Start an den Münchner Kammerspielen:"Endlich wieder ein üppiger, langer Theaterabend"

Start an den Münchner Kammerspielen: Volles Haus und voller Erfolg: Beim Applaus gibt es Rosen für die Darstellerinnen und Darsteller.

Volles Haus und voller Erfolg: Beim Applaus gibt es Rosen für die Darstellerinnen und Darsteller.

(Foto: Stephan Rumpf)

Umarmungen, Wiedersehensfreude und Sekt aufs Haus: Mit der Inszenierung der "Effingers" startet die neue Saison an den Münchner Kammerspielen. Über eine Premierenfeier mit Menschen, die sich ihr Theater zurückgeholt haben.

Von Christian Mayer

So eine Zeit der unfreiwilligen Abstinenz hat zumindest einen Vorteil: Man sieht den Wert der Dinge wieder klarer, die man so lange vermisst hat. Die Vorfreude auf diese Saisoneröffnung an den Münchner Kammerspielen ist daher noch um einiges größer als sonst. Während in der Innenstadt lauter Menschen in Dirndl und Lederhosen ausgelassen die Wirtshauswiesn feiern, drängeln sich auch auf der Maximilianstraße endlich wieder die Premierengäste, die Smartphones mit den Impfnachweisen in der Hand. Drinnen im Foyer trifft man den Musiker Michael Well, vormals Biermösl Blosn, der sich "unglaublich freut" auf diese Spielzeit unter der immer noch neuen Intendantin Barbara Mundel, die im vergangenen Corona-Jahr 2020 vom Virus radikal ausgebremst worden war. "Wir haben alle mitgelitten - die Kammerspiele sind ja schon lange unser künstlerisches Zuhause", sagt Well.

Das Mitfühlen und manchmal auch das Mitleiden ist ein Wesenszug des Theaters, aber man braucht dafür eben auch ein Publikum, das sich vom heimischen Sofa wieder losreißt. Dass die Kammerspiele bei der Premiere von "Effingers" nach dem Roman der Berliner Journalistin Gabriele Tergit voll besetzt sind, darf man als gutes Zeichen werten: "Ich bin dankbar, dass wir die Corona-Epidemie einigermaßen überstanden haben", sagt Münchens Kulturreferent Anton Biebl. Er macht gerade die große Eröffnungsrunde: Teamtheater, Metropol, jetzt die Kammerspiele; am Sonntag legt zudem das Residenztheater mächtig los mit der sechsstündigen Uraufführung "Unsere Zeit" von Simon Stone frei nach Motiven von Ödön von Horváth.

Bei der Inszenierung der "Effingers" von Regisseur Jan Bosse erlebt man dann auch ein wirklich begeisterungsfähiges Publikum, schon zur Pause gibt es lautstarken Beifall: Das macht ja auch alles richtig Freude - die Bühnenfassung einer preußisch-jüdischen Familiengeschichte im Zeitraffer, mit vielen historischen Bezügen, den Abgründen und Katastrophen der deutschen Geschichte und den menschlichen Dramen einer bürgerlichen Familie, in der viele Träume zerplatzen. "Wir sind froh, dass wir der Stimme dieser Autorin Gehör verschaffen können", sagt Intendantin Barbara Mundel, als sie die Bühne betritt und gleich mal eine Rose in die Hand gedrückt bekommt. Mundel ist keine, die sich in den Vordergrund drängt. An diesem Abend spürt man eine riesengroße Erleichterung bei ihr; die Lust, endlich wieder rauf zu dürfen auf die Bühne.

Weil man auch die Gespräche nach der Vorführung so sehr vermisst hat, geht das Schauspiel bei milden Temperaturen im Innenhof der Kammerspiele weiter. Es gibt viele Umarmungen, Wiedersehensfreude und Sekt aufs Haus - und man möchte sich fast schon kneifen, ob das wirklich wahr ist: eine Premierenfeier mit lauter Menschen, die sich ihre Kammerspiele zurückgeholt haben. Schauspieler Georg Uecker aus der Lindenstraße, der fachkundig über den neu entdeckten 900-Seiten-Roman von Gabriele Tergit referieren kann, hat vor lauter Übermut sogar ein Souvenir von der Aufführung mitgenommen: die Überreste eines zerborstenen Stuhls, damit kann man herrlich Krach machen. Walter Hess, 82-jähriger Seniorstar der Kammerspiele und wie immer sehr präsent, lobt das ganze Ensemble, in dem jeder seinen Moment gehabt habe. "Endlich wieder ein üppiger, langer Theaterabend und auf Anhieb ein volles Haus."

So kann es jedenfalls weitergehen, nach den Monaten der Abstinenz - mit einem leichten Rausch radelt man nach Hause. Dafür muss man nicht mal die Wirtshauswiesn besuchen. Theater wirkt.

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