Die Münchner hegen einen nicht allzu zimperlichen Umgang mit den Berühmtheiten ihrer Stadt. Da muss man nur auf die Eisbachwelle blicken. Sie ist regelrecht heruntergeputzt worden, und jetzt türmt sich nur die Empörung, aber eben kein Wasser mehr auf. Eine andere Berühmtheit dieser Stadt, die Münchner Kammerspiele, kennt das mit dem Herunterputzen und der Empörung auch. Zudem wird zwar nicht der Wasser-, aber doch der Geldhahn stets weiter zugedreht. Trotzdem, liebes München, haben die Kammerspiele nichts von ihrem Flow verloren, sie haben sogar zugelegt, sie reißen einen mit.
Das mag jetzt in den Ohren all derjenigen seltsam klingen, die sich mit Beginn der Intendanz von Barbara Mundel über das Theater an der Maximilianstraße aufgeregt haben. Zu wenig bekannte Stoffe, Titel, mit denen man nichts anfangen kann, didaktische Produktionen. Aber diese Rüffel kamen zuletzt nur noch von Menschen, die jahrelang nicht mehr in den Kammerspielen waren. Sie sind ja auch Unsinn. Wenngleich der Münchner Dynamisches wie Wasserläufe liebt, ist er in seiner Meinung oft beharrlich. Hat ihn die erste Welle nicht gepackt, versucht er es an selber Stelle lange nicht noch einmal.

Was läuft in der Literatur:Welche Lesungen in die Zukunft weisen
Das Münchner Literaturjahr beginnt mit einer Fülle an Möglichkeiten, mit Lesungen von Ursula Krechel bis Peter Licht. Und mit einem neuen Comicladen im Herzen der Stadt.
Da ist es natürlich umso besser, wenn eine Nachricht zu den Kammerspielen die bayerische Landeshauptstadt quasi von nächsthöherer Stelle erreicht. Also aus der Hauptstadt. Die unabhängige Jury des Berliner Theatertreffens hat entschieden, die Münchner Kammerspiele erneut einzuladen – aber doppelt. Diesmal sind zwei Produktionen beim wichtigsten Treffen der Branche dabei, sozusagen bei der deutschsprachigen Theater-Oscarverleihung. Wobei die Einladung schon der Oscar ist. Die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen aus 739 gesichteten Arbeiten reisen an. „Mephisto“ und „Wallenstein“ sind zwei davon.
Zwei von zehn Top-Inszenierungen stammen 2026 also aus den Kammerspielen, eine Quote von 20 Prozent für ein Haus, das in den vergangenen Jahren so hartnäckig an einer Quote gemessen wurde. Allerdings an einer anderen, der Auslastungsquote. Die plätscherte einige Zeit zwischen 50 und 60 Prozent herum. Mittlerweile liegt sie deutlich höher. Seit Barbara Mundel Intendantin ist, waren die Kammerspiele nur 2025 nicht zum Theatertreffen eingeladen (2021 mit einer Koproduktion). Ergibt eine Quote von 83 Prozent.
Natürlich sind die Entscheidungen der Theatertreffen-Jury nicht das Maß aller Dinge. Werden diese bekanntgegeben, werden sie sofort kritisiert. Kunst ist eben auch Geschmackssache. Aber diese Welle sollte München schon reiten. Mit schönen Grüßen nach Berlin: Die Kammerspiele sind gerade einer der geilsten Theater-Hotspots im deutschsprachigen Raum.

