vermutlich an vielen Stellen gibt, der jedenfalls unter dem Dach seines eigenen Bistums fatale Folgen hatte: geistlicher Missbrauch.

In der "Katholischen Integrierten Gemeinde" (KIG) im Münchner Erzbistum geschah über Jahrzehnte Unerhörtes: Mitglieder wurden in spirituelle, soziale und finanzielle Abhängigkeiten gelockt. Gläubige Katholiken ließen sich von der Gemeinde vorschreiben, wen sie heiraten sollen, ob sie Kinder kriegen dürfen, wann sie sich scheiden lassen sollen, welchen Beruf sie ausüben, wie viel Geld sie der Gemeinde geben sollen.

So berichten es zahlreiche Aussteiger, so lässt es sich bei den kirchlichen Visitatoren nachlesen. Sie haben Berichte vorgelegt, die den Verantwortlichen ein miserables Zeugnis ausstellen. Das gilt auch für Joseph Ratzinger, den emeritierten Papst, der die KIG 1978 anerkannte und viel zu lange förderte, obwohl Warnungen eingegangen waren. Erst Ende 2020 löste Marx die KIG auf. Geblieben sind zahlreiche ehemalige Mitglieder, die mit den Folgen ihrer Abhängigkeit kämpfen.

Die Kirche selbst schafft es nicht, Missbrauch aufzuklären und aufzuarbeiten, das gilt für sexualisierte Gewalt, aber auch für geistlichen Missbrauch, den sie erst langsam in den Fokus nimmt. Also muss der Staat endlich aktiv werden. Er muss tatsächlich unabhängige Gremien schaffen, die auch juristisch Verjährtes untersuchen.

Allein, auch eine staatliche Wahrheitskommission entließe die Kirche nicht aus der Pflicht. Während es in der Präventionsarbeit viele gute und auch erfolgreiche Ansätze gibt, mangelt es Bischöfen oft an etwas ganz Grundlegendem: an Fürsorge und Empathie für die von Missbrauch Betroffenen. Das beklagen auch viele ehemalige KIG-Mitglieder. Kardinal Marx verhält sich viel zu passiv. Dabei bitten ihn Betroffene von geistlichem Missbrauch zunächst nur um ein Gespräch. Marx sollte sich endlich die Zeit nehmen, ihnen zuzuhören. Er würde auf verletzte und wütende Menschen treffen, auf verunsicherte und ratlose, aber auch auf solche, die wieder heimisch werden wollen in ihrer Kirche.

Jetzt, da Marx' Amtszeit in die Verlängerung geht, hat der Kardinal eine große, vielleicht letzte Chance, etwas gut zu machen. Zuzuhören ist die Pflicht eines Seelsorgers.

© SZ vom 14.06.2021
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