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Tram nach Karlsfeld:Einfallstor fürs Umland

Elektronische Höhenkontrolle an Bahnunterführung in München, 2017

Nadelöhr: Wenn die Unterführung an der Dachauer Straße, im Bild Richtung Norden, neu gebaut wird, soll auch die Tram durchpassen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Eine Tram nach Karlsfeld durch die Bahnröhre, die ohnehin neu gebaut werden muss: Die Idee von Dachaus Landrat Löwl stößt im Münchner Rathaus durchaus auf Gegenliebe. Im Stadtbezirk aber befürchtet man, von Pendlern aus dem Norden überrannt zu werden

Von Anita Naujokat, Moosach

Mehr als nur skeptisch sehen Moosachs Lokalpolitiker die Pläne der Stadt, die Bahnüberführung an der Dachauer Straße so zu erweitern, dass gleich noch Platz für eine künftige Trambahnverbindung nach Karlsfeld und Dachau offen bleibt. Daran konnte auch eine Videokonferenz mit Vertretern des Planungs-, des Baureferats, der Stadtwerke und elf Mitgliedern des örtlichen Bezirksausschusses (BA) nichts ändern, von dem sich die Stadtteilpolitiker mehr Informationen erhofft hatten. Immerhin konnten sie in der Anhörung einen Aufschub ihrer Stellungnahme wegen weiteren Klärungsbedarfs bis zu ihrer Januarsitzung erreichen.

Die neuen Pläne sind mitten in den schon laufenden Prozess geplatzt. Vor fünf Jahren hatte der Stadtrat antragsgemäß das Bauprogramm im Zuge der Erneuerung der Eisenbahnbrücken der Deutschen Bahn beschlossen. Knapp eineinhalb Jahre später hatte sich Dachaus Landrat Stefan Löwl (CSU) mit der Bitte an Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) gewandt, doch eine mögliche Verlängerung der Tramlinie 20 in den Landkreis Dachau zu berücksichtigen. In der Erneuerung der Bahnüberführung sieht Löwl die "einmalige Chance", Vorkehrungen für eine langfristige Realisierung einer Tramtrasse Richtung Karlsfeld zu treffen. Auch Vertreter der Großen Kreisstadt Dachau hätten beim Thema "interkommunales Konzept" für den Raum München Nord immer wieder den Bedarf an einer leistungsfähigen, tangentialen Schienenverbindung zwischen Dachau und einer U-Bahn im Münchner Norden hervorgehoben, heißt es in der Beschlussvorlage für den Mobilitätsausschuss des Stadtrats am 20. Januar. Mittlerweile liegt eine Machbarkeitsuntersuchung vor. Das Ergebnis: Die Dachauer Straße bilde die einzige, direkte Möglichkeit, das Tramnetz von Moosach Richtung Münchner Nordwesten und Karlsfeld zu erweitern. Das Planungsreferat geht davon aus, dass täglich rund 10 000 Fahrgäste die Tramverbindung nutzen würden.

Die derzeitige Röhre, über die die zweigleisige Bahnstrecke vom Hauptbahnhof nach Regensburg und ein Gleis zwischen dem Rangierbahnhof München-Nord und Laim führen, ist mit einer Durchfahrtshöhe von 3,40 Metern beschildert. Sie gilt als erheblicher Unfallschwerpunkt, nachdem immer wieder Busse und Lastkraftwagen in dem Nadelöhr hängen bleiben. Seit drei Jahren ist sie - mit Unterbrechungen - mit Warnschildern und einer elektronischen Höhenkontrolle ausgestattet. Laut Bahn ist sie nicht mehr sanierbar.

Der Neubau sah bisher vor, die Durchfahrtshöhe auf 4,50 Meter auszuweiten, realisierbar auch durch eine Tieferlegung der Dachauer Straße. Mit Tram würden 4,70 Meter benötigt. Auch müssten die Fahrspuren von 3,25 auf 3,50 Meter verbreitert werden.

Doch die technische Machbarkeit ist das eine, die Folgen sind das andere. Und die hält der Bezirksausschuss für gravierend. Nicht nur dass es wegen Tieferlegung und Rampen zu Problemen mit den Querstraßen im Norden des Tunnels kommen könnte, wie Axel Stoßno (FDP) anmerkte. Dort verläuft die Dachauer Straße bis zur Max-Born-Straße gerade einmal zweispurig. Befürchtet wird, dass sich dann dort alles hindurch schiebt und in die Quere kommt: der Autoverkehr, Lastwagen, Fußgänger, Radler, die Tram, auch sei noch von einem Radschnellweg die Rede. "Wir bauen nur mit wahnsinnig viel Geld ein Nadelöhr", sagte der BA-Vorsitzende Wolfgang Kuhn (SPD). Das sei eine komplette Umplanung, er fühle sich schon etwas verschaukelt.

Der Bedarf, den öffentlichen Personennahverkehr auszubauen, sei sicher vorhanden, so Angelika Bueb (CSU), Vorsitzende des Unterausschusses Verkehr. Doch der Stadtbezirk laufe Gefahr, über die Dachauer Straße zum Einfallstor für das ganze nördliche Umland nach München zu werden - für Menschen, die in die Stadt wollten, und nicht nach Moosach, sagte Bueb. Sie plädierte dafür, die Pendler besser zu verteilen. Der S-Bahn-Nordring von Karlsfeld über das BMW-Forschungs- und Innovationszentrum (FIZ) zum Euro-Industriepark sei bereits geplant, forciert werden müsse auch eine Verlängerung der U 3 nach Allach und darüber hinaus.

CSU-Fraktionssprecher Florian Wies fehlen auch Antworten für ein Verkehrskonzept: Wie sieht dies während der anvisierten 30 Monaten Bauzeit aus, die sich durch den Einschub der Tram noch verlängern könnte, was sagen die Prognosen im Allgemeinen und im Besonderen mit und ohne Tram? Auch die SPD-Fraktion hat einen umfangreichen Fragenkatalog ausgearbeitet: Wie sind die Haltestellen realisierbar, hinter denen streckenweise die Autos warten müssten? Haben die Behörden alternative Streckenführungen etwa über die Untermenzinger und Ohlauer Straße gen Norden erwogen und geprüft? Könnte die U 3 Ludwigsfeld und Karlsfeld erschließen? Und wie passe der Beibehalt der Dachauer Straße im Vorbehaltsnetz für den überörtlichen Wirtschaftsverkehr entgegen der Forderung des Bezirksausschusses mit dem Tram-Plan zusammen? Diese und andere Fragen wie nach Straßen-Neigungen und Steigungen und dem Zustandekommen von Zahlen will der Bezirksausschuss vor seiner Stellungnahme noch umfassend beantwortet wissen. "Wir müssen genau hinterfragen, sonst bricht uns das ganze Ding zusammen", sagte Kuhn.

Noch gar nicht angesprochen wurde, was aus der Absicht wird, bei der erstmaligen Herstellung der zweispurigen Dachauer Straße in ihrem nördlichen Verlauf zwischen der Gröbenzeller Straße und der Wildermuthstraße - bis dato nur Provisorium - den historischen Charakter einer Chaussee erhalten zu wollen. Diese liegt seit einem Pilzbefall der Bäume vor acht Jahren auf Eis. Damals war vom Ausbau der Unterführung und einer Tram noch keine Rede gewesen.

© SZ vom 04.01.2021/van
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