Triumph einer verkannten MalerinFrüher mit Elektroschocks gequält, heute im Museum geehrt

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So malte sich Karoline Wittmann im Selbstbildnis. „Halbakt mit Gladiolen“ ist das Ölgemälde aus dem Jahr 1949 betitelt.
So malte sich Karoline Wittmann im Selbstbildnis. „Halbakt mit Gladiolen“ ist das Ölgemälde aus dem Jahr 1949 betitelt. Sammlung Hierling © VG Bild-Kunst, Bonn 2026
  • Die Münchner Malerin Karoline Wittmann (1913-1978) verkaufte zu Lebzeiten nur drei Bilder, schuf aber 345 Ölgemälde und weitere Werke.
  • Sie malte gegen den Zeitgeist freizügige Akte und lesbische Paare, wurde 1956 und 1965 mit Elektroschocks behandelt und malte danach nie wieder.
  • Ihr Sohn Paul Maria Wittmann übergab den Nachlass an das Buchheim Museum, das eine wissenschaftliche Stelle zur Erforschung ihres Werks einrichtet.
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Die Münchner Künstlerin Karoline Wittmann malt von früh bis abends: Momentaufnahmen von den Straßen der Stadt, lesbische Paare beim Liebesspiel und andere No-Gos in der Adenauer-Zeit. Zu Lebzeiten verkauft sie nur drei Bilder.

Von Sabine Reithmaier

Den Erwartungen ihrer Zeit hat Karoline Wittmann nie entsprochen. Weder in privaten Dingen noch als Künstlerin. Zu Lebzeiten hat die Münchner Malerin nur drei Bilder verkauft. Beirrt hat sie das nicht. Sie malte weiter, schuf 345 Ölbilder, dazu Aquarelle, Pastelle, Radierungen und Zeichnungen. Und obwohl viele ihrer Arbeiten großartig sind, wäre sie wohl längst vergessen, hätte sich nicht ihr Sohn Paul Maria Wittmann so hingebungsvoll um ihren Nachlass gekümmert.

Jetzt steht er in der Stiftungsgalerie, die er vor wenigen Jahren am Wettersteinplatz eröffnet hat, um das Werk der Mutter (1913–1978) zu präsentieren. Erzählt von ihrem schwierigen Leben, von Bomben, Krankheiten und ihrer lang ungebrochenen Leidenschaft fürs Malen. „Sie malte gegen den Strom der Zeit und lebte auch so.“ Er erzählt das zum letzten Mal an diesem Ort, denn die im Nachlass verbliebenen Werke ziehen ins Bernrieder Buchheim Museum um.

Der Sohn der Malerin, Paul Maria Wittmann, vor Karolines Werken.
Der Sohn der Malerin, Paul Maria Wittmann, vor Karolines Werken. Isabelle Zapp / Buchheim Museum

Wittmann weiß zu jedem Bild die Entstehungsgeschichte. „Die Szene hat sie in der Straßenbahn erlebt“, sagt er und weist auf eine schicke Dame mit Fuchspelz, die mit größtmöglicher Distanz und blasierter Miene neben zwei jungen unrasierten Männern sitzt, laut Wittmann jüdischen Displaced Persons, die nach 1945 in der Möhlstraße lebten.

Münchner Alltagsszenen hat Karoline Wittmann, 1913 geboren als Karoline Erlacher, zuhauf festgehalten. Karl-Valentin-Fans kennen aus dem „Firmling“ (1934) den Namen ihres Großvaters. Franz Paul Erlacher, ein Druckereibesitzer, unterstützte den Künstler, als der sich 1907/08 mühsam als Zitherspieler und Komiker über Wasser hielt.

Karolines Eltern besaßen in der Ismaninger Straße ein Schreib- und Galanteriewarengeschäft. Eigentlich hätte die Tochter dort mitarbeiten sollen. Doch sie beschloss nach einem Besuch im Glaspalast, Malerin zu werden. Nicht einfach, den Vater von diesem Berufswunsch zu überzeugen. Mit Unterstützung des Impressionisten und Akademieprofessors Heinrich von Zügel, der im Laden der Eltern einkaufte, gelingt ihr das schließlich.

Geboren wird Karoline unter dem Mädchennamen Erlacher, ihr Vater war Schreibwarenhändler und ein Mäzen Karl Valentins.
Geboren wird Karoline unter dem Mädchennamen Erlacher, ihr Vater war Schreibwarenhändler und ein Mäzen Karl Valentins. Stiftungsfonds Karoline Wittmann im Buchheim Museum,  Rechtsnachfolge Atelier Hostrup

Erst besucht sie private Malschulen, von 1935 an ist sie an der Akademie, zeichnet bei Adolf Schinnerer, avanciert zur Meisterschülerin von Julius Hess, einem „Französling“, wie ihn die Nationalsozialisten abwertend nannten, weil er von Paul Cézannes Farb- und Formkosmos beeinflusst ist. 1938 heiratet Karoline den Bildhauerstudenten Paul Wittmann, zieht mit ihm in ein Wohnatelier am Pullacher Platz. Den beiden bleibt wenig gemeinsame Zeit. Paul muss bereits 1939 in den Krieg.

