TheaterDie Spielzeit 2026/27 an den Münchner Kammerspielen

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100 Jahre ist es her, dass die Kammerspiele in das Schauspielhaus an der Maximilianstraße zogen. Die Gründungsphase wird ein Orientierungspunkt im neuen Programm.
100 Jahre ist es her, dass die Kammerspiele in das Schauspielhaus an der Maximilianstraße zogen. Die Gründungsphase wird ein Orientierungspunkt im neuen Programm. Stephan Rumpf

Die Münchner Kammerspiele haben den Erfolg im Rücken und bleiben experimentierfreudig: 13 große Premieren wird es in der nächsten Saison geben, darunter fünf Uraufführungen und ganz wenig aus dem Theaterkanon.

Von Yvonne Poppek

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Der Blick geht an diesem Vormittag erst einmal zurück. Und zwar ein ganzes Stück. 100 Jahre ist es her, dass die Kammerspiele in das Schauspielhaus an der Maximilianstraße zogen, am 19. September 1926 gab es die erste Premiere. Insofern ist es eine besondere Spielzeit, die Intendantin Barbara Mundel bei der Pressekonferenz am Donnerstag vorstellt. Dies tut sie passenderweise im Habibi Kiosk, der kleinsten Spielstätte der Kammerspiele, direkt an der Maximilianstraße.

Es ist ein guter Ort, wobei man sich gleichzeitig wünscht, er böte mehr Platz, damit möglichst noch mehr Menschen die kleinen Previews auf die kommende Spielzeit erleben könnten, die das Ensemble auf den eigentlich nicht vorhanden Platz zaubert. Denn nach diesen Ausblicken liegt die Vermutung nahe: Das Programm für 2026/27 verspricht an die erfolgreichen, spannenden vorhergehenden Spielzeiten anzuknüpfen.

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Den Erfolg kann Mundel insbesondere für die noch laufende Saison verbuchen. „Rekordspielzeit“ kann sie diese nennen mit einer Auslastung von 80 Prozent und 170 000 Besuchen – die meisten seit der Datenerfassung seit 2004. Eine „beglückende Saison“ nennt die Intendantin sie deshalb, künstlerisch wie wirtschaftlich – und das in Zeiten knapper Kassen, in denen zwischen Stadttheater und Stadtpolitik kürzlich erst ein Sparpaket vereinbart wurde.

13 große Premieren im Schauspielhaus und in der Therese-Giehse-Halle sollen nun an diesen Erfolg anknüpfen. Die Gründungsphase und die nur sieben Jahre später folgende nationalsozialistische Säuberungswelle sind für das Programm dabei ein Orientierungspunkt. Hier wird es auch eine Zusammenarbeit mit dem Theaterwissenschaftlichen Institut der LMU geben, das ebenfalls 100-jähriges Bestehen feiert.

„Danton“ wird am 23. September die Spielzeit eröffnen – in Anlehnung an Büchners „Dantons Tod“, mit dem vor 100 Jahren Otto Falckenberg an der Maximilianstraße begann. Die Theatergruppe Post Paradise mit Regisseurin Lizzy Timmers begibt sich auf Basis des Textes im Schauspielhaus auf eine „revolutionäre Spurensuche“. Regisseurin Marie Schleef wird sich kurz darauf Valeska Gert, der „Ikone des expressionistischen Tanzes“, widmen, die an den Kammerspielen engagiert war, von den Nazis diffamiert wurde und 1939 emigrierte. Es wird Schleefs erste choreografische Arbeit sein mit dem Titel „(Münchner) Verkehr“.

Nach diesen beiden experimentelleren Formaten adaptiert Regisseurin Felicitas Brucker „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth für die Bühne. Sie gehört zu dem festen Stamm der Regieführenden, die den Kammerspielen unter Barbara Mundel immer wieder Einladungen zum Berliner Theatertreffen und Publikumserfolge beschert haben. In diese Reihe gehören auch Jette Steckel und Jan-Christoph Gockel, die ebenfalls inszenieren werden.

Während der Stoff für Steckel noch nicht final feststeht, wird Gockel sich Shakespeares Rosenkriege-Dramen um die Häuser York und Lancaster vornehmen. Das Thema Krieg, wie wir ihn führen und beenden, hat den Regisseur schon in seinem „Wallenstein“ beschäftigt, seinem großartigen Siebenstundenspektakel. Daran knüpft er nun an.

Eine große Theaterunternehmung wird auch die Uraufführung „Limina“ werden. Regisseur Łukasz Twarkowski – in München bekannt durch seine irrsinnige wie präzise, technik-affine Arbeit „WoW“ – plant sie als Reise durch Zeiten und Realitäten. Die Arbeit ist Teil des zweiten Spielzeit-Schwerpunkts „Neue Realitäten – wie KI unser Leben formt“, zu der auch das neue Stück „Heaven Will Come“ von Thomas Köck gehört oder „Becoming Data“, ein künstlerisches Datenexperiment der Gruppe Laokoon.

Intendantin Barbara Mundel präsentiert die kommende Spielzeit, nach derzeitigem Stand wäre es ihre vorletzte Saison an den Kammerspielen.
Intendantin Barbara Mundel präsentiert die kommende Spielzeit, nach derzeitigem Stand wäre es ihre vorletzte Saison an den Kammerspielen. pop

Die Auseinandersetzung mit KI ist der thematische Blick nach vorn, gleichzeitig bleiben sich die Kammerspiele treu, wenn sie auch feministische Ansätze aufnehmen. „Patriarchat verlernen“ wird das Thema kämpferisch genannt. Die Uraufführung „The Truest True Crime“ von Anna Jelena Schulte gehört dazu. Die Autorin setzt sich künstlerisch mit ihrer Geschichte auseinander. Sie wurde vergewaltigt, der Täter lange nach der Tat verhaftet und verurteilt. Nun geht es um ihre Perspektive.

Erstmals wird Schauspielerin Katharina Bach in dieser Saison Regie führen und mit Jelana Kuljić, Lucy Wilke und den Bitch Boys eine musikalische Reise mit „Schubert in Paradise“ antreten. Mit den Regisseurinnen Manuela Infante und Joana Tischkau wird es in dieser Spielzeit erstmals eine Zusammenarbeit geben, beide übernehmen Uraufführungen. Die Kammerspiele bleiben also mutig und experimentierfreudig.

Barbara Mundels Vertrag läuft noch zwei Jahre – und dann?

Zusätzlich zu diesem Programm gibt es weiterhin die beweglichen Formate im Werkraum und dem Habibi Kiosk, wird das Jewish Chamber Orchestra Munich das „Orchestra in Residence“ bleiben, werden die Musikreihen fortgesetzt – den Auftakt am 26. September macht Pussy Riot, für die extra die Bestuhlung aus dem Schauspielhaus ausgebaut wird.

Bleibt also der Blick nach vorne: Zwei Jahre läuft der Vertrag von Intendantin Barbara Mundel noch. Und dann? Jennifer Becker, Vorsitzende der Theatergemeinde, wünschte sich auf der Pressekonferenz eine Würdigung von Mundels Arbeit und dass die Stadtpolitik nicht „wie beim letzten Intendanzwechsel zu spät bereut, nicht verlängert zu haben“. Trotz der Anfangsphase, die ihr nicht bequem gemacht wurde, zeigte sich Mundel auf Nachfrage offen: Sie sei gesprächsbereit. „Den Rest muss die Politik entscheiden.“

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