Nachhaltige Mode:Feiner Flaum - fair gehandelt

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Nachhaltige Mode: Barbara Giandomenico in ihrem Ladenatelier an der Jahnstraße.

Barbara Giandomenico in ihrem Ladenatelier an der Jahnstraße.

(Foto: Stephan Rumpf)

Kaschmirwolle ist ein luxuriöser Stoff. Barbara Giandomenico, Verena Ebner von Eschenbach und Simone Goschler wollen das begehrte Exportgut aus der Mongolei sozial gerecht handeln. Doch das hat seinen Preis.

Von Franziska Gerlach

Da ist es! Barbara Giandomenico hat das Foto von der Unternehmerin aus Ulaanbaatar gefunden, ohne die es weder das Ladenatelier an der Jahnstraße noch ihr Label "Studio 163" gäbe. "Ihr Anliegen ist es, das einzige gute Exportgut der Mongolei zu unterstützen", sagt die Münchnerin und hält ihr Smartphone hoch. Das Bild zeigt eine Frau Ende 50. Sie strahlt Stärke aus, und die hat sie vermutlich auch gebraucht, als sie vor 20 Jahren alleinerziehend eine Produktionsstätte für Kaschmir aufbaute. Ihr Name, den man bitte nicht schreiben solle, klingt so warm und weich wie das Ziegenhaar, mit dem sie aufgewachsen ist.

Die Ziegen werden hauptsächlich in der Mongolei, der Inneren Mongolei im Norden Chinas sowie im Norden Indiens gehalten. Nur beim Haarwechsel im Frühjahr sollte das feine Unterfell der Tiere herausgekämmt werden. Das daraus gesponnene Garn hat seinen Preis.

Giandomenico sah in dicken Kaschmirpullovern eine Nische und gründete vor fünf Jahren ein Unternehmen. Die Münchnerin verkauft hauptsächlich "direkt" in ihrem Laden, also ohne den Umweg über Händler, die sonst an dem Geschäft mitverdienen. Nur so könne sie den Pullover für 660 Euro anbieten, sagt sie. Einen solchen Betrag muss man natürlich in ein Kleidungsstück investieren wollen - und können. Doch München ist eine reiche Stadt und Kaschmir begehrt. Das Münchner Label Allude, zu dem die Cashmere Clinic im Lehel gehört, ist international bekannt. Mit Kaschmir verbindet man an der Isar auch den Namen Antonia Zander oder auch das Label Another Brand.

Nachhaltige Mode: "Ich könnte niemals Mode machen, wenn ich die Bausteine nicht kenne", sagt Verena Ebner von Eschenbach.

"Ich könnte niemals Mode machen, wenn ich die Bausteine nicht kenne", sagt Verena Ebner von Eschenbach.

(Foto: Stephan Rumpf)

Auch Verena Ebner von Eschenbach möchte möglichst nachhaltig mit dem Edelhaar der Kaschmirziege arbeiten. "Ich könnte niemals Mode machen, wenn ich die Bausteine nicht kenne", sagt sie. Unter dem Namen "Verena von Eschenbach" bietet die Designerin Pullover für 750 Euro an, in jedem stecke das Haar zweier Ziegen, sagt sie. Außerdem verkauft sie Decken und Tücher aus Kamel- und Yakhaar.

Eine weitere Münchner Kaschmir-Anbieterin ist Simone Goschler. In ihren Geschäftsräumen in Solln arbeitet sie an den Kollektionen ihres Labels The Holy Goat - die heilige Ziege. "Bei uns ist Farbe ein Muss", sagt sie. Ihr Garn stamme aus der Mongolei und aus der Region Ladakh im indischen Himalaya, produziert werde in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu. Goschler breitet einen ihrer großen, bunt bestickten Schals aus, deren Designs sich verschiedenen Urlaubsländern widmen: Ein Eis, eine Vespa und der schiefe Turm von Pisa - na klar: Italien. Kaschmir kann definitiv gute Laune verbreiten.

Nachhaltige Mode: Das Garn von Simone Goschler stammt aus der Mongolei und aus der Region Ladakh im indischen Himalaya, sagt sie: "Bei uns ist Farbe ein Muss."