Karoline Wittmann bleibt zurück, malt Porträts und farblich ausbalancierte Stillleben, die noch den Geist Cézannes atmen. Mitglied der Reichskulturkammer will sie nicht werden, darf daher auch nicht ausstellen. Dass sie sich nicht anpasst, verdeutlichen auch ihre Kohlezeichnungen von außereuropäischen Menschen, die so gar nicht dem arischen Ideal entsprechen.

1944 wird die Akademie bombardiert, fast das gesamte Frühwerk der Malerin zerstört. Trotzdem: „Ich bin mir sicher, dass sie sich bei Kriegsende frei fühlte, wirklich frei“, schreibt der Sohn in einer biografischen Skizze. Ein Freiheitsgefühl mit Folgen: Sie lernt einen amerikanischen Soldaten kennen, von ihrem Ehemann hat sie seit Monaten nichts mehr gehört. Doch dann kehrt er im September 1945 zurück. Paul Maria Wittmann erfuhr erst Anfang der Sechzigerjahre durch den Vater, dass nicht der, sondern ein amerikanischer Soldat sein leiblicher Vater war. Kein Wort dazu, wie die beiden mit der Situation fertig wurden, Schweigen darüber, wie es Paul Wittmann erging, als fünf Monate nach seiner Rückkehr das Baby geboren wurde. Die Ehe hält.

Ihr Mann verzichtet auf seine eigene Karriere und führt den Haushalt der Familie

Der Vater habe sich nach seiner Rückkehr entschlossen, auf seine eigene Karriere zu verzichten und der Mutter das Malen zu ermöglichen, sagt Paul Maria Wittmann. Er kümmert sich um den Haushalt, kocht, betreut die Hausaufgaben des Sohns – ein nicht gerade übliches Rollenbild in den Adenauer-Zeiten. Geld verdient er als Restaurator. „Ich hatte meine Eltern immer um mich herum und wenn mir langweilig war, drückte mir meine Mutter eine Palette mit Farben in die Hand und eine Hartfaserplatte ...“ erinnert sich der Sohn. Manchmal muss es allerdings sehr eng gewesen sein, denn das ganze Leben, Schlafen, Essen, Arbeiten, Spielen – fand in einem einzigen Raum statt.

Karoline Wittmann ist eine disziplinierte Künstlerin, die von früh bis abends arbeitet. Es entstehen Porträts, Stillleben, Landschaften und beeindruckende Momentaufnahmen, die Schnappschüssen ähneln: Szenen, die sie in Kaffeehäusern, auf dem Oktoberfest, in Hellabrunn oder auf der Straße beobachtet. Sie malt ungewöhnlich freizügige Akte, Paare, auch lesbische, beim Liebesspiel. „Das waren Motive, die in der Adenauer-Zeit noch No-Gos waren“, sagt der Sohn. Er durfte die Nackten nicht sehen, entdeckte sie erst, als er 1993 begann, den Nachlass zu sichten. Die Mutter hatte sie auf den Rückseiten anderer Bilder mit Reißnägeln angeheftet.

Verkaufen konnte sie nichts, dafür malte sie zu figurativ, zu expressiv, während nach dem Krieg das Abstrakte gefragt war. Der Hummer, den sie auf drei Gemälden verewigt hat, stammt aus einem Feinkostgeschäft in der Theatinerstraße. Die Künstlerin, fasziniert von dessen Farbe, starrte das Tier so lange im Schaufenster an, bis eine Verkäuferin sich erkundigte, was denn los sei. Den Hummer durfte sie am nächsten Tag holen, das Fenster wurde umdekoriert.

Karoline Wittmanns Stillleben mit Hummer und Silberkanne. Sie malt das Tier 1955 in Öl auf Malpappe.
Karoline Wittmanns Stillleben mit Hummer und Silberkanne. Sie malt das Tier 1955 in Öl auf Malpappe. Stiftungsfonds Karoline Wittmann, Buchheim Stiftung, Bernried. VG Bild-Kunst Bonn 2026

Regelmäßig zeichnete sie in Hellabrunn, setzte die Motive später im Atelier um. „Wir hatten Dauerkarten für Hellabrunn“, sagt der Sohn. Da Hellabrunn durch Bomben stark in Mitleidenschaft gezogen war, waren die meisten Tiere im Elefantenhaus untergebracht, auch der Papagei, der gern lautstark „Heil Hitler“ krächzte – Karoline verewigt ihn 1959 im Gemälde „Frau mit Papagei“. Oder das Stachelschwein, dessen aufgeplusterte Stacheln Karoline Wittmann zur Radierung „Carmen“ inspirierten. Eine Tänzerin mit schmaler Taille, die ein üppiger Stachel-Rock noch betont. Fabelhaft komponiert auch das Gemälde mit dem Spielplatz des Zoos: die Abwärtsbewegung der Rutschbahn fängt die aufwärtsstrebende Schiffschaukel auf, im Hintergrund trabt ein Kamel vorbei. Viele ihrer Passanten haben übrigens keine Gesichter, manches ist überzeichnet. Auffallend auch die roten Konturen.

