Kartoffeln für Bedürftige:"Im Winter wird es sehr viele Menschen in München geben, die dringend Hilfe brauchen"

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Kartoffeln für Bedürftige: Bio für Bedürftige: Daniel Überall auf einem Acker des Kartoffelkombinats in Oberschweinbach (Landkreis Fürstenfeldbruck).

Bio für Bedürftige: Daniel Überall auf einem Acker des Kartoffelkombinats in Oberschweinbach (Landkreis Fürstenfeldbruck).

(Foto: Johannes Simon)

Ein Tross Lastenradler bringt mehrere Tonnen der Ernte einer Bio-Genossenschaft nach München, um sie an Bedürftige zu verteilen. Kartoffelkombinat-Vorstand Daniel Überall erklärt, warum das Ziel der Aktion über den Winter hinausreicht.

Interview von Thomas Anlauf

Der Münchner Daniel Überall ist Mitgründer und Vorstand im Kartoffelkombinat. Die genossenschaftlich organisierte Gemeinschaft mit etwa 3000 Mitgliedern baut Bio-Gemüse und Äpfel in einer Gärtnerei etwa 30 Kilometer westlich von München an. Eines der Ziele des Kartoffelkombinats ist es, eine selbstverwaltete und nachhaltige Versorgungsstruktur sowie ein gemeinwohlorientiertes statt profitmaximiertes Wirtschaften zu erreichen. Zum zweiten Mal nun arbeitet Überall mit Tom Michels zusammen, dem Gründer der Kartoffelfahrt. In diesem Jahr hat das Kartoffelkombinat einen halben Hektar Ackerland für etwa zehn bis zwölf Tonnen Bio-Kartoffeln zur Verfügung gestellt, die am 30. Oktober mit Lastenrädern zu Bedürftigen nach München gebracht werden.

SZ: Wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen dem Kartoffelkombinat und der Kartoffelfahrt?

Daniel Überall: Ich kannte Tom Michels eigentlich nicht und habe von seinem Projekt der Kartoffelfahrt auf Twitter gelesen. Da habe ich ihn gefragt, warum er das macht. Im ersten Jahr, 2020, hatten er und andere Radler Bio-Kartoffeln von einem Kartoffelbauern abgeholt und zur Münchner Tafel als Unterstützung für Bedürftige gebracht. Tom erklärte mir, dass es auch eine symbolische Geste sei, es geht ihm um postfossile Mobilität. Weil das Projekt noch viele weitere Themen adressiert, ist es spannend: Solidarität, Zugangsgerechtigkeit, Regionalität. Dafür werden gerade Spenden über die Plattform Betterplace gesammelt, wir werden etwa 7500 Euro an Anbaukosten haben.

Demnächst wird geerntet. Wer hilft da mit?

Das macht unser Gärtnerei-Team. Bei der Apfelernte machen die Genossinnen und Genossen mit, das sind etwa 60 Tonnen Bio-Äpfel. Ein Kartoffelbauer kommt dann nach seiner eigenen Ernte vorbei, er hat auch ein Lager, das groß genug ist für 50 bis 60 Tonnen Kartoffeln von unserer Ernte. Die Kartoffeln werden schließlich maschinell gerodet. Wenn der Boden zu nass und damit zu weich ist, geht das nicht.

In den vergangenen zwei Jahren wurden die Kartoffeln bei der Münchner Tafel kostenlos abgegeben. Jetzt läuft das über die kleine Münchner Hilfsorganisation Heimatstern. Wie kam das?

Gerade Großspender wie Firmen wollen Spendenquittungen haben. Wir können das aber nicht leisten. Heimatstern schon, auch deshalb sind wir jetzt unter deren Dach. Hinzu kommt: Bei der Tafel muss man seine Bedürftigkeit nachweisen, um etwas zu bekommen. Aber viele haben keinen Nachweis, aus unterschiedlichen Gründen. Gerade im kommenden Winter wird es sehr viele Menschen in München geben, die dringend Hilfe brauchen.

Könnte aus der Kartoffelaktion auch ein längerfristiges Projekt werden?

Ja, mir geht es auch darum, dass sehr viele Menschen in zehn bis spätestens 15 Jahren in Altersarmut leben werden. Aus Geldmangel müssen sie zwangsläufig zum Discounter, wo Lebensmittel meist günstiger sind als im Bioladen. Damit haben die Discounter aber einen garantierten, steuerfinanzierten Grundumsatz. Es braucht eigentlich eine ganz andere Struktur, bei der Bedürftige regionale Bioprodukte zu günstigen Preisen erhalten.

Informationen unter www.kartoffelfahrt.de und www.kartoffelkombinat.de, Spenden unter betterplace.org.

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