Das Garn von Simone Goschler stammt aus der Mongolei und aus der Region Ladakh im indischen Himalaya, sagt sie: "Bei uns ist Farbe ein Muss."

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Kaschmir-Markt hat aber auch andere Seiten. Im Internet und in Kaufhäusern werden Produkte aus der edlen Wolle zu weitaus günstigeren Preisen angeboten. Doch ein Kaschmir-Pulli für 79 Euro - das könne nicht funktionieren, sagen die Betreiberinnen der kleinen Labels. Der internationale "Verband der Kaschmir- und Kamelhaarhersteller" (Cashmere and Camel Hair Manufacturers) warnt auf seiner Homepage vor "Schnäppchen", es sei auch minderwertiges oder gestrecktes Kaschmir im Umlauf. Und möglicherweise hat am anderen Ende der Welt ein Ziegenhirte nur ein paar Euro für einen Rohstoff erhalten, für den der Weltmarkt 200 Euro pro Kilo bezahlt.

Der Boom um das Ziegenhaar hat die Massenproduktion vorangetrieben, insbesondere in der Inneren Mongolei entstanden gewaltige Farmen. Im Herbst 2019 veröffentlichte die Tierschutzorganisation Peta Videos aus einigen Farmen, die zeigten, wie die Arbeiter den Ziegen das Fell mit spitzen Kämmen herausrissen. In einer Petition forderte Peta namhafte Modefirmen zum Verzicht auf Kaschmir auf. Weil zu viele Tiere auf zu kleiner Fläche weideten, sind zudem beträchtliche Teile der mongolischen Graslandschaften verödet. Das führte zu staatlichen Auflagen, die Tiere dürfen nicht mehr überall fressen, die Hirten müssen Futter zukaufen. Und auch das Expansionsstreben chinesischer Textilproduzenten und Zwischenhändler, die den Markt an Rohkaschmir regelmäßig leer kauften, sowie die Pandemie haben den Handel mit dem Ziegenhaar schwierig gemacht.

In München versuchen einige Labels, das Geschäft mit dem Flaum fair zu gestalten. Barbara Giandomenico sagt, sie vertraue ihrer Produzentin, die auch das Rohkaschmir für sie einkaufe. Die knapp 30 Mitarbeiterinnen in der Mongolei erhielten "vernünftige Löhne", dürften "Babypausen" nehmen, auch Menschen mit Behinderung fänden in der Produktionsstätte ein Auskommen.

Am liebsten würde sie jedes Tierhaar einzeln begleiten

Verena Ebner von Eschenbach zeigt Fotos: Auf einem sitzt sie mit einem Hirten auf dem Boden, ein zweites zeigt ein zotteliges Yak, auf einem dritten grasen ein paar Ziegen, die noch nie im Leben einen Zaun gesehen haben. Vor drei Jahren sei sie zuletzt dort gewesen, sagt sie, in der Mongolei. Am liebsten würde sie jedes Tierhaar einzeln begleiten auf seinem Weg. Um das Produkt nicht zu entwerten, gibt es bei ihr keinen Sale. Was nicht das Potenzial zum Pullover hat, verarbeiten die Nomaden zu Matten oder Satteldecken.

Simone Goschler sagt, sie zahle dem ersten Kind jedes Mitarbeiters der Produktionsstätte in Kathmandu die Schule. In diesem Winter bietet die Münchnerin Kaschmir-Pullover mit Fliegenpilz-Design und breite Schals im Gipsy-Stil an. Sie verkauft ihre Produkte ausschließlich über den Handel, wo einer ihrer großen Schals schon mal 1400 Euro kosten kann. Manche Kunden zahlen in Raten, andere sind solvent genug, um sich mehrere Exemplare auf einen Schlag zuzulegen.

Barbara Giandomenico sagt, sie habe bei den Münchnerinnen und Münchnern viel Bereitschaft festgestellt, sich auf sozial gerecht produzierte Mode einzulassen. Weil das Webhandwerk in der Mongolei nicht etabliert sei, lasse sie ihr Kaschmir in Deutschland weben. Eine Schneiderin in Neuhausen nähe aus dem Stoff dann etwa einen Mantel. Sie habe zwar inzwischen den Kontakt zu einer Weberei in Nepal, sagt Giandomenico. Doch die wolle sie erst mit eigenen Augen sehen.

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