Dann sind da noch die frühen Skizzen von „Schorschi“, dem Sohn ihrer Schwester Maria Pöltl, denen bereits 1940 das Bild „Mutter mit Kind“ folgte, derzeit gerade ausgestellt im NS-Dokumentationszentrum. Der 16-jährige Georg war Anfang Februar 1945 mit Freunden in den Weinkeller einer ausgebombten Villa in Bogenhausen eingestiegen. Dabei wurden sie „in besoffenem Zustand“ von der Polizei erwischt. Wegen des Platzmangels in den Münchner Gefängnissen landeten sie im typhusverseuchten, überfüllten „Ausweicharrest“ des KZ Dachau.

Seine Mutter brachte, begleitet von Karoline, regelmäßig Essenspakete, die der Sohn vermutlich nie erhielt. „Bei ihrem letzten Besuch am 10. April 1945 verweigerte man an der Pforte die Annahme des Esspaketes, schmetterte den beiden stattdessen diesen schrecklichen Satz entgegen, den meine Tante Marie ihr ganzes Leben lang nie mehr vergessen konnte: Sie könnten das Esspaket wieder mitnehmen und eine Handvoll Asche dazu.“

„Beim Einkaufsbummel“ nennt Karoline Wittmann diese Szene aus dem Jahr 1959. Sie hält sie in Öl auf Hartfaser fest.
„Beim Einkaufsbummel“ nennt Karoline Wittmann diese Szene aus dem Jahr 1959. Sie hält sie in Öl auf Hartfaser fest. Stiftungsfonds Karoline Wittmann, Buchheim Stiftung, Bernried. VG Bild-Kunst Bonn 2026

1956 machen sich bei Karoline Wittmann Anzeichen einer Schizophrenie bemerkbar. Im Nervenkrankenhaus Haar wird sie mit Elektroschocks behandelt. Doch die Wutanfälle und der Verfolgungswahn treten wieder auf, schwer zu ertragen für Sohn und Ehemann, die hilflos dem Verfall zusehen müssen. 1965 folgen ein zweiter Klinikaufenthalt und wieder Elektroschocks. Danach ist die Kreativität der Künstlerin erloschen. Sie malt bis zu ihrem Tod 1978 kein einziges Bild mehr.

Paul Maria Wittmann fällt es schwer, davon zu erzählen, er kämpft mit Tränen, seine Stimme bricht. Der Vater blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1993 mit den Bildern seiner Frau im Atelier wohnen. „Er wollte nicht vom Kunstverkehr gestört sein.“ Erst danach beginnt der Sohn mit dem Sichten und Ordnen der Bilder, knüpft erste Kontakte. Der Kunsthistoriker Matthias Arnold schreibt ein Buch über Leben und Werk der Malerin.

Seit einigen Jahren haben auch Sammler das Werk der Malerin entdeckt. Joseph Hierling ist einer davon; er hat seine Sammlung des „Expressiven Realismus“ bereits 2021 dem Buchheim Museum übereignet. Das Kölner Sammlerpaar Evelyn und Wolfgang Meessen hat dem Museum weitere 30 Werke Wittmanns notariell zugesichert. Meessen baut seit 2020 ein umfassendes digitales Archiv zu Karoline Wittmann auf. Er war es auch, der Paul Maria Wittmann den Kontakt zum Buchheim Museum vermittelte.

Neben den Kunstwerken und einigen persönlichen Gegenständen umfasst die aktuelle Zustiftung auch Immobilien, deren Erträge die Finanzierung des Stiftungsfonds Karoline Wittmann sichern. Im Museum wird sich künftig eine wissenschaftliche Kraft auf einer neuen halben Stelle um die Erschließung und Erforschung des Werks und der Kunst des Expressiven Realismus kümmern. „Wir hoffen, dass wir in einem Jahr bereits etwas zeigen können“, sagte Walter Schön, Vorstandsvorsitzender der Buchheim Stiftung.

Paul Maria Wittmann ist froh, die Verantwortung los zu sein. „Die Sammlung ist schließlich ein Teil von mir“, sagt er. Er trenne sich leicht, sagt der fast 80-Jährige, er behalte kein einziges Bild, kein einziges Erinnerungsstück „Mir reicht, dass ich das meiner Mutter gegebene Versprechen, mich um ihr Werk zu kümmern, eingelöst habe.“

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